Wie Jugendliche mit Pornografie umgehen

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Wie Jugendliche mit Pornografie umgehen

  • Pornografie ist dank Internet und Smartphone überall für jeden verfügbar
  • Interview mit Sexualforscherin Urszula Martyniuk
  • Wie verändert Pornografie die Sexualität von Jugendlichen?

WDR.de: Frau Martyniuk, Sie haben 160 Jugendliche im Alter zwischen 16 und 19 Jahren zu ihren Erfahrungen mit Sexualität und dem Internet befragt. Wie verändert der Konsum von Pornografie die Sexualität?

Urszula Martyniuk: Welche Pornografie meinen Sie? Das war nämlich auch die Frage, die uns Jugendliche ganz häufig in unseren Interviews gestellt haben. Und das zeigte uns, dass Jugendliche Pornografie sehr differenziert betrachten und nutzen.

Wir haben festgestellt, dass junge Menschen – anders als meist von der Öffentlichkeit oder Wissenschaft so gesehen – keine passiven Nutzer sind, die Pornografie ausgesetzt sind oder gar davon überschwemmt werden. Vielmehr sind junge Menschen aktive Mediennutzer, die nach Pornografie suchen, die sie interessiert. Die für sie eine Bedeutung hat, die sie erregt, wenn sie dazu masturbieren wollen.

Urszula Martyniuk ist Psychologin am Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf.

Sie hat an einer Interviewstudie mit Jugendlichen mitgearbeitet, die von 2009 bis 2011 vom am Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf durchgeführt wurde. Befragt wurden dabei 160 Jugendliche im Alter zwischen 16 und 19 zu ihren Erfahrungen mit Liebe, Partnertschaften, Sexualität und Internet.

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Pornografie wird abhängig von der Situation genutzt

Differenzierung zeigte sich auch in der Pornografie-Nutzung. Je nachdem, in welchem Setting Pornografie genutzt wird werden andere Inhalte bevorzugt. Wenn zum Beispiel Pornografie alleine genutzt wird, dann geht es um Erregung. Es werden also Inhalte ausgesucht, die „effektiv“ sein sollen. Platt gesagt: Es wird das ausgesucht, was anmacht.

Wenn Pornografie aber mit anderen, Gleichaltrigen genutzt wird, dann geht es mehr darum, Grenzen auszuloten und sich der eigenen Normalität zu versichern. Nach dem Motto: Meine Kumpels finden das nicht erregend, ich finde das auch abstoßend - also bin ich normal.

WDR.de: Stichwort "abstoßend" - Haben Sie in Ihrer Studie auch den Kontakt von Jugendlichen mit Gewaltpornografie untersucht?

Urszula Martyniuk: Ja. Vor allem junge Männer haben davon berichtet. Schreckliche Videos und Bilder werden gerne auf dem Schulhof auf dem Smartphone rumgereicht. Aber auch dabei wird Pornografie anders funktionalisiert. Man kann das als eine Art moderne Mutprobe beschreiben. Wir haben beobachtet, dass Gewaltpornografie in der Regel nicht zur Masturbation genutzt wird.

Ganz wichtig finde ich bei diesem Thema, dass man aber bedenkt, dass auch wenn man nicht danach sucht, diese Inhalte im Internet zu finden sind. Eine umfassende Sexualaufklärung, Vermittlung von Medienkompetenz finde es deshalb sehr wichtig. Genauso wichtig und sogar nötig sind auch vertraute Ansprechpartner, die helfen können mit diesem belastenden oder erlebten umzugehen und sich künftig besser zu schützen.

WDR.de: Sexuelle Verwahrlosung, Versagensangst, Leistungsdruck, ein falsches Frauen- bzw. Männerbild durch den Konsum von Pornos. Die Liste der Sorgen um die negativen Auswirkungen durch Pornokonsum ist lang. Was ist ihre Haltung dazu? Alles nur Dramatisierung?

Urszula Martyniuk: Es gibt Studien sowohl zur negativen als auch zur positiven Auswirkung von Pornokonsum. Wobei hier gesagt werden muss: Es gibt mehr Forschung, die sich mit negativen Auswirkungen beschäftigt. Das hat damit zu tun, dass sich die Öffentlichkeit mehr dafür interessiert und deshalb mehr Forschungsgelder zu Verfügung stehen. Die Ergebnisse dieser Studien sind sehr widersprüchlich.

Was die Wirkung angeht, gibt es nur einen Bereich, wo die Studienlage sich einig ist. Und zwar ist das die Aggressionsbereitschaft. Es wurde ein Zusammenhang zwischen Nutzung von Gewaltpornografie und sexueller Aggressionsbereitschaft festgestellt. Wohlgemerkt ein Zusammenhang. Das heißt, wir wissen nicht: Sind das die bereits aggressiven Menschen, die sich Gewaltpornografie angucken oder ist es die Gewaltpornografie, die die Aggressionsbereitschaft steigert?

WDR.de: Das Internet und auch Pornografie werden sich weiterentwickeln. Was ist ihre Einschätzung? Wie geht es weiter?

Urszula Martyniuk: Amateurpornografie ist zum Beispiel ein Bereich, der gerade stark wächst und wo wir nicht mehr von Mediennutzern sprechen, sondern von Gestaltern. Also Menschen - vor allem auch junge Menschen - die selber Pornografie produzieren. Dazu kommen technische Entwicklungen, wie zum Beispiel Virtual-Reality-Produktionen. Es gibt mittlerweile Seiten, wo man sich kostenlos Virtual Reality Pornos kostenlos angucken kann. Die Entwicklung ist so rasant, dass die Forschung da hinterherhängt.

Trotzdem schaue ich nicht pessimistisch in die Zukunft. Ich sehe das eher als sexuelle Optionen im Internet, die genutzt werden können, aber nicht müssen. Genau das haben wir ja auch in unserer Studie herausgefunden: Nicht alle haben Interesse an sexuellen Inhalten im Internet. Und das ist vielleicht auch gut so. Vielleicht vertraue ich der Jugend mehr als die Öffentlichkeit das tut.

Das Interview führte Patrizia Grohm

Stand: 15.03.2017, 06:00