EU besorgt über krebserregende Babynahrung

Säugling bekommt Flasche

EU besorgt über krebserregende Babynahrung

Von Stefan Michel

  • Palmöl in Lebensmitteln ist krebserregend
  • So die Einschätzung der EU-Lebensmittelbehörde EFSA
  • Das betrifft auch Babynahrung
  • EU-Politiker äußerten sich am Donnerstag (04.05.2017) besorgt

Die Gefahrstoffe im Palmöl heißen Glycidyl und Monochlorpropandiol (2-MCPD und 3-MCPD). Sie verursachen Krebs und schädigen die Gene. Das haben Untersuchungen von EFSA und dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gezeigt.

Diese Informationen hätten bei den Europaabgeordneten "große Besorgnis" ausgelöst, "auch fraktionsübergreifend", berichtet der deutsche EU-Politiker und Kinderarzt Peter Liese nach der Sitzung des EU-Gesundheitsausschusses am Donnerstag (04.05.2017). Hauptanliegen sei es nun, "die Kommission anzutreiben", damit sie rasch konkrete Schritte gegen die Schadstoffe unternehme.

Belastung ums Zehnfache zu hoch

Der stärksten Belastung sind Säuglinge ausgesetzt, die nicht gestillt werden. "Nach unserer Einschätzung sind Babys, die ausschließlich Säuglingsanfangsnahrung bekommen, zehn Mal stärker belastet als man für unbedenklich halten kann", sagt der EFSA-Wissenschaftler Marco Binaglia.

Zwar bekommen auch Erwachsene ihre Dosis Glycidyl und MCPD ab. Denn Palmöl ist in vielen Lebensmitteln enthalten, in Keksen und gerösteten Erdnüssen, Kartoffelchips und Fertigpizza. Aber diese Produkte werden die meisten Menschen nur ab und zu essen. Die Säuglinge schlucken dagegen jeden Tag, mit jeder Mahlzeit Palmöl.

Rohes Palmöl in Betonbecken in Indonesien

Palmöl-Herstellung in Indonesien

Die meisten großen deutschen Hersteller von Babynahrung verwenden Palmöl – weil es so viel Palmitinsäure enthält. Diese Fettsäure ist in großer Menge in der natürlichen Muttermilch enthalten, und Palmitinsäure gehöre folglich auch in die Säuglingsnahrung, argumentiert etwa die Firma Hipp: "Kein anderes Pflanzenöl enthält Palmitinsäure in ausreichender Menge." Und die Drogeriemarktkette DM bezeichnet Palmöl als "unverzichtbaren Rohstoff".

Geht es um den Preisvorteil?

Palmöl ist das mit Abstand billigste für Lebensmittel zugelassene Fett. Sonnenblumenöl zum Beispiel ist rund acht Prozent teurer, Butterfett gleich sechs Mal so teuer wie Palmöl. Ist Palmöl also auch wegen des Preisvorteils so beliebt? "Wir können das nicht hundertprozentig belegen", erklärt Alfonso Lampen vom Bundesinstitut für Risikobewertung BfR, "aber wir hatten den Eindruck, dass es durchaus eine Rolle spielen könnte."

Unersetzlich ist das Palmöl jedenfalls nicht. Es habe sich zwar gezeigt, "dass es eine große Herausforderung ist, Palmöl zu ersetzen“, meint der Geschäftsführer der schweizerischen Firma Bimbosan, Daniel Bärlocher. Seine Firma verarbeitet stattdessen drei andere pflanzliche Öle, Kokosnuss-, Sonnenblumen- und  Rapsöl. Damit könne man "so nah wie möglich an die Muttermilch herankommen."

Auch die Marken Milasan und Alete sind inzwischen auf palmölfrei umgestellt - sie verwenden jetzt die gleiche Dreier-Kombination von Pflanzenölen wie Bimbosan.

Ziegenmilchfett statt Palmöl

Schließlich bietet eine Firma in Norddeutschland palmölfreie Babynahrung an – unter dem Markennamen Bambinchen. "Wir setzen für die Säuglingsnahrung die komplette Ziegen-Vollmilch ein. Und in dieser Vollmilch ist ausreichend Palmitin enthalten", erklärt Geschäftsführer Ulli Atts. "Wenn wir Palmfett verwenden würden, ginge das natürlich preiswerter."

Nun müssen auch die anderen Hersteller rasch entscheiden, ob sie auf Palmöl verzichten oder wie sonst sie den Schadstoffgehalt senken können. "Die EU-Kommission hat angekündigt, dass sie in den nächsten Monaten einen Vorschlag für Höchstwerte machen wird", berichtet der Europa-Abgeordnete Liese. "Wenn’s gut läuft, werden wir Ende 2017 einen rechtskräftigen Beschluss haben, dass diese Stoffe in den Lebensmitteln drastisch reduziert werden müssen."

In einer früheren Version waren Milasan und Alete noch nicht erwähnt.

Stand: 04.05.2017, 16:15