Männerkongress: Über Sex, Macht und Klischees

Portrait eines jungen Mannes

Männerkongress: Über Sex, Macht und Klischees

"Männliche Sexualität und Bindung" lautete das Motto des diesjährigen Männerkongresses, der am Freitag und Samstag (16. und 17. September 2016) in Düsseldorf stattfand. Wie halten es Männer denn damit? Ein Gespräch über Liebe, Sex und das eine oder andere Klischee.

Hans Jellouschek arbeitet seit vielen Jahren als Paartherapeut und hat zahlreiche Aufsätze und Bücher veröffentlicht. Auf dem Männerkongress hält er einen Vortrag über langjährige Beziehungen - aus männlicher Sicht. Was an dieser Sicht besonders ist, erklärt er im Interview.

WDR.de: Auf dem Männerkongress geht es um das Thema "Männer und Bindung". Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer Praxis mit dem Thema?

Hans Jellouschek: Sexualität hat bei Frauen und Männer einen unterschiedlichen Stellenwert. Grundsätzlich schafft Sexualität Intimität. Aber bei Männern ist die Sexualität nicht so in die Person integriert wie bei Frauen. Bei Frauen sind Sexualität, Intimität und emotionale Zuwendung sehr eng zusammen. Bei Männern ist Sexualität eher etwas isoliertes, eine Sache des Triebes. Daher kann es sein, dass der Eindruck entsteht, Sex sei für Männer bedeutsamer. Männer müssen erst lernen, Sex einzubetten in das intime, zärtliche, zugewandte Leben miteinander.

WDR.de: Das klingt ja doch etwas klischeehaft, oder?

Jellouschek: Ich weiß nicht, ob man klischeehaft sagen kann. Es gibt eben Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Hinzu kommt, dass bei Männern Sex oft auch mit Macht verbunden ist. Wenn sie eine Frau dazu bringen, das sie so richtig in Fahrt gerät, ist das ein Zugewinn für ihr Selbstwertgefühl, das ist auch ein Machtgefühl. So etwas steht bei Frauen nicht so im Vordergrund.

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Männerkongress 2016

Zum vierten Mal findet der Männerkongress in Düsseldorf statt, organisiert wird er vom Institut für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Uniklinik Düsseldorf. Warum eigentlich Männerkongress? "Weil die Politik das Thema Männer und Jungen vernachlässigt", meint Organisator Matthias Franz, Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Als Beispiele führt er an, dass Männer eine geringere Lebenserwartung haben, Jungs die Verlierer im Bildungssystem seien und die männliche Identität in einer Krise stecke - weil positive männliche Rollenbilder fehlten. "Wir fördern Frauen, und das ist auch gut so", sagt der Psychotherapeut. "Aber wir haben die Jungen und die jungen Männer aus dem Blick verloren", ist er überzeugt. Daher sei der Kongress notwendig.

Beim Männerkongress 2012 hatte es Proteste feministischer Gruppen gegeben. Das sei eine einmalige Aktion gewesen, meint Franz. In diesem Jahr rechnet er mit keinen Störungen. Und grundsätzlich seien Frauen bei der Diskussion der Themen herzlich Willkommen. - Weitere Anmeldungen zum Kongress sind allerdings nicht mehr möglich.

Jellouschek: Dinge wie Zärtlichkeit und Zuwendung sind auch im Bewusstsein der Männer wichtiger geworden. Gleichzeitig hat die sexuelle Befriedigung bei den Frauen einen größeren Stellenwert erhalten als in der Vergangenheit.

WDR.de: Auf dem Männerkongress sprechen Sie über Männer und Bindung in langjährigen Beziehungen. Was sind Ihre Kernthesen?

Jellouschek: Es geht darum aufzuzeigen, wie die Liebe bei einem Paar lebendig bleibt. Um es kurz anzureißen: Es gibt sieben Punkte, die Liebe braucht:

  • Verbindlichkeit
  • Paarinseln - Räume und Zeiten für das Paar als Paar
  • eine gute Bilanz zwischen Autonomie und Bindung
  • ein gutes Stressmanagement
  • wechselseitige Achtsamkeit
  • die Großzügigkeit der Liebe - manchmal gibt man mehr und bekommt nicht direkt das gleiche zurück
  • Paare müssen in Krisen Chancen sehen, um ihre Liebe weiterzuentwickeln

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Männer- und Frauenfüsse in rotem Licht

Wichtig für die Liebe: Sich Zeit als Paar nehmen

Jellouschek: Heute bauen Beziehungen eher auf Liebe auf, nicht mehr nur darauf, eine gemeinsame Existenz zu gründen. Da braucht es auch Verbindlichkeit, und damit tun sich viele schwer. Und mit den Paarinseln tun sich viele Paare schwer. Wenn Kinder da sind, der Job viel Raum einnimmt - dann vergessen viele Paare, dass sie auch noch ein Liebespaar sind, nicht nur ein Arbeitspaar und ein Elternpaar. Die Liebe muss gepflegt werden.

WDR.de: Man will einerseits lange zusammen bleiben. Andererseits sind durch das Internet Pornos, Kontaktbörsen und Dating-Seiten immer verfügbar. Welche Folgen hat das?

Jellouschek: Das entspricht nicht wirklich den menschlichen Grundbedürfnissen. Denn Liebe braucht nicht nur Befriedigung und sinnliche Erfahrung, sondern man möchte auch geliebt sein von einem Menschen und zusammen mit ihm das Leben bewältigen können. Liebe ist etwas ganz anderes als diese sexuelle Lust, die inzwischen überall zugänglich ist.

Wenn man davon ausgeht, dass unser Leben in der Polarität zwischen Autonomie und Bindung stattfindet, gehen Männer stärker in Richtung Autonomie und vernachlässigen tendenziell die Bindung, die persönliche Nähe. Und der sexuelle Trieb muss mehr in die Persönlichkeit integriert werden, da ist bei Männern noch Handlungsbedarf.

Das Interview führte Annika Franck

Stand: 17.09.2016, 06:00