Legasthenie wächst sich nicht aus

Eine Junge schreibt in sein Heft

Legasthenie wächst sich nicht aus

Von Nina Magoley

Eine Malergeselle klagte jetzt vor Gericht, weil ihm bei der Meisterprüfung nicht zusätzliche Zeit eingeräumt wurde - er habe sie wegen einer Schreib- und Leseschwäche gebraucht. Legasthenie wird oft unterschätzt.

Der 32-Jährige hatte im ersten Teil der Prüfung bereits mehr Zeit bekommen. Im zweiten, praktischen Teil aber gewährte ihm die Handwerkskammer Düsseldorf keinen Bonus für seine Lese- und Schreibschwäche - obwohl auch hier eine schriftliche Dokumentation zu den Aufgaben gehörte. Prompt fiel der junge Mann durch. Anschließend klagte er vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf. Doch der Gerichtsvorsitzende befand, dass der Geselle sich vor dem Prüfungstermin über die Bedingungen hätte informieren und da bereits Einspruch erheben müssen. Das hatte der Kläger nicht getan - und nahm die Klage deshalb zurück.

Dabei können Menschen mit nachweislicher Schreib- und Leseschwäche bei Prüfungen tatsächlich besondere Bedingungen beantragen: Nicht nur zusätzliche Zeit, sondern auch beispielsweise die Möglichkeit, ein Computerprogramm mit Rechtschreibkorrektur zu nutzen oder eins, das Texte vorliest. "Das wissen aber viele Betroffene leider gar nicht", sagt Annette Höinghaus vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL). Daher würden solche Anträge, die helfen sollen, die eigentliche Fachkompetenz der Prüflinge nicht durch ihre Lese- und Schreibschwäche zu verwässern, viel zu selten gestellt.

Fünf bis sechs Prozent weltweit betroffen

Ein Schüler steht bei einem Schreibtest an der Tafel

Schreiben ist für einige Kinder besonders mühsam

Was aber ist Legasthenie überhaupt - und wie lässt sich diese angeborene, genetisch bedingte Lese- und Schreibschwäche genau eingrenzen? Nach Definition der Weltgesundheitsorganisation ist Legasthenie eine "bedeutsame Beeinträchtigung in der Entwicklung der Lesefertigkeiten", die nicht allein durch das Entwicklungsalter eines Kindes, Sehprobleme oder nicht ausreichende Beschulung erklärbar sei. Fünf bis sechs Prozent aller Menschen weltweit seien betroffen. "Bei Legasthenikern lässt die Aufmerksamkeit nach, wenn der Blick auf Symbole, wie Buchstaben und Zahlen, trifft" - so beschreibt es der Dachverband Legasthenie Deutschland. Auffällig werden betroffene Kinder meist schon in der Grundschule: Das Lesenlernen will einfach nicht funktionieren, Schreiben ist mühsam, Klassenarbeiten kommen voller rotangestrichener Fehler zurück. Legastheniekinder verwechseln häufig Zahlen und Buchstaben - lesen 15 statt 51 oder b statt d - können sich Dinge wie das Alphabet, die Wochentage oder Jahreszahlen extrem schlecht merken. Dabei steht für die Wissenschaft fest, dass legasthene Kinder in der Regel einen normalen bis überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten haben.

Mit besonderem Training können Kinder, bei denen Legasthenie festgestellt wurde, ihre Fähigkeiten so entwickeln, dass ein Teil davon irgendwann "unauffällig" lesen und schreiben kann, sagt Höinghaus. Moderne Hilfsmittel wie Rechtschreibprogramme selbst auf Smartphones machten es den Betroffenen später leichter, ihr Defizit zu kompensieren. Fast alle aber hätten als Erwachsene noch mit einer "Restsymptomatik" zu kämpfen. Besonders in Stresssituationen verfallen demnach viele Legastheniker "in die Lesekompetenz eines Grundschülers", so Höinghaus.

Legasthenikern wird ihre Schwäche oft nicht geglaubt

Gerade deshalb hat das Schulgesetz in NRW eben jenen sogenannten "Nachteilsausgleich" für Schüler mit Behinderung festgelegt - wozu auch die Legasthenie zählt. Demnach haben Schüler, Studierende und Berufsschüler das Recht, vor Prüfungen besondere Bedingungen für sich zu beantragen. Allerdings beobachtet der BVL, dass Schulen oder Handwerkskammern solche Sonderbedingungen immer häufiger ablehnen, weil dem Antragsteller nicht geglaubt würde, sagt Krista Hitzbleck vom NRW Landesverband des BVL. Meist sei die Legasthenie im Kindesalter diagnostiziert und attestiert worden, und offenbar ist die Ansicht weit verbreitet, dass sich das Problem mit zunehmendem Alter und entsprechendem Training auswachse. "Das tut es aber nicht", sagt Hitzbleck.

Schreibübungen

"Handicaps lassen sich nie ganz beseitigen"

Hinzu kommt: Einen Legasthenie-Test für Erwachsene bieten nur wenige Ärzte und Institute an. Eins davon ist der Arbeitskreis Legasthenie in Köln. Die Tests seien in der Regel für Schüler bis zum 12. Schuljahr normiert, sagt Helene Neubauer, Diplom-Pädagogin und seit zehn Jahren Trainerin beim AK Legasthenie. Wie groß die Probleme bei einem Erwachsenen noch seien, hänge stark davon ab, wie derjenige als Kind gefördert wurde. "Aber auch mit guter Förderung lassen sich die Handicaps der Legasthenie manchmal nie ganz beseitigen", sagt auch Neubauer.

Peinliche Gefühle bis zur Verzweiflung

Die Finger eines älteren Mannes gleiten über die Zeilen eines Buches für Leseanfänger.

Kränkungen von Kollegen

Ein ganz anderer Seiteneffekt des Phänomens seien die psychischen Auswirkungen, weiß die Pädagogin aus Erfahrung: Viele erwachsene Legastheniker kämpften vor allem im Berufsleben häufig mit Gefühlen der Peinlichkeit "bis hin zur totalen Verzweiflung". Wenn es darum geht, Texte oder Berichte zu schreiben, die dann voller Rechtsschreibfehler sind, müssten Betroffene oft Kränkungen von Kollegen hinnehmen - "das geht irgendwann aufs Selbstwertgefühl", sagt Neubauer. Berufe, in denen es vor allem auf korrekten Schriftverkehr ankommt, seien für viele Legastheniker nicht denkbar.

Druck hilft nicht

Schon als Kinder stehen Legastheniker mit ihrer Schwäche häufig als Außenseiter da. Noch heute würden viele Lehrer Legastheniekinder bloßstellen - vor der Klasse oder auch wenn Diktate, die voller Fehler stecken, mit Sätzen kommentiert würden wie "... wenn Du Dir mehr Mühe geben würdest", sagt Krista Hitzbleck vom Landesverband Legasthenie. "Für die Kinder bedeutet das oft große Frustration bis hin zur Depression", sagt sie. Entscheidend sei auch, wie die Eltern mit dem Problem umgehen: Viele wollten zunächst nicht wahrhaben, dass das eigene Kind ein genetisches Problem mit dem Lesen- und Schreibenlernen hat - "unser Kind ist doch nicht blöd" - und würden versuchen, die Situation mit verstärktem Üben zu verbessern.

Druck aber, sagt Hitzbleck, sei in jedem Fall kontraproduktiv, "solche Kinder brauchen keinen Druck, sondern mehr Zeit und eine professionelle Legasthenietherapie". Doch dann seien da noch die Lehrer: "Legasthenie ist erkennbar", sagt Hitzbleck, aber die Bereitschaft, einem Legastheniekind mehr Zeit zu lassen und in den Klassenarbeiten die Fehlerzahl weniger hoch zu bewerten, sei oft gering. "Bei dem betroffenen Kind entsteht dann schnell der Eindruck 'ich bin für alles zu blöd'." Dabei kann auch hier der im Schulgesetz verankerten Nachteilsausgleich erleichternd wirken: Wenn die Eltern diesen Anspruch anmelden, müssen Deutsch- oder Mathearbeiten dementsprechend bewertet werden. Im Zeugnis kann dann ein Hinweis darauf stehen, dass aufgrund einer fachärztlich festgestellten Legasthenie die Rechtschreibleistungen nicht bewertet wurden.

"Wir haben dazu gelernt"

Zumindest für erwachsene Legastheniker könnte sich die Lage irgendwann bessern: Immerhin hat der Westdeutsche Handwerkskammertag eine Handlungsempfehlung zum Nachteilsausgleich bei Prüfungen ausgegeben, die auch für diese Lese- und Schreibschwäche gilt. Demnach muss sich ein Prüfling von einem "einschlägigen Facharzt" attestieren lassen, in welcher Weise er oder sie beeinträchtigt ist und welche speziellen Maßnahmen die Prüfungssituation erleichtern würden. Der Malergeselle aus Düsseldorf kann seine Prüfung nun noch zwei Mal wiederholen. Bei der für ihn zuständigen Handwerkskammer hat er sogar gute Chancen, beim nächsten Mal auch im praktischen Teil auf ihn zugeschnittene Sonderbedingungen zu bekommen. "Wir haben dazu gelernt", sagt Kammer-Sprecher Alexander Konrad nach dem Gerichtsurteil: Der Mann solle mit seinem Therapeuten Rücksprache halten, dann könne man "das Zeitfenster" für ihn zusätzlich öffnen.

Stand: 31.08.2016, 06:00