Methoden der künstlichen Befruchtung in Deutschland

Die Chromosomen im Zellkern einer Eizelle werden im Rahmen des Zellkerntransfers waehrend des Klonens entfernt

Methoden der künstlichen Befruchtung in Deutschland

Von Christiane Tovar

  • Messe "Kinderwunschtage" fand am Wochenende (18. bis 19.02.2017) in Berlin statt
  • Veranstaltung war umstritten, weil sie hier verbotene Methoden bewirbt
  • Künstliche Befruchtung in Deutschland
  • Forscher legen erste Zahlen über neue Generation von "Retortenbabys" vor

Jedes siebte Paar hat Schwierigkeiten, ohne medizinische Hilfe schwanger zu werden. Das geht aus der Statistik des Bundesfamilienministeriums zur künstlichen Befruchtung hervor. Dr. Anne Wichmann kennt die Sorgen und Nöte der Paare. Sie ist Beraterin bei Pro Familia in Mettmann.

"Manchmal kann es schon helfen, wenn sie ihre Lebensumstände ändern, sich zum Beispiel gesünder ernähren, oder auf Alkohol und Zigaretten verzichten. Und natürlich sollte das ganze möglichst stressfrei sein, aber das fällt natürlich schwer."

Wenn ihre Klienten ungeduldig werden, zitiert die Ärztin oft die Weltgesundheitsorganisation: "Die sagt, wenn ein Paar zwei Mal in der Woche miteinander schläft und nach zwei Jahren noch kein Kind unterwegs ist, dann sollte man sich medizinische Hilfe holen."

Paar mit Denkblase, in der ein Kinderwagen zu sehen ist

Oft wird die Familiengründung zur Belastungsprobe

An diesem Punkt sind in Deutschland rund drei Prozent aller Paare, die sich ein Kind wünschen. Sie können sich an eines der rund 140 Kinderwunschzentren wenden. Dort wird in der Regel erst einmal der Hormonstatus der Frauen kontrolliert. "Gibt es da Probleme, reichen manchmal schon Medikamente", sagt Prof. Sabine Kliesch vom Kinderwunschzentrum an der Uniklinik in Münster.

Sie rät auf jeden Fall auch den Männern dazu, sich gründlich untersuchen zu lassen. Denn in rund 30 Prozent der Fälle liegt es an ihnen, wenn der Kinderwunsch nicht in Erfüllung geht, zum Beispiel weil sie zu wenig Samen haben. Wenn Frauen nicht schwanger werden können, sind häufig die Eileiter nicht durchlässig genug. Und in jedem zehnten Fall finden die Ärzte gar nicht heraus, warum es mit einer Schwangerschaft nicht klappt.

Insemination und künstliche Befruchtung

Die Methode, bei der die Ärzte am wenigsten in die natürlichen Abläufe eingreifen, ist die Insemination. Dabei wird das aufbereitete Sperma direkt in die Gebärmutter der Frau injiziert. Bekommt die Frau vorher eine Hormonbehandlung zur Stimulation des Eisprungs, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sie schwanger wird, bei zehn Prozent.

Größer ist die Chance auf ein Baby, wenn Samen und Eizelle außerhalb des Körpers zusammengebracht werden. Die Reproduktionsmediziner sprechen dann von einer In-Vitro-Fertilisation (IVF). Bei dieser Methode bekommt die Frau zunächst Hormone, damit mehrere Eizellen heranreifen. Später wird, ebenfalls durch Hormone, der Eisprung ausgelöst.

Dann entnehmen die Ärzte eine oder mehrere Eizellen und bringen sie mit dem Sperma des Mannes zusammen. Das alles passiert im Labor. Die eigentliche Befruchtung findet zwar im Reagenzglas, aber ohne Zutun der Ärzte statt. Erst wenn sicher ist, dass sich Samen und Eizelle gefunden haben, wird die Eizelle in die Gebärmutter eingebracht.

Gute Erfolgsquote mit ICSI

Mittlerweile übernehmen aber immer häufiger die Ärzte diesen Job. Sie suchen den Samen aus, der die Eizelle befruchten soll. Bei drei Viertel aller künstlichen Befruchtungen wird der Samen direkt in die Eizelle injiziert. Auch dieser Behandlung geht in der Regel eine wochenlange Hormonbehandlung voraus. Fachleute raten vor allem dann zu einer Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI), wenn die Zeugungsfähigkeit des Mann sehr eingeschränkt ist oder wenn nicht klar ist, warum es mit der Schwangerschaft nicht klappt.

Veränderungen bei den "Retortenbabys"

Das Titelbild der Illustrierten 'Quick' vom 22. April 1982 zeigt das erste deutsche Retortenbaby der Erlanger Frauenklinik, Oliver W.

1982: das erste deutsche Retortenbaby Oliver

Die Methode ist zwar erfolgversprechend, aber: "Vier Prozent der Kinder haben genetische Veränderungen. Die müssen nicht immer schlimm sein, trotzdem klären wir die potentiellen Eltern natürlich darüber auf.", sagt Sabine Kliesch vom Kinderwunschzentrum in Münster.

Außerdem weiß man heute schon mehr über "Retortenbabys", die nach der ICSI-Methode gezeugt wurden. Bei einem Viertel der jungen Männer ist die Samenqualität eingeschränkt. Das hat die Brüsseler Arbeitsgruppe herausgefunden, die das Verfahren einst erfunden hat.

Die meisten Paare bleiben kinderlos

"Jedes 5. Paar geht nach einem Behandlungszyklus mit ICSI oder mit der herkömmlichen IVF-Methode mit einem Baby nachhause", sagt Sabine Kliesch. Eine Zahl, die Hoffnung macht. Trotzdem darf man nicht vergessen, dass der große Teil der Paare auch mit Hilfe der moderne Reproduktionsmedizin kinderlos bleibt.

Für die Paare sind die Behandlungen oft eine Tortur - körperlich und seelisch. Die Hormonstimulation birgt einige gesundheitliche Risiken und das Warten und Bangen nach der künstlichen Befruchtung ist eine große psychische Belastung.

Teure Behandlungen

Dazu kommen die Kosten von zirka 3.000 bis 6.000 Euro pro Behandlung. Die Hälfte davon übernimmt die Krankenkasse - für drei Behandlungszyklen, vorausgesetzt es werden bestimmte Altersgrenzen eingehalten. Danach müssen die Paare die Therapie selbst bezahlen.

Stand: 20.02.2017, 09:39