Kraftakt Kinderwunschbehandlung

Franziska Ferber

Kraftakt Kinderwunschbehandlung

Franziska Ferber und ihr Mann haben sich viele Jahre lang ein Kind gewünscht. Doch es klappte nicht. Heute hilft sie als Coach Paaren, die dasselbe erlebt haben. Ein Gespräch.

WDR: Wo sehen Sie die größte psychische Belastung für ein Paar während einer Kinderwunschbehandlung?

Paare, die auf die Reproduktionsmedizin setzen müssen, um ihr Wunschkind zu bekommen, investieren viel Hoffnung, Kraft, Zeit und auch Geld. Wenn dann ein Versuch nicht klappt, ist die Enttäuschung und die Trauer sehr groß. Diese Mischung führt dazu, dass die Fallhöhe bei einem Misserfolg sehr hoch ist.

Die meisten Paare sind nicht darauf vorbereitet, dass Fleiß nicht immer zu Erfolg führt und haben dafür keine persönliche, seelische Bewältigungsstrategie. Denn eigentlich lehrt uns ja das Leben, dass Erfolg aus Anstrengung resultiert. Das ist beim Kinderwunsch anders, weil er in letzter Konsequenz so unbeeinflussbar ist. Diese Unsicherheit aushalten zu müssen, ohne jemals eine Garantie auf Erfolg zu haben, ist psychisch sehr belastend.

WDR: Ein unerfüllter Kinderwunsch ist ja nicht nur schwierig für das Paar selbst, sondern auch für das soziale Umfeld. Was passiert, wenn die beste Freundin schwanger wird, man aber selbst kinderlos bleibt und wie kann man sich darauf vorbereiten?

Das Umfeld des Paares ist eine ganz eigene Herausforderung. Die eigenen Eltern wollen Großeltern werden, die Freundinnen werden schwanger. Man selbst fühlt sich ausgestoßen, fremd in einer bisher vertrauten Welt und zunehmend unverstanden.

Die wenigsten neiden ihrem Umfeld die Erfüllung des Kinderwunsches. Aber natürlich leiden sie, behalten das aber aus Angst, als "missgünstig" dazustehen, für sich. Wenn man nicht über seine Gefühle spricht, kann das Umfeld auch selten sensibel agieren. Aber das eigene Leid offen zu legen, bringt eigene Konsequenzen mit sich. Das abzuwägen ist eine wirklich schwierige Situation.

Ich rate häufig dazu, sich ein bis zwei wirkliche Vertrauenspersonen zu suchen und hier offen zu sprechen - über das eigene Erleben, aber auch über die Erwartungen, die sie an diese Menschen haben. Gerade die engsten Vertrauenspersonen wie die beste Freundin oder sehr nahestehende Familienangehörige sind oftmals gerne bereit, mitzufühlen und das Leid zu begleiten.

WDR: Wie findet man den Absprung, also wann ist es aus psychologischer Sicht gut, mit der Behandlung aufzuhören?

Hände liegen auf einem Bett

Irgendwann fehlt die Kraft für weitere Versuche

So lange ein Paar Hoffnung hat, so lange ist es schwer, den Kinderwunsch ad acta zu legen. Denn Hoffnung ist stärker als Trauer. Nach meiner Erfahrung kommt irgendwann der Zeitpunkt, wo – in der Regel zuerst - die Frau merkt, dass sie den bisherigen Weg so nicht mehr weitergehen kann. Menschen zählen Zeit oftmals in Jahren.

Beim Kinderwunsch dürfen wir nicht vergessen, dass ein Jahr aber gleichbedeutend mit durchschnittlich zwölf Zyklen – also zwölf mal Hoffnung und zwölf mal Trauer – ist. Monat für Monat aufs Neue zu hoffen um sich dann der Enttäuschung zu stellen, kostet enorme Kraft. Irgendwann fängt man an, sich selbst ein Stück weit retten zu müssen, weil man es nicht länger schafft, weder psychisch noch körperlich. Das ist der Moment, in dem viele Paare beginnen sich mit dem Abschied vom Kinderwunsch auseinanderzusetzen.

WDR: Was raten Sie trauernden Paaren, wenn der Wunsch nach einem Kind trotz Behandlung nicht in Erfüllung geht?

Wenn sie selbst bemerken, dass sie ihren Traum vom Kind nicht weiterverfolgen können, beginnt ein weiterer, langer und harter Weg. Ich kenne niemanden, der das ohne große, tiefe Sinn- und Lebensfragen geschafft hat.

Ich gehe mit meinen Klientinnen und Klienten bis zu ihren individuellen Werten und Lebensvorstellungen. Ich arbeite mit ihnen heraus, was sie sich eigentlich von diesem Wunschkind versprochen haben; was ihre Hoffnungen und Sehnsüchte diesbezüglich waren. Das klingt leicht, ist aber oftmals ein intensiver Prozess. Wenn wir das aber herausgefunden haben, platzt ein Knoten. Dann kann man beginnen, diese Faktoren zu kompensieren und Alternativen zu suchen.

In meinem eigenen Fall war das zum Beispiel der Wunsch für jemanden Sorge tragen zu können; Verantwortung und Mütterlichkeit leben zu können. Vielleicht ist es etwas klischeehaft; aber ich habe dann einen Hund in mein Leben geholt. So bediene ich meine Sehnsucht. Ich kann gut damit leben, wenn von außen jemand sagt "Na, der Hund ist wohl ein Kindersatz". Heute antworte ich dann "Ja genau!". Bewerten sollte das nur jemand, der aus dem eigenen Erleben weiß, wie sich ein unerfüllter Kinderwunsch anfühlt.

Das Interview führte Christiane Tovar

Stand: 17.02.2017, 06:00