Erwachsen werden wir später

Ein junges Paar auf einem Karussell breitet die Arme aus und genießt sichtlich den Spaß und die Freiheit

Erwachsen werden wir später

Von Sabrina Loi

  • Persönliche Identität mit Mitte 20 kaum entwickelt
  • Experten sprechen von neuer Lebensphase
  • Selbstverwirklichung und Austesten stehen im Mittelpunkt
  • Langer Übergang zum Erwachsensein birgt auch Risiken

Der Übergang von der Jugend zum Erwachsenenalter hat sich verlängert: "Eine intensive Identitätsentwicklung erstreckt sich heute von der Adoleszenz bis zum Alter von 30 Jahren und weit darüber hinaus", sagt Inge Seiffge-Krenke, Professorin für Entwicklungspsychologie. Experten nennen diese neue Lebensphase "Emerging Adulthood", übersetzt etwa "heraufziehendes Erwachsensein".

Junge Leute wohnen heute im Schnitt bis sie 24 Jahre alt sind zu Hause, zeigen Daten des Statistischen Bundesamts. Ein Grund dafür ist, dass die Ausbildungszeiten immer länger werden und sich der Eintritt in einen sicheren Job verzögert: Waren 1999 noch 44 Prozent der 20 bis 25-Jährigen berufstätig, sind es 2012 nur noch 36 Prozent. Auch Heirat und die Geburt des ersten Kindes fallen auf die dreißiger Jahre. 1970 war dagegen die Hälfte der 24-Jährigen bereits verheiratet.

Lebensphase der Jugend entstand mit der Industrialisierung

Es ist nicht das erste Mal, dass eine neue Lebensphase entsteht: In der vorindustriellen Zeit unterschied man nur zwischen Kindheit und Erwachsenenalter. Aber die Industrialisierung brachte längere Lern- und Ausbildungsphasen der Kinder mit sich. Sie konnten erst später beginnen zu arbeiten und blieben länger von ihren Eltern abhängig. Die Jugend entstand.

Zeit für Selbstverwirklichung

Psychologen führen die Entstehung des "Emerging Adulthoods" auf gesellschaftliche Entwicklungen zurück. Neben der verlängerten Schul- und Ausbildungszeiten ist es beispielsweise längst gesellschaftlich akzeptiert, in einer Partnerschaft (auf Probe) zusammenzuwohnen, ohne verheiratet zu sein. Vor allem aber spielt die Selbstverwirklichung heute eine große Rolle: Die jungen Menschen testen und erforschen lange Zeit ihre Möglichkeiten und Ziele - meist mithilfe finanzieller Unterstützung der Eltern.

Das Verhältnis zwischen jungen Menschen und ihren Eltern habe sich generell stark verändert – zum positiven, wie Dr. Claus Koch findet, Psychologe und Mitbegründer des Pädagogischen Instituts Berlin. Er rät den Eltern: "Loslassen einerseits, andererseits aber auch präsent sein." Mit Anfang 20 könne man die "Kinder" nicht mehr erziehen oder kontrollieren. Man sollte ihnen aber weiterhin das Gefühl zu geben, ihnen beratend zur Seite zu stehen – wenn sie es wünschen.

Lange Identitätssuche kann belastend sein

Inge Seiffge-Krenke, Professorin für Entwicklungspsychologie, im Portrait: Frau Anfang 60 mit kinnlangen, dunkelblonden Haaren und Brille

Prof. Dr. Inge Seiffge-Krenke

Weniger als 20 Prozent haben mit Mitte 20 ihre Identität in Bezug auf Beruf und Partnerschaft vollständig entwickelt, hat Seiffge-Krenke in Ihren Untersuchungen herausgefunden. Während der eine Teil gut damit zurecht kommt, noch nicht abschließend zu wissen, wo es im Leben hingehen soll, belastet viele junge Menschen diese Instabilität. Stress, Überforderung und Zukunftsangst sind die Folge.

Dies könne so weit gehen, dass psychische Symptome festgestellt werden können, so die Psychologin: "Das zeigt, dass die Belastungen dieser Entwicklungsphase nicht ganz spurlos an den jungen Leuten vorbeigehen."

Stand: 24.04.2017, 14:01