"Jugend forscht"-Sieger 1975: "Geht nicht? Gibt's nicht"

Frank Anton, Preisträger von Jugend Forscht 1975

"Jugend forscht"-Sieger 1975: "Geht nicht? Gibt's nicht"

  • Christi Himmelfahrt startet Endrunde "Jugend forscht" 2017
  • Interview mit Gastgeber Frank Anton - selbst Bundessieger 1975
  • Fragen zu seinem damaligen Sieg

Ab Donnerstag (25.05.2017) ist es wieder soweit: In Erlangen findet das Bundesfinale von "Jugend forscht" statt. Drei Tage lang stellen Nachwuchsforscher, die sich in den Regional- und Landeswettbewerben behauptet haben, ihre wissenschaftlichen Projekte vor - in der Hoffnung auf den Titel "Bundessieger".

Frank Anton, Preisträger von Jugend Forscht 1975

Sieger 1975, Bundespaten-beauftragter 2017: Frank Anton

Der Wettbewerb, 1965 von "Stern"-Herausgeber Henri Nannen ins Leben gerufen, gilt als Sprungbrett und Talentschmiede für Nachwuchsforscher. Einer von ihnen war Frank Anton, heute Leiter der "electric Aircraft" bei Siemens, das den Wettbewerb 2017 ausrichtet: 1975 ging der Schüler des Bochumer Goethe-Gymnasiums mit einer Blackbox zur Dekodierung manueller Morsesignale ins Rennen.

WDR.de: Herr Anton, Sie haben als Schüler einen sehr komplizierten Apparat mit 82 Schaltkreisen gebaut, der Morse-Codes in geschriebene Wörter verwandeln konnte. Das war im Vor-Computer-Zeitalter eigentlich undenkbar - wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, das zu versuchen?

Frank Anton: Indem mein Kursleiter gesagt hat, dass das nicht geht. Ich habe damals auf der Schule einen Kurs Amateurfunken belegt, und da war Morsen eine übliche Kommunikation. Ich dachte: Die Codes müsste man doch eigentlich dekodieren und in Schrift umwandeln können? Das hat der Kursleiter aber sehr vehement bestritten.

WDR.de: Warum war er so skeptisch?

Plakat 1975: Jugend forscht

So wurde 1975 geworben

Anton: Jeder Mensch morst anders, so, wie jeder eine andere Handschrift hat. Der eine macht sehr lange Striche und keine Pausen zwischen den Signalen, der andere morst sehr schnell. Diese Variabeln müsste man anpassen. Aber der Lehrer konnte sich nicht vorstellen, dass das geht.

WDR.de: Und da war Ihr Ehrgeiz geweckt.

Anton: Das hat mich einfach immer weiter beschäftigt. Irgendwann habe ich bei meinem Onkel den Rasen gemäht, und der war wirklich sehr groß. Da hat es dann "Klick" gemacht.

WDR.de: "Klick" hieß dann was genau?

Anton: Man sagt: Ein Strich ist länger als etwas, ein Punkt kürzer. Damit hat man eine Vergleichsgröße, die dann je nach Handschrift verändert wird. Das war die Idee. An dem Apparat habe ich dann ein Dreivierteljahr gearbeitet, bin immer nach dem Abendessen für viele Stunden verschwunden, bis ich ihn für den Wettbewerb fertig hatte. Mein Physiklehrer hatte gemeint, ich sollte da mitmachen. Der hat mich sehr unterstützt, genau wie meine Eltern. Wenn ich sagte, ich müsste einen Oszillographen kaufen, da hatte ich plötzlich einen.

WDR.de: Und wer durfte ihn das erste Mal in Aktion sehen?

Anton: Meine Mutter. Sie hat dem Teil auch den Namen gegeben: "Theo". Das war eine Anspielung auf einen typischen Fehler beim Morsen: Wenn die Signale schlecht sind, spuckt das Gerät ein T nach dem anderen aus.

WDR.de: Zuhause im stillen Kämmerlein tüfteln ist das eine, das Projekt bei den Wettbewerben vorstellen was ganz anderes, oder?

Anton: Ich hatte den Vorteil, dass ich das praktisch vorführen konnte. Wenn man eine komplizierte Theorie präsentieren muss, ist das viel schwieriger. Da kam dann eben Forschungsminister Matthöfer mit Bildungsminister Rohde vorbei und fragte: "Darf ich mal?" Zum Glück war alles eingeschaltet, Matthöfer morste also etwas, und hinten kam etwas raus.

WDR.de: Und damit war Ihnen der Bundessieg in der Sparte Technik sicher?

Anton: Oh nein, wichtig war ja, was die Juroren sagten. Die waren extrem kritisch. Die stehen ja auch vor der schwierigen Aufgabe, sehr unterschiedliche Dinge aus ganz unterschiedlichen Sparten zu bewerten. Und die Konkurrenz war nicht ohne, vor manchen Teilnehmern habe ich wirklich gezittert.

WDR.de: Aber Sie haben das Rennen gemacht. Und Sie haben Ihre spätere Frau Gisela kennengelernt, die Physik-Bundessiegerin wurde. Wie ging es danach mit Ihnen weiter?

Frank Anton, Preisträger von Jugend Forscht 1975

Zwei Sieger, ein Paar

Anton: Wir haben eine tolle Siegerreise nach Persien gemacht und dann ganz normal mit dem Physikstudium begonnen. Das hätte ich aber auch ohne Jugend forscht getan.

WDR.de: Hat der Wettbewerb Sie nicht beeinflusst?

Anton: Doch, sehr sogar. Dass ich ich es geschafft habe, mich durchzubeißen und die Lösung für ein komplexes Problem zu finden, hat mir viel Selbstbewusstsein gegeben. Das war das Entscheidende: dass ich mich künftig Dingen stellen kann, die unlösbar scheinen. Mein Motto war: "Geht nicht, gibt's nicht" - natürlich solange die physikalischen Gesetze nicht verletzt werden.

WDR.de: Sie sind zu Siemens gegangen, erforschen heute die Möglichkeiten des elektrischen Fliegens. Ihre Frau hat unter anderem einen Lehrstuhl für Experimentalphysik, untersucht den Ursprung der kosmischen Strahlung und fördert den wissenschaftlichen Nachwuchs. Landet man als "Jugend forscht"-Preisträger automatisch an der Spitze von Forschung und Lehre?

Frank Anton, Preisträger von Jugend Forscht 1975

Forschungsschwerpunkt: Fliegen mit Elektroantrieb

Anton: Nein, die Lebenswege der Alumni sind doch sehr unterschiedlich. Und Jugend forscht ist nicht der Sockel eines Elfenbeinturms, sondern ein wunderbares Instrument, um den Übergang von kreativen Ideen zum Ergebnis zu unterstützen. Wenn man das als Sprungbrett bezeichnen will, dann nur in dem Sinn, dass man da Schwung bekommt.

WDR.de: Dieses Jahr haben 13.000 Schüler teilgenommen ...

Anton: Das ist doch klasse, oder?

WDR.de: ... warum ist der Zulauf immer noch so groß?

Jugend forscht

Versuchslabor für Tausende

Anton: Weil das vom Ministerium systematisch gefördert wird, weil die Schulen das mittragen, und weil sich alle einig sind: Man kann gar nicht früh genug damit anfangen.

WDR.de: Eine ketzerische Frage: Warum gibt es einen solchen Schülerwettbewerb nur für die MINT-Fächer und nicht für die Geisteswissenschaften? Nachwuchs-Soziologen oder Historiker hätten vielleicht auch preiswürdige Ideen.

Anton: Das ist eine interessante Frage. Ein Wettbewerb zum Thema "historical learning for the future" - das könnte man heute gut gebrauchen.

WDR.de: Haben Ihre Kinder eigentlich auch mal bei Jugend forscht mitgemacht? Das liegt doch nahe, wenn beide Eltern Bundessieger waren.

Anton: Meine Tochter war dabei, mit einem Medizin-Thema im Zusammenhang mit Strahlentherapie. Heute ist sie Ärztin.

Mit Frank Anton sprach Marion Kretz-Mangold

Stand: 24.05.2017, 06:00