Wie Jod-Tabletten bei einem AKW-Unfall helfen sollen

Blister mit Jodtabletten

Wie Jod-Tabletten bei einem AKW-Unfall helfen sollen

Von Benjamin Esche

Die Angst vor den belgischen Atommeilern ist groß. Nun will NRW Jodtabletten für alle Schwangeren und Minderjährigen im Land kaufen. Wir erklären, wie Jod hilft und was zu beachten ist.

In Belgien und in den Grenzgebieten geht die Sorge um, die belgischen Atommeiler Tihange und Doel könnten zu einer vermehrten radioaktiven Strahlung führen. Das belgische Gesundheitsministerium will deshalb die Bevölkerung flächendeckend mit Jod-Tabletten versorgen. Auch NRW Jodtabletten für alle Schwangeren und Minderjährigen im Land kaufen. Wir erklären, wie Jod bei einer radioaktiven Verstrahlung helfen kann und wieso eine rechtzeitig Einnahme wichtig ist.

Wie kann Jod bei einem Atom-Unfall helfen?

Die Schilddrüse braucht kontinuierlich eine bestimmte Menge Jod, um dieses in ihre Hormone einzubauen, erklärt der Aachener Arzt Alfred Böcking, der auch im Verein "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs" (IPPNW) engagiert ist. "Weil Jod so selten ist, fischt die Schilddrüse jedes dieser Atome aus dem Blut", sagt der Mediziner. Das trifft auch auf radioaktives Jod zu, das nach einem Reaktorunfall in die Umgebung eintritt und vom Körper aufgenommen wird. Es reichert sich in der Schilddrüse an und setzt Strahlung frei, die zu Schilddrüsenkrebs führen kann. Mit Hilfe von hoch dosierten Jod-Tabletten wird die Schilddrüse mit nicht-radioaktivem Jod gesättigt. Werden die entsprechenden Tabletten rechtzeitig eingenommen, kann sich radioaktives Jod nicht in der Schilddrüse ansammeln, da der Jod-Speicher gefüllt ist. Es wird hierbei von einer "Jodblockade" gesprochen.

Wie viel Jod enthalten die Tabletten?

Bei einem Reaktorunfall verteilen die Behörden Jod-Tabletten in sogenannten "Haushaltspackungen" an die Bevölkerung, die in einem Umkreis von 25 Kilometern um ein Atomkraftwerk wohnt. Darin enthalten sind zwanzig Kaliumiodid-Tabletten mit jeweils 65 mg Kaliumiodid. In der Apotheke können außerdem rezeptfreie Jod-Tabletten in der gleichen Dosierung gekauft werden. "Ein Erwachsener nimmt im Katastrophenfall zunächst einmalig zwei Tabletten ein", sagt Mediziner Böcking. Nur wenn die Jodfreisetzung über Wochen anhält und Ärzte und Behörden dazu raten, sollten erneut Tabletten genommen werden. "Jod-Tabletten verfallen übrigens nicht", sagt Böcking zur Haltbarkeit von Jod.

Wann sollten Jod-Tabletten eingenommen werden?

Da die Schilddrüse ständig Jod auf- und wieder abbaut, ist der Zeitpunkt der Einnahme von Jod-Tabletten entscheidend für den Schutz vor radioaktivem Jod. Werden die Tabletten zu früh eingenommen, hat die Schilddrüse das zugeführte Jod bereits abgebaut, wenn die Radioaktivität eintrifft. Bei einer zu späten Einnahme kann bereits radioaktives Jod vom Körper aufgenommen worden sein. In beiden Fällen greift die "Jodblockade" nicht. Das Bundesumweltministerium empfiehlt im Ernstfall, den Aufforderungen der Katastrophenschutzbehörden nachzukommen. "Die Tabletten sollten frühestens zehn Stunden und spätestens zwei bis drei Stunden vor dem Eintreffen einer radioaktiven Wolke eingenommen werden", rät Thomas Jung, Leiter des Bundesamts für Strahlenschutz. Auch Mediziner Böcking empfiehlt eine Einnahme rund drei Stunden vorher. "Eine Einnahme nachher bringt nichts mehr", so Böcking. Das sei sogar kontraproduktiv. "Dann wird das bereits aufgenommene radioaktive Jod in der Schilddrüse festgehalten."

Gibt es eine Altersgrenze bei der Einnahme von Jod-Tabletten?

Besonders für Kinder und Jugendliche ist die Einnahme von Jod-Tabletten wichtig, da sich ihre Schilddrüse noch in der Entwicklung befindet und entsprechend empfindlich ist, heißt es vom Bundesumweltministerium. Die Schilddrüse von Kindern ist wesentlich aktiver und nimmt deutlich mehr Jod auf, als die Schilddrüse von Erwachsenen. Auch Schwangere ab der zwölften Schwangerschaftswoche sollen nach Ministeriumsangaben im Falle einer atomaren Wolke Jod-Tabletten nehmen, um das ungeborene Kind zu schützen. Bei Menschen, die 45 Jahre oder älter sind, bestehe nach Angaben des Bundesumweltministeriums die Gefahr von Stoffwechselstörungen der Schilddrüse. Die Wahrscheinlichkeit, durch die Strahlung an Schilddrüsenkrebs zu erkranken, nehme ab diesem Alter zudem stark ab.

Die IPPNW sieht diese Vorgabe als überholt an. "Auch Menschen, die über 45 Jahre alt sind und keine Probleme mit der Schilddrüse haben, können Jod-Tabletten nehmen", sagt Alfred Böcking vom IPPNW. Die Altersbegrenzung habe dagegen durchaus seinen Sinn, meint Thomas Jung vom Bundesamt für Strahlenschutz: "Das Risiko von Schilddrüsenkrebs wird gegen das Risiko von Komplikationen durch die Jodeinnahme abgewogen." Viele Menschen wüssten nämlich gar nicht, dass sie an Schilddrüsenproblemen leiden und würden durch die hohe Joddosierung gesundheitliche Probleme bekommen.

Bei einem atomaren Notfall empfehlen alle Experten, den Vorgaben der Katastrophenschutzbehörden zu folgen. Denn die Schutzmaßnahmen hängen immer von der Schwere des Unfalls, der entsprechenden radioaktiven Belastung und den aktuellen Wetterverhältnissen ab.

Wie hoch ist der Vorrat an Jod-Tabletten?

Bund und Länder haben insgesamt einen Vorrat an rund 130 Millionen Jod-Tabletten. Das teilte das Bundesumweltministerium auf WDR-Anfrage mit. Davon haben die Länder mit einem Bestand von knapp 80 Millionen den größten Anteil. Diese Tabletten sind an die Kreise als zuständige Katastrophenschutzbehörden ausgeteilt und werden in Krankenhausapotheken im Kreisgebiet gelagert, sagte eine Sprecherin des NRW-Innenministeriums dem WDR. "Die Ausgabe ist nach Altersgruppen und Mengen differenziert und rein rechnerisch für die Zielgruppe ausreichend vorhanden", so die Sprecherin weiter. Auch wenn der Bund für die Ausstattung der Länder mit Jod-Tabletten zuständig sei, so beschaffe das Land NRW derzeit weitere Tabletten.

Stand: 25.05.2016, 11:02