Was den BVB-Profis nach dem Anschlag hilft

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Was den BVB-Profis nach dem Anschlag hilft

Dass die Champions-League-Partie so kurz nach dem Anschlag auf den BVB-Bus nachgeholt wurde, empört viele. Inwieweit das für die Spieler unzumutbar war und wie sie das Erlebte verarbeiten können, erklärt Sportpsychologe Jürgen Walter.

WDR 5: Kritiker sagen, es sei für die Fußballer eine unzumutbare Situation gewesen, nur einen Tag nach dem Anschlag das Spiel nachholen zu müssen. Wie sehen Sie das?

Jürgen Walter: Eine unzumutbare Situation - so würde ich es nicht bezeichnen. Es ist ein Extremereignis, auf das ich mich nicht vorbereiten kann. Aber es ändert nichts daran, wenn es so festgelegt wurde. Da nützt kein Hadern. Als Profi-Sportler muss ich mich damit arrangieren.

WDR 5: Können Profi-Sportler das besser?

Walter: Sie sollten zumindest gelernt haben, mit negativen Ereignissen gut umzugehen. Das können ja auch Ereignisse im Spiel sein - Niederlagen, Gegentore, verschossene Elfmeter. Sie sollten umschalten können, um dann wieder mental stark zu sein und das umzusetzen, was sie sich vorgenommen haben.

WDR 5: Aber ist das wirklich vergleichbar mit einem Negativ-Ereignis wie einem Gegentor? Es ging ja wirklich ums Leben.

Walter: Ja. Aber ich muss mir als Spieler danach auch klar machen: Von Polizei und UEFA ist die Lage so eingeschätzt worden, dass ich spielen kann. Was ändert sich einen oder zwei Tage später, das Ereignis bleibt ja. Während des Spiels kann ich kein Problem der Welt lösen. Da muss ich abschalten können und das zeigen, was ich kann - was ja auch interessanterweise in der zweiten Halbzeit umgesetzt werden konnte.

WDR 5: Aber trotzdem kann es möglicherweise so sein, dass die Spieler jetzt Bilder im Kopf haben, die sie vorher nicht im Kopf hatten, dass sie mit Angst umgehen müssen. Und dann stellt sich die Frage: schnell wieder zurück zur Routine, die helfen kann, oder erst einmal Ruhe?

BVB-Bus nach der Explosion vor dem Champions-League-Spiel gegen AS Monaco

BVB-Bus nach der Explosion vor dem Champions-League-Spiel gegen AS Monaco

Walter: Der Spieler und der Verein konnten es in dem Moment gar nicht mehr entscheiden. Im Moment des Anschlags war die Angst bestimmt groß, sie fühlten sich sogar in Lebensgefahr. Das ist klar. Aber es hat sich danach herausgestellt, dass die Lage erstmal sicher ist. Da müssen auch die Spieler und jeder Vertrauen in die Polizei haben.

Und dann geht es um die Aufarbeitung. Natürlich braucht der eine Spieler länger, der andere weniger lang. Man hat ja auch gesehen, dass Borussia Dortmund sich nicht 0:6 hat abschießen lassen, wo jeder sagt: Die sind nicht frei im Kopf, die haben nichts umsetzen können. So war es ja nicht. Und das ist das Thema mentale Stärke: In dem Moment einfach versuchen auszublenden und das abrufen, was ich kann.

WDR 5: Ist es nur eine Frage der mentalen Stärke? Es kann doch auch sein, dass Sachen langfristig passieren, man ist ja nicht von einer Minute auf die andere traumatisiert. Dass Spielern das Erlebnis trotzdem im Traum nachgeht, dass sie bestimmte Sachen nicht mehr gut machen können, wie zum Beispiel in den Bus steigen? Oder dass sie ein komisches Gefühl haben, wenn sie trainieren müssen, dass das plötzlich nicht mehr geht.

Walter: Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Man kann nach einem so traumatischen Ereignis unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Das bedeutet, die Spieler kriegen die Situation nicht aus dem Kopf, im Grunde können sie gar nicht mehr frei einen Bus betreten. In dem Fall sollten sie professionelle Hilfe annehmen, und zwar möglichst zeitnah. Die Frage ist, ob die Spieler sich das eingestehen.

WDR 5: Sie beraten Mannschaften, Leistungssportler. Gibt es Dinge, die besonders helfen, mit so einem Erlebnis umzugehen?

Walter: Viele Sportler kommen mit der Frage, wie das, was im Training klappt, auch dann klappt, wenn es darauf ankommt. Und der Zugang ist immer: Was sind meine Gedanken zu einer bestimmten Situation? Sind sie wirklich nützlich in dem Moment, sind sie wirklich eine Tatsache? Wenn die Sportler das draufhaben, können sie so etwas lernen wie Gedanken-Stopp. Ich nehme Kontakt mit meinen Gedanken auf, nach dem Motto: Liebe Gedanken, ihr stört, geht zur Seite. Und dann hole ich wieder das her, was mir in dem Moment nützt.

Zur Person
Jürgen Walter ist Sportpsychologe und Vorstandsvorsitzender der Landesgruppe NRW des Berufsverbandes Deutscher Psychologen. Er betreut Mannschaften und Leistungssportler, berät Firmen zur Kommunikation und Motivation. Jürgen Walter ist Lehrbeauftragter der Uni Köln und kommt aus Düsseldorf.

WDR 5: Lassen sich Erkenntnisse aus dem Sport auch auf uns übertragen, auf normale Menschen, die keinen Leistungssport machen?

Walter: Absolut. Ich berate auch Führungskräfte. Wenn die über Stress klagen, geht es meistens darum, dass sie ihre Arbeit nicht schaffen. Es ist das gleiche falsche Denken, dass sie an ihren eigenen Ansprüchen scheitern - und nicht, weil sie im Grunde schon die zweite Abmahnung haben und wegen Arbeitsverweigerung demnächst auf der Straße stehen. Man katastrophisiert oft - auch im Alltagsleben.

WDR 5: Also ein Rat, nicht zu früh zu katastrophisieren?

Walter: Ja. Auch realistisch sein. Es gibt den schönen bösen Spruch: Man klagt oft auf hohem Niveau. Das kann man jetzt nicht übertragen auf Dortmund - die Spieler haben in einem Moment gedacht, in Lebensgefahr zu sein und waren es. Das kann man nicht schönreden.

Es geht darum, das zu verarbeiten und auch zu schauen: Ich kann das Rad jetzt nicht mehr zurückdrehen, ich muss mich damit beschäftigen und ich muss auch versuchen es aufzuarbeiten, wenn ich die Bilder nicht aus dem Kopf kriege.

Das Gespräch führte Martin Winkelheide in WDR 5 Leonardo vom 13.04.2017

Für eine bessere Rezeption weicht die schriftliche Fassung des Interviews an einigen Stellen vom gesendeten Interview ab. Die intendierte Ausrichtung der Fragen und Antworten bleibt dabei unberührt.

Was den BVB-Profis nach dem Anschlag hilft

WDR 5 Leonardo Top Themen | 13.04.2017 | 06:42 Min.

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Stand: 13.04.2017, 15:49