Apothekerskandal facht Angst der Patienten weiter an

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Apothekerskandal facht Angst der Patienten weiter an

Vom Skandal um gepanschte Krebsmedikamente könnten tausende Menschen betroffen sein. Die Unsicherheit unter Patienten ist groß. Ein Gespräch mit einem Experten.

Der Skandal um gepanschte Krebsmedikamente wurde 2016 öffentlich. Einem ehemaligen Bottroper Apotheker wird vorgeworfen, seit 2012 Chemotherapien und Antikörperinfusionen zu niedrig dosiert oder ganz ohne Wirkstoff an Krebspatienten ausgegeben zu haben. Laut der Staatsanwaltschaft sind 3.700 Krebspatienten betroffen, die Dunkelziffer liegt allerdings nach Recherchen von NDR und Correctiv doppelt so hoch.

Bislang wurden offenbar auch noch nicht alle Betroffenen informiert. Psychoonkologe André Karger über neue Ängste, das Dilemma der Ärzte und psychotherapeutische Hilfe.

WDR.de: Zu der Diagnose Krebs kommt für betroffene Patienten in diesem Fall noch das Risiko hinzu, eine falsche oder wenig hilfreiche Therapie bekommen zu haben. Was bedeutet das für die Menschen?

André Karger: Das erhöht natürlich die Unsicherheit um ein Vielfaches, die die Patienten durch ihre Erkrankung ohnehin schon haben. Die Diagnose Krebs ist in der Regel eine existenzielle Herausforderung, die nicht nur das bisherige Leben infrage stellt, sondern auch die ganze Lebensperspektive radikal verändert. Patienten müssen sich plötzlich mit ihrer eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen und haben Angst, den Krebs nicht zu überleben. Ein wichtiges Element der Hoffnung ist natürlich die Therapie. Wenn die nun durch offenbar kriminelles Verhalten nicht in der empfohlenen Weise erfolgt, facht das die Angst weiter an. Das zweite Problem ist, dass Patienten das Vertrauen in die Behandlung und in das Medizinsystem verlieren.

Psychoonkologe André Karger

Andrè Karger ist Psychoonkologe, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Leiter der Psychoonkologie am Universitätstumorzentrum Düsseldorf.

WDR.de: Ist nicht gerade die psychische Verfassung für die Genesung eines schwer kranken Patienten sehr wichtig?

Karger: Die psychische Verfassung spielt schon eine große Rolle. Viele Untersuchungen zeigen, dass Patienten, die ihre Krankheit akzeptieren und sich gefühlsmäßig im normalen Spektrum bewegen, insgesamt auch mit der Erkrankung besser zurechtkommen und beispielsweise auch weniger Nebenwirkungen bei den Therapien haben.

WDR.de: Vielleicht kann man im Nachhinein gar nicht mehr zuordnen, wer von den gestreckten Medikamenten betroffen war. Auch für behandelnde Ärzte ist das ein Dilemma. Sollen sie Patienten von sich aus informieren oder warten, bis sie sich von selbst melden?

Karger: Einerseits ist es wichtig, Panikmache zu vermeiden, andererseits werden auch Patienten, die nicht betroffen sind, durch unbegründete Ängste beeinträchtigt. Wichtig ist, die Angelegenheit gut aufzuklären. Man kann ja wahrscheinlich den Kreis der Betroffenen schon einengen. Dann sollte man mit den Patienten auch über ein erhöhtes Risiko sprechen und ihnen eine Einschätzung geben, was das für sie bedeutet. Es ist immer besser, offen zu sein und den Patienten mit einzubeziehen.

WDR.de: Was kann die Psychoonkologie leisten?

Karger: Wir wissen, dass viele Krebspatienten auch unter psychischen Belastungen leiden und ein erhöhtes Risiko haben, psychische Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen zu entwickeln. Das kann sich ungünstig auf den Verlauf der Krebserkrankung auswirken. Die Psychoonkologie bietet psychosoziale Beratung und Psychotherapeutische Unterstützung in allen Phasen der Krankheit. Vom Umgang mit der Diagnose bis zur Verarbeitung der Folgen einer überstandenen Krebserkrankung. Wir helfen Patienten bei der Bewältigung ihrer Krankheit.

Stichwort Psychoonkologie

Laut Krebsgesellschaft befasst sich die Psychoonkologie mit den Zusammenhängen von Krebserkrankung und dem seelischen Erleben mit dem Ziel, Betroffenen angemessene Hilfestellung bei der Krankheitsverarbeitung zu geben. Psychoonkologen beraten, betreuen und behandeln Menschen mit Krebs sowie deren Angehörige. Zur Berufsgruppe der Psychoonkologen gehören sowohl Ärzte, Psychologen, Sozialpädagogen als auch Seelsorger und Menschen in vergleichbaren Berufen des sozialen Bereichs.

WDR.de: Was würden sie betroffenen Patienten raten?

Karger: Ich würde ihnen raten, mit den behandelnden Ärzten über die Problematik zu sprechen, um eine möglichst verlässliche Einschätzung zu bekommen. Wichtig ist es ja zu erfahren, welche Konsequenzen es hat, über einen gewissen Zeitraum ein Medikament mit einer zu niedrigen Wirkdosis bekommen zu haben. Das Schlimmste für die meisten Patienten ist, wenn sie gar keine Antworten bekommen.

WDR.de: Wir sprachen vorhin über das Dilemma der Ärzte und wie wichtig das offene Gespräch ist. Helfen Psychoonkologen auch manchmal, eine mögliche Sprachlosigkeit zwischen Arzt und Patient zu überwinden?

Karger: Aus Studien und Patientenbefragungen weiß man, dass nicht alle Ärzte optimal mit ihren Patienten kommunizieren. In solchen Situationen kann die Psychoonkologie auch Brücken schlagen und gegenüber ärztlichen Kollegen die Patientenperspektive mit vertreten. Oder auch umgekehrt, den Patienten die ärztliche Perspektive näherbringen.

Das Gespräch führte Katja Goebel

Stand: 23.09.2017, 06:00