Homöopathie: Vom Fan zur Kritikerin

Natalie Grams

Homöopathie: Vom Fan zur Kritikerin

  • Schon länger stehen homöopathische Mittel in der Kritik
  • Einige Fachleute möchten sie aus den Leistungen der Krankenkassen ausschließen
  • Natalie Grams ist eine der bekanntesten Homöopathie-Kritikerinnen Deutschlands
  • Sie unterstützt diese Forderung

WDR.de: Sollten Krankenkassen die Kosten für homöopathische Arzneimittel erstatten?

Natalie Grams: Nein. Im Solidarprinzip der Krankenkassen ist kein Platz für Wirkungsloses - selbst wenn die Ausgaben für Homöopathie im Vergleich zu anderen Ausgaben gering sind. Wer an die Homöopathie glauben und sie nutzen möchte, kann das gern tun, aber dann eben aus eigener Tasche bezahlen.

WDR.de: Hat die Homöopathie trotzdem eine Existenzberechtigung?

Grams: Als Glaubensrichtung durchaus. Und der Glaube kann ja durchaus auch zu gesundheitlicher Verbesserung führen. Auch der Placebo-Effekt hat seine Wirkung, das ist unbestritten. Allerdings sollte die Homöopathie nicht innerhalb der Medizin existieren.

Apothekerin beim Herstellen homöopathischer Tropfen

Über die Apothekenpflicht homöopathischer Mittel wird gestritten

Es wird immer Menschen geben, die an die Homöopathie glauben. Und das ist auch völlig in Ordnung. Mein Blick in die Zukunft ist deshalb nicht, alle Menschen zu Kritikern umzuerziehen, sondern der Homöopathie den gerechten Platz in unserer Gesellschaft und in der Medizin zuzuweisen. Das bedeutet auch, dass die Kassen nicht mehr dafür zahlen. Und es bedeutet, dass die Apothekenpflicht und damit dieser rechtliche Schutz für die Homöopathie wegfallen.

Derzeit aber ist die Homöopathie ein großer Markt - fast 5.000 homöopathische Mittel sind in Deutschland auf dem Markt. Was gibt die Homöopathie denn manchen Menschen, was sie in der Schulmedizin nicht finden?

Grams: Viele Menschen fühlen sich im Medizinalltag mit ihren Beschwerden nicht genug ernst genommen und vermissen die menschliche Zuwendung, den Blick über das Symptom hinaus. Da kann die Behandlung beim Homöopathen etwas anbieten, was die Schulmedizin derzeit nicht leistet. Diesen Punkt könnten wir mitnehmen in die normale Medizin, so dass die Menschen sich quasi gar keine Alternative dazu mehr wünschen müssen, weil ihnen auch beim Schulmediziner Zeit geschenkt wird und sie sich gut aufgehoben fühlen.

Natalie Grams ist Medizinerin und führte früher selbst eine homöopathische Praxis. Kritik an der Homöopathie ärgerte sie so sehr, dass sie begann ein Buch zu schreiben. Mit den Recherchen kam das Umdenken. Heute berichtet sie selber kritisch über die Homöopathie und arbeitet für die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.

WDR.de: Sie haben durch ihre Buch-Recherchen umgedacht und sind vom Homöopathie-Fan zur Kritikerin geworden. Wie schauen Sie heute auf Ihre Zeit als Homöopathin zurück?

Globuli fallen aus einer

Globuli - die Wirkung ist umstritten

Grams: Ich hab die Arbeit sehr geliebt. Ich vermisse sie auch, das gebe ich gerne zu. Wenn die Homöopathie wirksam wäre, würde ich jederzeit zurückkehren. Aber ich sehe natürlich auch, dass ich den Fehler gemacht habe, auf eine als Arzneitherapie wirkungslose Methode zu vertrauen und dass ich damit Patienten auch in die Irre geführt habe und das tut mir sehr leid.

WDR.de: Wie wollen Sie dieses Umdenken auch in der Gesellschaft vorantreiben?

Grams: Das ist sehr schwierig. Was wir erfahren ist, dass viele Menschen Homöopathie mit Naturheilkunde gleichsetzen oder denken, das ist doch wirksam, weil es in der Apotheke verkauft wird. Wir müssen aufklären: Was ist Homöopathie? Was kann sie und vor allem auch was kann sie nicht? Was ist belegt? Was ist widerlegt?

Lange Zeit haben Homöopathie-Kritiker mit dem Credo gearbeitet "Wer an Homöopathie glaubt, ist eh bescheuert". Das fand ich immer schrecklich. Wir versuchen, höflich, freundlich und wertschätzend zu sein mit den Menschen, die positive Erfahrungen gemacht haben mit der Homöopathie und nicht die Erfahrung in Frage zu stellen, sondern eine alternative Erklärung anzubieten.

Das Interview führte Sarah Ziegler

Stand: 28.07.2017, 14:36