Philosophie heute: Warten auf den großen Sprung

Vordenker der 68er: Theodor W. Adorno

Philosophie heute: Warten auf den großen Sprung

Der Publikumsandrang auf der Philcologne zeigt: Philosophie ist in. Aber sie bewegt sich in altbekannten Bahnen, und ein Heidegger oder Adorno sind nicht in Sicht. Ist die große Zeit der Philosophie vorbei?

Wer sind wir? Wie wollen wir leben? Fragen, auf die Philosophen seit Jahrtausenden Antworten suchen - auch heute. Aber wo sind die großen Denker, die große Denk-Modelle entwerfen? Dazu hat sich Wolfram Eilenberger, Publizist, Philosoph und Mitorganisator der Philcologne, seine eigenen Gedanken gemacht.

WDR.de: Herr Eilenberger, selbst Menschen, die sich nicht professionell mit Philosophie beschäftigen, haben schon mal von der "Frankfurter Schule" oder vom Existenzialismus gehört. Gibt es heute Denkrichtungen, die auch so revolutionär sind?

Der Journalist Wolfram Eilenberger in Köln auf der 4. phil.COLOGNE, das internationale Festival der Philosophie

Wolfram Eilenberger

Wolfram Eilenberger: Man muss sagen, dass die Zeit, in der große Strömungen erfunden wurden, vorbei scheint. Die großen Innovationsschübe liegen 60, 70 Jahre hinter uns. Damals wurden noch große Theoriegebäude wie die Frankfurter Schule, Gadamers Hermeneutik oder Derridas Poststrukturalismus entworfen. Seither ist man in einer Art Nachgeschichte, in der die Theorieentwürfe des 20. Jahrhunderts bearbeitet, ausdiferrenziert werden. Wenn man Innovationen als Zeichen der Stärke ansieht, ist die Philosophie gerade in einer schwachen Phase.

WDR.de: Was hat sich denn geändert im Vergleich zu damals?

Eilenberger: Das ist eigentlich eine Frage, die jeden Wissenschaftsbereich betrifft. Das ist in der Physik ganz ähnlich, da wurden in den 20er Jahren auch Durchbrüche erzielt, die heute nur noch nachbearbeitet werden. Eine Erklärung ist, dass große Durchbrüche durch einzigartige Denker erzeugt werden und diese Genies einfach nicht planbar sind oder zyklisch auftreten. Für die Philosophie heißt das: Denker wie Michel Foucault oder Theodor W. Adorno sind Jahrhundertgestalten, von denen man nicht erwarten kann, dass sie in regelmäßiger Folge mit diesem Talent und dieser Innovationskraft auftreten.

WDR.de: Man könnte sie vielleicht an den Unis suchen.

Eilenberger: Nein, denn das ist der andere Punkt. Die Verwissenschaftlichung der Philosphie als akademisches Fach trägt nicht dazu bei, große Innovationsschübe anzuregen.

WDR.de: Warum nicht?

Eilenberger: Wenn jemand heute in die Philosophie geht und das an der Universität professionell betreiben will, muss er sich sehr schnell spezialisieren und viel publizieren, und das heißt auch: in einer vorgestanzten Sprache zu vorgestanzten Problemen. Wenn Sie dann eine Berufungskommission haben, die darauf schaut, wieviel ein Kandidat in den Peer-Review-Magazines veröffentlicht hat, dann bekommen gerade die Menschen nicht die Stelle, die einen eigenen Ansatz suchen und ihrem Ding folgen wollen. Und da kann ich ihnen nicht zehn, sondern hundert Beispiele nennen.

WDR.de: Nämlich?

Eilenberger: Wir haben bei der Philcologne philosophische Denker wie Marcus Steinweg oder Robert Pfaller, die eine eigenständige Stimme suchen, die sie aber nicht akademisch qualifiziert hat.

WDR.de: Ist das eine neue Entwicklung?

Schwarzweiß-Foto von Martin Heidegger mit Schnurrbart und Trachtenjacke.

Anti-akademischer Professor: Martin Heidegger

Eilenberger: Wenn man die Geschichte der Philosophie betrachtet, haben die großen Gestalten, die Innovationssprünge gebracht haben, fast alle außerhalb der Akademie gewirkt. Spinosa hat eine Professur mit der Begründung abgelehnt, er würde dann die Freiheit des Denkens einbüßen. Martin Heidegger war zwar als Philosophie-Professor angestellt, sein Denken war aber immer stark anti-akademisch. Er gehört also zur Tradition des Philosophierens, dass Durchbrüche nicht innerhalb und durch die Universität, sondern außerhalb und trotz der Universität erfolgen.

WDR.de: Auch auf Veranstaltungen wie der Philcologne?

Eilenberger: Auf der Philcologne suchen wir nach neuen Formen des außerakademischen Philosophierens. Das ist mehr als eine Wissensvermittlung oder eine Form der öffentlichen Erziehung für Erwachsene. Das ist auch der Versuch, auf neue Weisen Gedanken zu entwickeln. Ich denke, das ist gerade für die Philosophie der Zukunft ein extrem wichtiges Format.

WDR.de: Sie sagten, Sie sehen keine neuen großen Gestalten am Horizont. Es gibt aber Autoren, die sich einen Namen gemacht haben, wie Richard David Precht. Wären von ihm vielleicht Innovationen zu erwarten?

Daniel Cohn-Bendit, Ulrike Herrmann, Alfred Grosser, Jürgen Wiebicke, Richard David Precht, Patrizia Nanz

Dichter und Denker auf der Philcologne 2017

Eilenberger: Nein, das ist auch nicht sein Selbstverständnis, glaube ich. Er ist eher ein Philosophievermittler, der es auf großartige Weise schafft, akademische und philosophische Theorie in die Öffentlichkeit zu tragen und auf aktuelle Probleme anzuwenden. Auch Peter Sloterdijk, der sicher einer der wirkmächtigsten und meistgelesenen Philosophen ist, ist eigentlich kein Denker, der eine Schule begründet hätte. Er versteht sich eher als philosophischer Schriftsteller und Zeitdiagnostiker. Es gibt tatsächlich einen Philosophen wie Markus Gabriel, der mit einer neuen Form des Realismus in Ansätzen ein Denkgebäude entworfen hat. Da muss man aber sehen, wie sich das entwickelt.

WDR.de: Wenn man das Philcologne-Programm durchliest, fällt auf, dass es um Luther geht, um offene Grenzen, Europa und sogar um selbstfahrende Autos. Das große Ganze findet da nicht statt - ist das eine Art der Selbstbescheidung?

Eilenberger: Naja, wir haben auch Luciano Floridi im Programm, einen Informations- und Internetphilosophen, der auf systematisch neue Weise versucht, die Prozesse, die wir mit dem Begriff Digitalisierung beschreiben, philosophisch fundiert zu durchdenken. Es gibt also durchaus Denker mit systematischem Ansatz, die nicht nur konkrete Anwendungen liefern.

Aber die großen Durchbrüche entstehen auch dadurch, dass man die Grenzen seines Faches sprengt und nach praktischen Anwendungen sucht. Wenn wir an die großen Philosophen wie Heidegger, Adorno oder Benjamin denken, dann zeichnet sich ihre Kraft auch dadurch aus, dass sie Menschen außerhalb der Philosphie erreichten und in sehr vielen anderen Disziplinen Wirksamkeit hatten. Es ist gerade das Kerngeschäft der Philosophie, auf andere Gebiete auszustrahlen. Auch das versuchen wir auch auf der Philcologne. Denn eine Philosophie, die sich nur auf sich selbst konzentriert, stirbt.

WDR.de: Und sie entwickelt sich weiter, trotz alledem.

Eilenberger: In der Philosophie steht nichts fest. Das ist ein offenes Gespräch, und auch wenn man das im Deutschen sagt: Man kann es nicht führen, das entwickelt sich. Deswegen wissen wir auch nicht, wo der nächste große Sprung lauert. Es ist durchaus möglich, dass irgendwo in einem kleinen Haus in Osnabrück eine genialer Mensch sitzt und seit dreißig Jahren an etwas schreibt, von dem wir nichts ahnen.

Das Interview führte Marion Kretz-Mangold

Stand: 09.06.2017, 06:00