Interview: Was tun gegen Blasenschwäche?

Eine junge Frau drückt sich die Hände in ihren Schoss, weil sie dringend auf Toilette muss

Interview: Was tun gegen Blasenschwäche?

  • Viele neue Therapien gegen Blasenschwäche
  • Inkontinenz Thema beim Urologenkongress in Dresden (20.-23.09.2017)
  • Interview mit Urologin Daniela Schultz-Lampel
Dr. Daniela Schultz-Lampel

Dr. Daniela Schultz-Lampel

Es passiert beim Lachen, Niesen, beim Tragen schwerer Einkaufstaschen oder beim Sport: ungewollt gehen ein paar Tropfen in die Hose. Dass Blasenschwäche gar nicht so selten ist, worin die Ursachen liegen und was man dagegen tun kann, erläutert Dr. Daniela Schultz-Lampel, Direktorin des Kontinenzzentrums Südwest.

WDR: Wie viele Menschen leiden denn unter Inkontinenz?

Daniela Schultz-Lampel: Es gibt immer noch eine große Dunkelziffer, aber wir gehen von acht bis zehn Millionen Deutschen aus.

WDR: Wer ist betroffen?

Schultz-Lampel: Es kann jeden treffen, auch wenn man noch so fit ist. Grundsätzlich sind ältere Menschen und Frauen häufiger betroffen als junge Menschen und Männer. Die Ursachen sind unterschiedlich: bei Männern können Probleme nach einer Prostataoperation auftreten, bei Frauen spielen mehrere Faktoren eine Rolle, wie Wechseljahre, Schwäche der Beckenbodenmuskulatur oder des Bindegewebes, Schwangerschaft und Geburt oder Senkung von Gebärmutter und Beckenboden.

WDR: Welche Formen der Inkontinenz gibt es?

Schultz-Lampel: Es gibt zwei große Formen: die Harnbelastungsinkontinenz, die durch eine Schwäche des Beckenbodenmuskels hervorgerufen wird und die Dranginkontinenz, die mit einem wahnsinnigen Drang verbunden ist, sehr häufig auf Toilette zu gehen und bei der die Blase nur eine geringe Menge Urin fassen kann. 

WDR: Wie gut sind mittlerweile Produkte wie Windeln und Einlagen?

Eine Frau schließt den Reißverschluss ihrer Jeans-Hose über einer Inkontinenz Windel

Moderne Hilfsmittel sind unsichtbar unter der Kleidung

Schultz-Lampel: Es gibt immer noch Patienten, die legen sich Frotteetücher oder Toilettenpapier in die Hose. Dabei gibt es gute Produkte, die wieder Lebensqualität bringen. Die sieht man und vor allem riecht man nicht. Mit den sogenannten Superabsorbern wird der Urin gebunden zu einer Gallertmasse.

WDR: Wie kann man Inkontinenz vorbeugen?

Schultz-Lampel: Präventives Beckenbodentraining ist die wirksamste Methode. Das gilt besonders für Frauen nach der Geburt und Menschen mit Bindegewebsschwäche. Ganz wichtig ist, dass man Training richtig macht! Am besten mit einem gut ausgebildeten, zertifizierten Physiotherapeuten. Elektrotherapie- oder Biofeedbackgeräte können unterstützend eingesetzt werden.

WDR: Gibt es wirksame Medikamente?

Schultz-Lampel: Bei der Belastungsinkontinenz gibt es nach wie vor nur ein einziges Medikament: den Wirkstoff Duloxetin, ein Antidepressivum, das die Harnröhre kräftigt. Damit erzielt man eine leichte Verbesserung. Das wird eher selten eingesetzt.

WDR: Wenn Medikamente und Training nicht mehr helfen, dann wird operiert. Welches ist die bewährteste Methode?

Schultz-Lampel: Bei den meisten Patientinnen wird mittlerweile die sogenannte TVT-Operation angewandt. Dabei wird ein Kunststoffband vor die Harnröhre gelegt, um sie zu stützen und zu verhindern, dass diese unter Belastung absinkt.

WDR: Wie groß sind die Heilungschancen?

Eine Rolle Toilettenpapier liegt auf einer Herrentoilette

Immer auf der Suche nach der nächsten Toilette

Schultz-Lampel: Das hängt von der Konstellation ab. Bei einer reinen Belastungsinkontinenz, mit einer gewissen Restfunktion des Beckenbodens, sind die Chancen bei 90 bis 95 Prozent. Bei Mischformen, die es leider häufig gibt, wenn der Patient eine leichte Dranginkontinenz hat oder die Blase nicht so richtig leer bekommt, vielleicht Übergewicht oder Diabetis vorhanden sind, dann sinken die  Erfolgsraten auf 75 bis 80 Prozent.

WDR: Wie behandelt man eine Dranginkontinenz?

Schultz-Lampel: Sinnvoll ist Verhaltenstherapie. Gerade bei alten Patienten versucht man eine Verbesserung zu erzielen über Blasentraining, regelmäßiges Trinken und regelmäßige Toilettengänge. Es gibt auch gute Medikamente. Eine weitere, seit 2012 zugelassene Methode, ist der Einsatz von Botox. Das wird in die Blase gespritzt und sorgt für eine Beruhigung der Muskulatur. Die Wirkung hält in der Regel sechs bis neun Monate, teils auch zwölf Monate.

Das Interview führte Susanne Schnabel.

Dr. Daniela Schultz-Lampel ist Fachärztin für Urologie und spezielle urologische Chirurgie. Sie baute im Jahr 2000 das erste Kontinenz-Zentrum in Deutschland am Schwarzwald-Baar Klinikum in Villingen-Schwenningen auf. Schultz-Lampel ist neben ihrer Tätigkeit als Direktorin des Kontinenzzentrums Südwest Professorin an der Universität Witten/Herdecke. Zudem ist sie Vorsitzende des Arbeitskreises "Urologische Funktionsdiagnostik und Urologie der Frau" der Akademie der Deutschen Gesellschaft für Urologie. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist der Einsatz von Botox bei Inkontinenz.

Stand: 20.09.2017, 12:33