Homo sapiens: 100.000 Jahre älter als gedacht

2 Abbildungen von einem Schädel

Homo sapiens: 100.000 Jahre älter als gedacht

Von Michael Stang

  • Forscher entdecken in Marokko neue Knochen des Homo sapiens.
  • Datierungen zeigen, dass unsere Art schon vor 300.000 Jahren lebte.
  • Die Funde sind rund 100.000 Jahre älter als bisherige Rekordhalter aus Ostafrika.

Ein internationales Forscherteam aus Deutschland und Marokko präsentiert ein völlig neues Bild aus der Frühzeit des anatomisch modernen Menschen: Vertreter des Homo sapiens lebten demnach schon vor 300.000 Jahren in Nordafrika. Veröffentlich werden die beiden Studien dazu im Fachblatt "Nature". Bislang stammte der älteste Fund eines Homo sapiens aus Äthiopien; er ist 195.000 Jahre alt.

Homo sapiens ist viel älter gedacht

WDR 5 Leonardo Top Themen | 08.06.2017 | 06:35 Min.

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Zahn- und Knochenfunde helfen bei der Datierung

Forscher entdecken die bisher ältesten Fossilien von Homo sapiens

Die Fundstelle Jebel Irhoud in Marokko

In der Nähe des marokkanischen Rabat entdeckte ein Team unter der Leitung von Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie mit Kollegen vom Nationalen Institut für Archäologie (INSAP) neue fossile Knochen des Homo sapiens und Steinwerkzeuge. Bei den Versteinerungen handelt es sich um Schädel, Unterkiefer, Zähne und Langknochen von mindestens fünf Personen. Sie konnten mithilfe der Thermolumineszenz-Methode exakt datiert werden.

Die Fundstelle Jebel Irhoud in Marokko ist zwar schon seit den 1960er-Jahren bekannt, aber der Fundort ließ sich wegen fehlender Technik bisher nicht datieren.

Die ältesten sicher datierten fossilen Nachweise

Die neuen Funde sind rund 300.000 Jahre alt und gelten damit als die ältesten sicher datierten fossilen Nachweise unserer eigenen Art. Die Geschichte des Homo sapiens wird damit um 100.000 Jahre nach hinten datiert.

Außerdem beleuchten die Knochen eine frühe Phase der menschlichen Evolution. Das Gesicht weise schon eher moderne anatomische Züge auf, sagt Jean-Jaques Hublin. "Solche Gesichter sehen wir täglich in der Straßenbahn." Dagegen wirkt der Hirnschädel noch sehr archaisch.

Keine einfache lineare Evolution

Forscher entdecken die bisher ältesten Fossilien von Homo sapiens

Computeranimation des Schädels

Da die Funde aus Marokko stammen, rückt der Norden des afrikanischen Kontinents in den Fokus der Frühzeit des anatomisch modernen Menschen, parallel mit Südafrika, wo auch menschliche Vorfahren vor 300.000 Jahren lebten. "Es gab keine einfache lineare Evolution des Menschen", so Hublin. Man müsse sich auch von der Vorstellung eines Stammbaums verabschieden. "Es war eher ein Stammbusch."

Spannend wird die Frage nach dem geografischen Ursprung des Homo sapiens, der allen Daten zufolge in Afrika liegt – aber wo? Im Norden, im Osten oder doch im Süden? In allen drei Regionen Afrikas wurden wichtige frühe Homo-Funde gemacht, aktuell vor allem die Homo-naledi-Funde in Südafrika. Noch passen die einzelnen Puzzleteile – geografisch, zeitlich und anatomisch – nicht zusammen. Einig sind sich jedoch alle Paläoanthropologen in einem Punkt: Nur mehr und bessere Fossilien, die gut datiert sind, können helfen, den Ursprung unserer Art Homo sapiens zu rekonstruieren.

Stand: 07.06.2017, 19:00