Anti-HIV-Pille: Nicht ohne Risiko

Computeranimation eines HIV-Partikels im Blut

Anti-HIV-Pille: Nicht ohne Risiko

  • Anti-HIV-Tabletten nun für 50 Euro erhältlich
  • Wirkstoff verringerte Neuinfektionen in anderen Ländern
  • Wegen Nebenwirkungen nur unter Arztaufsicht einzunehmen
  • Risiko, dass sich Resistenzen gegen den Wirkstoff bilden

Für Menschen, die ein großes Risiko haben, sich mit HIV zu Infizieren und die andere Schutzmaßnahmen nur schlecht oder gar nicht nutzen können, ist die HIV Präexpositions-Prophylaxe (PrEP) erschwinglich geworden. Das Medikament kostet nun 52 Euro im Monat. Bisher betrugen die Kosten mehrere Hundert Euro.

Professor Hendrik Streeck über die Risiken und Chancen für das Produkt.

WDR: Für welche Gruppe sind die Tabletten zur Vorbeugung gegen HIV vor allem gedacht?

Professor Hendrik Streeck: In der Praxis ist die so genannte Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP) vor allem für einen Teil von homosexuellen Männern mit häufig wechselnden Partnern, die auf Kondome verzichten wollen, interessant. Wie groß das Interesse in Deutschland ist, weiß man nicht. In Frankreich ist das Präparat bereits frei verfügbar und es gibt 4.000 Nutzer. Würde man die Zahlen auf Deutschland übertragen, wären es vielleicht 8.000. Wir hoffen, dass wir durch den nun gestarteten Piloten Daten über das Nutzerverhalten in Deutschland bekommen.

WDR: Ist die PrEP auch eine Lösung für Paare mit Kinderwunsch, wenn ein Partner HIV-positiv getestet ist?

Streeck: Das ist natürlich ein spezielles Einsatzfeld. In der Regel haben gut behandelte HIV-Infizierte kein Übertragungsrisiko mehr. Aber PrEP kann auch hier einen zusätzlichen Schutz bieten.

Hendrik Streeck sitzt vor Wand mit Objekten

Professor Hendrik Streeck leitet das Institut für HIV-Forschung am Universitätsklinikum in Essen. Er forscht an Behandlungsmethoden für HIV-Infizierte und Impfstoffen. Das Institut begleitet das Pilotprojekt zur Markteinführung von PrEP wissenschaftlich.

WDR: Wegen der Nebenwirkungen soll das Medikament nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen. Wie groß sind denn die Risiken der Präparate?

Streeck: Generell ist das Medikament nebenwirkungsarm, kann aber auf die Niere gehen. Deshalb sollte bei der Einnahme die Nierenfunktion regelmäßig kontrolliert werden. Zudem kann die Knochendichte sinken. Der Arzt muss daher mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten in Betracht ziehen. Werden beispielsweise zeitgleich Schmerzmittel mit Koffein eingenommen, können sich die Nebenwirkungen für die Nieren verstärken. Der zweite Grund für einen regelmäßigen Arztbesuch ist, dass die Tabletten nicht vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten schützen.

WDR: Wie hoch schätzen Sie das Risiko ein, dass sich durch den Kondomverzicht etwa Syphilis oder Gonorrhoe schneller ausbreiten?

Streeck: Eine französische Erhebung hat belegt, dass 30 Prozent der PrEP-Nutzer innerhalb der Studiendauer eine sexuell übertragbare Krankheit hatten. Dagegen sieht eine Studie der Universität Emory sogar einen Rückgang dieser Krankheiten belegt. Das liegt wohl daran, dass die Nutzer während der PrEP-Einnahme häufiger zum Arzt gehen. Im Rahmen des nun stattfindenden Piloten bekommen alle Nutzer auch einen Fragebogen, den wir in unserem Institut auswerten wollen.

WDR: Truvada wird schon länger als Mittel bei Ausbruch der Krankheit eingesetzt, nun auch zur Prophylaxe. Wie groß ist die Gefahr, dass durch die Einnahme Resistenzen gebildet werden?

Eine Hand greift zu Tabletten eines an AIDS erkrankten Menschen

Streeck: Infektionsepidemologisch ist der Einsatz als Prophylaxe natürlich umstritten. In der HIV-Therapie gibt es Resistenzen gegen Truvada, aber bislang sehr geringe, die nicht vergleichbar sind mit denen gegen Antibiotika. In San Francisco wird seit 2012 PrEP eingesetzt und bislang hat sich dort keine höhere Resistenzentwicklung gezeigt. Dagegen sind die Neuinfektionen dort jedes Jahr um 17 Prozent zurückgegangen. In Washington, D.C. waren es im ersten Jahr sogar 42 Prozent weniger Neuinfektionen. Das ist letztlich ein Abwägen: Riskiert man die Bildung von Resistenzen oder will man eine geringer infizierte Bevölkerung.

WDR: Was würden Resistenzen für die HIV-Bekämpfung bedeuten?

Streeck. Bislang sind die Wirkstoffe in Truvada ein Teil der gängigen HIV-Therapie. Würden dagegen Resistenzen gebildet, würde man ein Rückgrat der Behandlung verlieren.

WDR: Halten Sie das für sinnvoll, dass die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für die  Tabletten übernehmen?

Streeck: Ich finde schon. Wenn die Krankenkassen nur 50 Euro übernehmen müssen, ist das weit günstiger als die HIV-Behandlung. Zudem ist die PrEP häufig nur für eine bestimmte Lebensphase relevant, während HIV-Medikamente ein ganzes Leben eingenommen werden müssen. Das Argument, dass man damit ein Lebensqualitätsmedikament bezahlt, finde ich schwierig. Schließlich übernehmen die Krankenkassen auch Cholesterinsenker, womit Werte gesenkt werden, die sich letztlich auch durch einen anderen Lebensstil regulieren ließen.

Das Gespräch führte Anke Fricke.

Stand: 02.10.2017, 16:41