"Meine Haare sind mir heilig - auch die falschen"

 Yves Klünder

"Meine Haare sind mir heilig - auch die falschen"

Von Susanne Schnabel

Mit den Haaren schwindet oft das Selbstbewusstsein. Farbiges, volles und kräftiges Haar steht in unserer Gesellschaft für Gesundheit und Vitalität. Warum eigentlich?

Zum Überleben brauchen wir aus rein biologisch-medizinischer Sicht keine Haare, aber für unser Seelenheil. Haare sind Symbol für Jugendlichkeit, wirken auf das andere Geschlecht anziehend und sind Ausdruck für unsere Persönlichkeit.

Schütteres Haar oder eine Glatze gelten als Makel. Nicht jeder ist so selbstbewusst und steht zu einer Glatze, Halbglatze oder Geheimratsecken. Vor allem sei es für Frauen traumatisch, wenn die Haare ausfallen, sagt Ramona Rausch, Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Zweithaar-Spezialisten (BVZ). Mit Haarteilen oder Perücken könne man ihnen wieder Lebensqualität zurückgeben.

Perücken

Perücken in einem Schaufenster



Dass uns die Haare heute noch so viel bedeuten habe einen langen geschichtlichen Hintergrund, so Rausch. "Zum Beispiel haben die Indianer ihren Feinden die Haare abgeschnitten oder Gefangenen auf der ganzen Welt wurden die Haare rasiert als Zeichen der Schändung."

Attraktivitätsforschung mit eindeutigen Ergebnissen

Glatze eines Mannes

Es gibt viele Studien zu Haaren

Der Psychologe Ronald Henss hat zum Thema Haare und Attraktivität an der Universität des Saarlandes zahlreiche Untersuchungen durchgeführt. Eines seiner Experimente: Männer, die von Natur aus eine Glatze haben, wurden einmal mit, einmal ohne Toupet fotografiert und dann von 1.500 Versuchspersonen beurteilt. Ergebnis: wenn der gezeigte Mann sein Toupet trug, wurde er als attraktiver, größer und jünger eingeschätzt.

Toupet auf dem Kopf und den Bart färben

"Insgesamt muss man das aber differenziert sehen. Das Gesicht des Mannes spielt immer noch die größte Rolle. Der Mann belegt auf der Attraktivitätsskala ein bestimmtes Segment, etwa sehr attraktiv. Hat er eine Glatze, rückt er in der Skala ein wenig nach unten, aber er wird dadurch ja nicht hässlich", erklärt Henss.

Welche Auswirkungen die Haarpracht auf den Erfolg im Beruf hat, dazu gibt es widersprüchliche Studien. Marco S. aus Köln hat eine Halbglatze und geht auf Nummer sicher. "Ich nutze ein Haarteil, weil ich mich als Freiberufler mittleren Alters gegen die junge Konkurrenz durchsetzen muss. Glatze macht alt und alt ist nicht gefragt", so die Erfahrung des 48-jährigen Dozenten. "Meine Haare sind mir heilig - auch die Falschen. Und ich färbe meinen Bart braun. Auch grau wirkt alt."

Zweithaarspezialist mit Schere, Kleber und Herz

Yves Klünder ist Friseurmeister aus Mönchengladbach und hilft Menschen mit Haarproblemen.

Haarteil

Das braucht viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung, denn niemand soll sehen, dass es sich um Zweithaar handelt.

Das braucht viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung, denn niemand soll sehen, dass es sich um Zweithaar handelt.

"Wichtig: keine Kompromisse machen", sagt Yves Klünder. "Die Kunden müssen 200 Prozent zufrieden sein, bevor sie meinen Salon verlassen."

Echthaar oder Kunsthaar, Teilhaar oder Volltoupet, kleben oder feststecken, ...

... es gibt mittlerweile viele Möglichkeiten, Haarverlust unauffällig zu kaschieren.

"Diese Kartons sind alle voller Perücken", erklärt der Friseur. "Meine Kunden probieren viele verschiedene Modelle an, bis wir die perfekte Lösung gefunden haben."

Yves Klünder kümmert sich nicht nur um den Kopf, sondern auch um die Seele seiner Kunden - gerade bei Krebspatienten, die durch Chemotherapie oder Strahlenbehandlung alle Haare verlieren.

Für Frauen sei es noch dramatischer, wenn sie Haare verlieren, so Klünder. "Zu uns kommen aber auch viele Männer, mehr junge als ältere, denen wir mit Haarersatz wieder mehr Lebensqualität zurückgeben."

Leben ohne bedauernde Blicke

Ellen M. aus Mönchengladbach hatte im vergangenen Jahr Brustkrebs und verlor wegen der Chemotherapie alle Haare. Eine Perücke, die exakt so aussah wie ihre echten Haare, half. Die 52-Jährige hatte keine Lust, mit jedem über ihre Krankheit zu sprechen. "Die Haare gaben mir die Möglichkeit, mein Leben ohne bedauernde Blicke weiterzuführen. Ich wollte nicht beim Bäcker angestarrt werden", sagt die zweifache Mutter. "Zudem war es im Herbst und Winter echt kalt ohne Haare auf dem Kopf."

Ihre Haare sind mittlerweile nachgewachsen, die Perücke liegt im Schrank. "Ich habe sie geliebt, aber nichts geht über eigene Haare."

Stand: 10.02.2017, 06:00