Wie schnell können wir Gewohnheiten ändern?

Kalenderblatt erster Januar; Hand mit Edding malt Ausrufezeichen

Wie schnell können wir Gewohnheiten ändern?

Zum neuen Jahr möchten sich viele Menschen von unliebsamen Gewohnheiten trennen. Gute Vorsätze sind schnell gefasst - und genauso schnell wieder verworfen. Woran liegt das? Ein Interview.

Raucher werfen ihre Zigaretten weg, zahlreiche Menschen melden sich im Fitnessstudio an, nehmen sich eine gesündere Ernährung vor oder wollen einen wichtigen Karriereschritt in Angriff nehmen. Andere möchten weniger arbeiten, um mehr Zeit für Freundschaften und Familie zu haben oder ihre Hobbys besser zu pflegen. Was anfänglich mit großer Euphorie in Angriff genommen wird, scheitert leider häufig. Wir sprachen darüber mit dem Psychologen Dieter Frey.

WDR: Durchhalten - warum fällt das den meisten Menschen so schwer?

Dieter Frey: Durchhalten fällt vor allem dann schwer, wenn es ein ganz neues Verhalten ist oder ein bisheriges Gewohnheitsverhalten abgebaut werden soll. Da ist dann noch kein Automatismus drin und das ist oft schwierig. Deshalb ist die Umsetzung immer auch mit Hindernissen verbunden.

WDR: Wie motiviert man sich, wenn man zunächst scheitert?

Frey: Es hilft, wenn man sich quasi selber impft und sagt: "Es wäre schön, wenn ich es beibehalte. Ich will aber nicht gefrustet sein, wenn es beim ersten Mal nicht klappt und auf jeden Fall dran bleiben." Das heißt, man kalkuliert Scheitern ein, sagt aber: "Ich versuche es trotzdem weiter."

Mann auf Laufband vor Fensterfront in Fitnessstudio

Vorsätze 2017: Stress reduzieren, Sport, gesund essen, abnehmen

WDR: Ist ein fester Termin wie der 1. Januar sinnvoll oder sollte man sich einfach individuell und unabhängig von äußeren Umständen den richtigen Zeitpunkt selbst setzen?

Frey: Der erste Januar mag für viele Menschen ein Termin sein, an dem man reflektiert: Soll es so weitergehen wie bisher? Was lief und läuft gut? Was lief und läuft nicht gut? Wo ist Änderungsbedarf? Insofern mag der erste Januar in der Tat ein guter Termin für viele Menschen sein. Aber natürlich sollte man nicht dogmatisch sein, wenn es aufgrund der äußeren Umstände nicht der richtige Zeitpunkt ist. Da gilt nahezu jeder Tag als neue Chance.

WDR: Gibt es aktuelle Zahlen aus der Forschung, wie viele Menschen ihre Vorsätze durchhalten?

Frey: Ich kenne solche Zahlen nicht, schätze aber von alldem, was ich so höre, dass maximal mit einer Umsetzungsquote von 10 bis 20 Prozent zu rechnen ist. Ein klassisches Beispiel sind Neuanmeldungen in Fitnessstudios und Sportvereinen zu Jahresbeginn, wo die Teilnahme dann aber nach den ersten ein, zwei Monaten in etwa wieder auf das Ursprungsniveau sinkt.

WDR: Wie ist das mit Süchten?

Frey: Bei Süchten hat man kaum eine Chance ohne professionelle Hilfe. Da muss man schon sehr diszipliniert sein und muss eine Umgebung haben, die einen unterstützt. Ich will jetzt nicht sagen, dass nichts ohne professionelle Hilfe möglich ist. Aber wer mit dem Alkohol aufhören will, Tabletten, Magersucht und so weiter, der braucht auf jeden Fall professionelle Hilfe. Alles andere wäre eine Illusion.

Schattenbild eines Mannes im Profil, der trinkt

Wer suchtkrank ist, braucht professionelle Hilfe

WDR: Was raten Sie, wie gelingen die Neujahrsvorsätze?

Frey: Es hat viel mit Reflektion im Kopf zu tun: Was will man verändern? Ist es wirklich wichtig und hat man Leidensdruck oder Einsicht? Wie sieht ein Aktionsplan aus, also wie will man es umsetzen? Hat man die sogenannten widrigen Umstände reflektiert, das heißt, was spricht alles dagegen, dass es klappt?

Wie kann man diese Hindernisse überwinden? Ist man überhaupt fähig, zeitlich, materiell, vom Aufwand, das neue Verhalten zu zeigen oder die Gewohnheit abzubauen? Es hilft natürlich, wenn man seine Vorsätze öffentlich macht, visualisiert, so dass man dran bleibt. Es hilft auch, wie beschrieben, zu sagen: "Jeder Tag ist eine neue Chance."

Prof. Dr. Dieter Frey

Prof. Dr. Dieter Frey

Dieter Frey ist seit 1993 ist Professor für Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Forschungsgebiete sind u.a. Dissonanztheorie, Kontrolltheorie, Theorie der gelernten Sorglosigkeit, Entstehung und Veränderung von Werten, Entstehung von Innovationen, Grundlagen und Faktoren professioneller Führung und Zivilcourage.

Die Fragen stellte Susanne Schnabel

Stand: 27.12.2016, 06:00