Sinn und Unsinn von Großraumbüros

Sinn und Unsinn von Großraumbüros

Von Susanne Schnabel

Türen und Wände waren gestern, heute sitzen alle in einem Büro. Viele Arbeitgeber schwören darauf - häufig zum Leid der betroffenen Arbeitnehmer. Können Großraumbüros wirklich sinnvoll sein?

Ein Angestellter arbeitet in einem Büro am Schreibtisch

Moderne Büros haben schicke Namen: Open space, Smart office, Campus oder Teamworking Area. Arbeitgeber versprechen sich mehr Kommunikation und Teamarbeit sowie mehr Leistung und Effizienz.

Moderne Büros haben schicke Namen: Open space, Smart office, Campus oder Teamworking Area. Arbeitgeber versprechen sich mehr Kommunikation und Teamarbeit sowie mehr Leistung und Effizienz.

Gleichzeitig haben sie die Mitarbeiter durch die architektonische Transparenz besser unter Kontrolle. Aber darüber spricht man nicht gerne in der Öffentlichkeit. Im Grunde kontrolliert die Gruppe sich selbst, denn jeder bekommt mit, wer sich wann einen Kaffee holt, wie lange zur Toilette oder in die Pause geht, privat telefoniert oder - hoffentlich nicht - eingeschlafen ist.

Eine klare Definition, ab wann ein Büro ein Großraumbüro ist, gibt es im Prinzip nicht. Allerdings hat sich der Richtwert ab einer Größe von 400 Quadratmetern und ab 20 Mitarbeitern eingebürgert.

Die Idee der Bürolandschaften ist nicht neu. In den 1960er Jahren herrschte in Deutschland ein Großraumbüro-Hype und große Unternehmen wie Versicherungen und Pharmakonzerne setzten nach amerikanischem Vorbild auf die riesigen Arbeitszimmer. Hier im Bild der amerikanische Schauspieler Jack Lemmon im Film "Das Appartement" (1960).

"Der Trend geht auch weiter in Richtung offener Großraumbüros", sagt Christof Rose, Sprecher der Architektenkammer NRW. "In neuen modernen Büros wird mittlerweile darauf geachtet, dass es ruhige Rückzugsorte gibt, wie Espressobars oder kleinere Büros." Hier können die Mitarbeiter ungestört diskutieren, telefonieren oder nachdenken.

Der Wiesbadener Wissenschaftsjournalist und Buchautor Ernst Probst mag keine Großraumbüros, was in seinen Aphorismen mehr als deutlich wird: "Großraumbüros sind oft Albträume am helllichten Tag." oder "Großraumbüros sind Brutstätten für Mobbing." Ihn ärgert, dass Chefs meist nicht in den Großraumbüros sitzen. Probst Idee: "Jeder Chef sollte selbst hinter Glas beweisen müssen, dass er in jeder Stunde 60 Minuten arbeitet, wie er es von seinen Mitarbeitern/innen erwartet."

Mittlerweile gibt es einige internationale Studien über die Auswirkungen von Großraumbüros auf Psyche und Körper. Die Forschung zeigt: Die Probleme, mit denen Mitarbeitende kämpfen sind in etwa immer die gleichen. "Gespräche der Kolleginnen und Kollegen stören, den einen ist es zu kalt, den anderen zu warm", sagt Sibylla Amstutz, Architektin und Leiterin des Projekts Meet2Create am Kompetenzzentrum Typologie & Planung in Architektur der Hochschule Luzern.

"Die Mitarbeitenden können dabei oft keinen Einfluss auf ihr Umfeld nehmen und fühlen sich ausgeliefert - das beeinflusst ihre Produktivität und Zufriedenheit", so Amstutz, die seit vielen Jahren zu dem Thema forscht. Zudem steige die Krankheitsrate mit der Zahl der Menschen, die in einem Büro arbeiten.

Auch ein australisches Forscher-Team von der Queensland University of Technology hat in einer Studie belegt, dass Mitarbeiter in Großraumbüros über Stress, Reizüberflutung, Verlust von Privatsphäre und geringere Zufriedenheit klagen. Die Australier stellen ebenfalls einen direkten Zusammenhang zwischen der allgemeinen Zufriedenheit am Arbeitsplatz und der Gesundheit der Beschäftigten her.

Unter bestimmten Umständen könne laut Amstutz die Arbeit im Großraumbüro zur Zufriedenheit aller funktionieren. "So könnte zum Beispiel Kommunikation im Grossraum und an den Gruppentischen erlaubt und sogar erwünscht sein. Die konzentrierte Tätigkeit könnte an unterschiedlichen Orten und Arbeitsplätzen ausgeführt werden, entweder zu Hause oder an speziell gestalteten Rückzugsräumen im Unternehmen."

Darüber hinaus bräuchte es aber auch geeignete Orte und neue Konzepte für Projektarbeit, die durch die heutigen Meetingräume oft nicht angemessen unterstützt wird. Amstutz meint, eine kluge Gestaltung der Arbeitsumgebung könne tatsächlich große Auswirkungen auf die Produktivität haben. "Und das führt zu mehr Zufriedenheit. Es ist ja so: Je produktiver ein Mensch arbeiten kann, desto zufriedener ist er."

Stand: 20.02.2017, 06:00 Uhr