Kennen wir uns?

Junge Frau mit erschrockenem Gesichtsausdruck

Kennen wir uns?

Gesichter wiederzuerkennen, ist für die meisten leicht und selbstverständlich. Nicht so für Menschen, die unter der sogenannten Gesichtsblindheit leiden. Wer sich angesprochen fühlt, bloß nicht schämen: Hochbegabte sind offenbar überdurchschnittlich betroffen.

Wenn Sabine H. über ihre Gesichtsblindheit spricht, dann kann sie viele Anekdoten erzählen. Zum Beispiel über die Situation, als sie einmal auf einer Messe einen Stand hatte. Irgendwann kamen zwei Leute auf sie zu, lächelten freundlich und begrüßten sie mit ihrem Namen. Sie hatte keine Ahnung, wer das war, aber ihr war klar: "Diese Leute müsste ich kennen." Um unauffällig  ihre Namen herauszufinden, fragte sie die beiden unter einem Vorwand nach ihren Visitenkarten. "Die sind fast vor Lachen geplatzt", erzählt Sabine. Es stellte sich heraus: Es sind ehemalige Kolleginnen. Eine hatte eine Brille, die andere sich die Haare dunkel gefärbt.

Eindruck, dass alle Gesichter gleich aussehen

Peinliche Situationen wie diese passieren Sabine immer wieder. Nicht weil sie unaufmerksam wäre oder kein Interesse an anderen Menschen hätte – sie hat einfach Probleme, sich Gesichter zu merken. Sie leidet unter einer Störung namens Prosopagnosie – ein Kunstwort aus dem Griechischen, das man mit "Nichterkennen von Gesichtern" übersetzen kann.

Unschärfe Menschenmenge

Betroffene sehen Gesichter nicht verschwommen

"Die Betroffenen haben nur Schwierigkeiten, Gesichter zu verarbeiten, aber keine Schwierigkeiten, andere Objekte wahrzunehmen", erklärt Denise Soria Bauser, Diplom-Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bochum. Die Gesichter werden nicht verwaschen oder verschwommen gesehen. "Die Betroffenen sehen die Gesichter so wie wir, können sie nur nicht zu einem einheitlichen Bild zusammenfügen", so Bauser. Sie hätten den Eindruck, dass alle Gesichter irgendwie gleich aussehen.

Viele haben von Gesichtsblindheit noch nie gehört

Bei der Gesichtsblindheit gibt es zwei Formen. Manche Menschen werden durch ein plötzliches Ereignis gesichtsblind, beispielsweise durch einen Schlaganfall oder eine Gehirnverletzung. Die Mehrzahl der Betroffenen ist es jedoch von Geburt an, die meisten ohne es zu wissen. Sie haben gelernt, ihre Mitmenschen an Eigenschaften wie Stimme, Statur, Gang oder Kleidung zu erkennen und kommen damit im Alltag ganz gut zurecht.

Menschenmenge Fußgängerzone in Münster

Alle Gesichter sehen irgendwie gleich aus

Manche Wissenschaftler gehen davon aus, dass etwa zwei Prozent der Bevölkerung von Gesichtsblindheit betroffen sind. Denise Soria Bauser hält diese Zahl jedoch nicht für verlässlich. Es gebe keine genauen Zahlen, da es keine klaren Diagnosekriterien gibt. Außerdem geht die Wissenschaftlerin von einer hohen Dunkelziffer aus, da viele von Gesichtsblindheit – Prosopagnosie – noch nie gehört haben.

"Das Gehirn sucht geradezu nach Gesichtern"

Einigkeit besteht unter den Wissenschaftlern darüber, dass es im menschlichen Gehirn eine Struktur gibt, die sich auf die Verarbeitung von Gesichtern spezialisiert hat. Es ist für das Gehirn etwas anderes, ob wir uns ein Gesicht anschauen oder irgendein beliebiges anderes Objekt – einen Baum, einen Stuhl oder einen Stein. Sobald die wesentlichen Merkmale eines Gesichtes vorhanden sind, also Augen, Nase und Mund, wird die Information an das spezielle Gesichtserkennungsmodul im Gehirn weitergeleitet, das die weitere Verarbeitung übernimmt. Schon ein einfacher Smiley, also ein Kreis mit zwei Punkten und einem gebogenen Strich, geht für unser Gehirn als Gesicht durch.

Und mehr noch: "Das Gehirn sucht geradezu nach Gesichtern", sagt Thomas Grüter. Er ist Arzt, Autor und Experte für Prosopagnosie in Münster. Der Grund liegt in der Evolutionsgeschichte. Denn Menschen lebten seit jeher in Gruppen – genau wie andere Primaten, also Schimpansen, Gorillas oder Paviane. In einer solchen Gruppe ist man aufeinander angewiesen und muss jedes Mitglied sicher erkennen können: Wer hat welche soziale Stellung, wer ist mit wem verbündet, wer ist Freund, wer ist Feind, wer ist ein möglicher Sexualpartner? All diese Fragen sind für das Überleben und die Fortpflanzung entscheidend.

Schimpansen in einem afrikanischen Regenwald

Unsere Vorfahren: Seit Millionen von Jahren erkennen sich Primaten am Gesicht - ganz bedeutend für die Evolutionsgeschichte

"Hunde erkennen sich gegenseitig am Geruch, Primaten erkennen sich am Gesicht. Gesichter haben seit Millionen Jahren eine ganz besondere Bedeutung", betont Thomas Grüter. Deswegen habe sich in der Entwicklung des Gehirns ein eigenes Modul für die Gesichtserkennung entwickelt.

Hochbegabte sind überdurchschnittlich betroffen

So lässt sich erklären, warum Menschen mit Gesichtsblindheit im Prinzip völlig normal sehen können, aber eben ein Problem haben mit der Verarbeitung und Speicherung von Gesichtern. Irgendetwas in diesem speziellen Modul, diesem Netzwerk im Gehirn ist gestört – aber was genau, weiß die Forschung noch nicht.

lachendes Gesicht aus Würfelzucker

Ein Gesicht aus Würfelzuckern - unser Gehirn erkennt es sofort

Es gebe Hinweise, dass eine Gruppe von Menschen überdurchschnittlich stark betroffen ist, nämlich die intellektuell Hochbegabten, so Thomas Grüter. Die Gründe dafür sind allerdings ebenfalls noch unbekannt. In einer ersten Studie wurden Menschen untersucht, die besonders intelligent sind – intelligenter als 98 Prozent der Bevölkerung. Bei ihnen wurde, berichtet Grüter, eine Erhöhung des Prozentsatzes an Prosopagnosie festgestellt, etwa um den Faktor sieben bis zehn.

Nicht behandelbar oder heilbar – aber allein die Diagnose hilft

Wer vermutet, dass er selbst oder ein Familienmitglied von Gesichtsblindheit betroffen sein könnte, kann die Vermutung durch eine Diagnose absichern lassen. In Nordrhein-Westfalen ist das an den Universitäten in Bochum und Münster möglich. Vielen helfe es schon, die Diagnose zu wissen – und damit auch, dass sie nicht unsozial sind oder sich nicht konzentrieren können. "Es ist aber leider nicht so, dass es behandelbar oder heilbar ist", sagt Denise Soria Brauser.

Das zwar nicht – doch wer sich bewusst ist, dass seine Gesichtserkennung gestört ist, kann trainieren, sich andere Merkmale einzuprägen. Das kann zum Beispiel der Laufstil oder die Stimme sein. Das können Details des Gesichtes sein wie eine Warze oder eine Narbe.

Sabine H. hat das Wissen um ihre Gesichtsblindheit geholfen, ihre Unsicherheit zu überwinden. "Ich weiß, dass es nicht meine Schuld oder Dummheit ist, sondern dass es ein Speicherdefekt im Gehirn ist, den andere Leute auch haben." Neuen Bekannten erzählt sie manchmal, dass sie sie beim nächsten Treffen nicht wiedererkennen wird und warum das so ist. Mit dieser offensiven Strategie macht sie meistens gute Erfahrungen: "Es hat auch etwas Unterhaltsames, wenn ich das erzähle, und bringt die Leute oft zum Lachen."

Autor des Radiobeitrags ist Frank Eckhardt

Gesichtsblindheit: Kennen wir uns?

WDR 5 Leonardo - Hintergrund | 02.11.2016 | 09:46 Min.

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Stand: 02.11.2016, 00:00