Neun Monate (3/9): Sexualität - wir alle sind Zwitter

Neun Monate (3/9): Sexualität - wir alle sind Zwitter

Von Susanne Billig und Petra Geist

Nach einem Menschen sieht der winzige Embryo am achtundzwanzigsten Tag noch nicht aus. Ein Geschlecht hat er auch noch nicht. Zu sehen ist nur eine kleine Wölbung zwischen den Beinen, die bei weiblichen wie bei männlichen Embryos gleichermaßen wächst.

Ein Ultraschallbild eines sieben Wochen alten Fötus

Ein sieben Wochen alter Fötus. Das Geschlecht kann mit Ultraschall erst ab der 20. Schwangerschaftswoche bestimmt werden

Einen Unterschied allerdings gibt es. Während ein weiblicher Embryo zwei X-Chromosome trägt, ist ein heranwachsender Junge im Moment der Befruchtung mit einem X- und einem Y-Chromosom ausgestattet. Und dieses Y-Chromosom spielt eine wichtige Rolle, wenn sich der Zwitter-Embryo in einen Jungen entwickelt.

Neun Monate (3/9): Sexualität - wir alle sind Zwitter

WDR 5 Leonardo - Neun Monate | 27.06.2016 | 13:25 Min.

Download

Nah beieinander: Entwicklung der beiden Geschlechter

XY Chromosom

Elektronenmikroskop-Aufnahme von X und Y Chromosomen

Mit etwa fünf Wochen entwickeln sich männliche und weibliche Embryos auseinander. Bei einem Mädchen reift die Wölbung zwischen den Beinen nach und nach zu den äußeren Geschlechtsorganen heran: Klitoris, kleine und große Schamlippen. Bei einem männlichen Embryo wächst dieselbe Wölbung stärker und entwickelt sich schließlich zu Penis und Hodensack. Dort, wo beim erwachsenen Mann die leicht gerötete Naht an der Unterseite des Penis entlang läuft, bleibt das Gewebe bei einem Mädchen offen. Die Haut des Hodensacks wird bei der Frau zu den großen Schamlippen. Die männliche Harnröhre entsteht aus demselben Gewebe wie die Schamlippen und der untere Teil der Vagina.

Entstehung von Eierstöcken und Hoden

Um die Geschlechtsentwicklung zu vollenden müssen sich nun noch die Keimdrüsen bilden - Eierstöcke und Hoden. Ab der fünften Woche wachsen im Körper eines weiblichen Embryos Gewebe heran, die sich in Gebärmutter, Eileiter und den oberen Teil der Vagina verwandeln. Was ihr Körper von den zwittrigen Geweben nicht braucht, baut er einfach wieder ab. Bei einem männlichen Embryo ist es ähnlich: Hier bilden sich Nebenhoden, Samenleiter und Samenblasen, überflüssiges Gewebe aus dem Zwitterstadium bildet sich zurück.

Das Zwitter-Potential beider Geschlechter ist beträchtlich

Die Geschlechtsorgane gehen nicht nur aus identischen Vorstufen hervor. Es spielen auch dieselben Hormone und sogar dieselben Gene bei der Geschlechtsentwicklung eine Rolle. Die Herausforderung für jeden Embryo lautet also, eine zwitterhafte und unklare Ausgangslage mehr in die männliche oder mehr in die weibliche Richtung zu lenken. Häufiger passiert das nicht eindeutig. Dann wird ein Baby geboren, das zwischen den Geschlechtern steht.

Ein Junge braucht zusätzliche genetische Informationen

Es ist ein kleines Gen, ganz am äußeren Ende des männlichen Y-Chromosoms. Es wird ab der siebten Schwangerschaftswoche gemeinsam mit vielen anderen Genen im gesamten Erbgut aktiv. Als Ergebnis dieser komplexen Kooperation wandeln sich die anfangs geschlechtsneutralen Keimdrüsen in Hoden um.

Für beide Seiten aktiv

Interessanterweise sind viele der Gene, die für die Geschlechtlichkeit des Embryos sorgen, sowohl in weiblichen wie in männlichen Embryonen aktiv. Sie wirken aber unterschiedlich: Wird zum Beispiel ein bestimmtes Gen häufig abgelesen, bilden sich weibliche Organe. Wird es nur selten abgelesen, kommt das männliche Potential zum Zuge.

Die Hormone kommen ins Spiel

Testosteron

Ohne größere Mengen an Testosteron würde jeder Embryo weiblich werden

Nach wenigen Wochen erwacht im Körper des Embryos ein zweiter wichtiger Mechanismus, der die Entwicklung lenken kann - es bilden sich die ersten Hormone. Ab der siebten, achten Woche findet schon Hormonproduktion statt, Testosteron-Produktion, wenn es ein Junge ist, Östrogen-Produktion, wenn es ein Mädchen ist.

Viele simple Vorstellungen gelten heute als überholt

Je genauer die Forschung die vorgeburtliche Entwicklung der Geschlechter betrachtet, desto mehr erkennt sie, wie komplex diese Vorgänge sind. Niemand kann genau sagen, ob sich die Gehirne von Mädchen und Jungen vorgeburtlich unterschiedlich entwickeln. Eine Zeit lang dachte man sogar, die weibliche Entwicklung vollzöge sich automatisch, während die Entwicklung von Jungen allein von dem kleinen Gen auf dem Y-Chromosom abhänge. Heute weiß man, dass das nicht stimmt.

Hormone wirken vielfältig

Hoden bilden sich auch, wenn dieses Gen auf dem Y-Chromosom beschädigt ist oder sogar wenn lediglich zwei X-Chromosomen existieren. Die Hormone wirken vielfältig und lassen sich nach dem Schema männlich oder weiblich kaum sortieren. Embryonen beider Geschlechter produzieren und brauchen Östrogen und Testosteron. Die Knochen, das Herz und andere lebenswichtige Organe sind dringend auf diese Hormone angewiesen.

Die Natur kennt keine Norm

Ob die Geschlechtsorgane später groß oder klein sind, im Farbton heller oder dunkler sind - die Natur kennt keine Norm. Sie arbeitet mit fließenden Übergängen. Wir kommen zwar meist klar erkennbar als Mann oder Frau zur Welt - dennoch fühlen sich manche Menschen männlicher oder weiblicher, andere haben einen eher männlichen oder weiblichen Körper und wieder andere fühlen sich irgendwo zwischen den Geschlechtern. Alles ist natürlich. Wie natürlich wir unsere sexuelle Ausrichtung leben können - das ist dann eine Frage der Erziehung und der Kultur.

Stand: 27.06.2016, 09:38