Etabliert sich die gendergerechte Sprache?

Computertastatur mit Frauensymbol

Etabliert sich die gendergerechte Sprache?

Von Susanne Schnabel

  • Gendergerechte Sprache ist umstritten
  • Bis auf AFD gendern alle Parteien im Wahlprogramm
  • Linguist kritisiert gendergerechte Schreibweisen

Gendergerechte Sprache polarisiert. Die Grünen ernteten einen riesigen Shitstorm, als sie 2015 den so genannten Gender-Stern einführten. Aus Politikerinnen und Politikern wurden Politiker*innen.

Fast alle Parteien gendern

Gendern in allen Bereichen des Lebens

Es gibt bereits geschlechtsneutrale Toiletten

Beim Blick in die aktuellen Wahlprogramme der großen NRW-Parteien fällt auf, dass die Grünen mittlerweile konsequent ihren Stern einsetzen, die Linken haben den Stern ebenfalls übernommen. Auch die anderen Parteien gendern ihre Texte, das heißt, sie berücksichtigen Männer und Frauen: CDU, SPD, FDP und Piraten reden von Bürgerinnen und Bürgern oder Schülerinnen und Schülern. Nur die AFD gendert konsequent gar nicht.

Thema durch Wahlen wieder aktuell

Durch die derzeitigen Wahlen in Deutschland und in Europa, sei das Thema gendergerechte Sprache wieder in den Fokus gerückt, sagt Brigitte Häring, WDR-Gleichstellungsbeauftragte: "Die meisten Politikerinnen und Politiker sprechen gendergerecht. Und das hat wirklich Auswirkungen auf alle anderen."

"Wollen wir so etwas wirklich?"

Zum Reinbeißen

Bäcker? Oder Bäcker und Bäckerin?

Zeitgleich werden aber auch wieder kritische Stimmen laut. Die gendergerechten Schreibweisen sind dem Linguisten Peter Eisenberg ein Graus. Er sagt: "Was wird aus Bäckerhandwerk, Bäckerlehrling usw.? Es ergeben sich Bäcker*innenhandwerk, Bäcker*innenauszubildende*r usw. Wollen wir so etwas wirklich?"

Frauen sprachlich zweimal, Männer einmal sichtbar

Eisenberg argumentiert, die Schreibweise "Bäcker und Bäckerin" oder "Arzt und Ärztin" sei zwar grammatisch in Ordnung, "sie ist von der Bedeutung her nicht vollkommen in Ordnung, weil die Frauen hier zweimal auftauchen. Mit Bäcker ist ja das Handwerk gemeint und alle Mitglieder dieses Handwerks. Da sind natürlich Männer und Frauen gemeint."

Inkonsequentes gendern

Frau mit Handschellen

Es gibt auch Straftäter*innen

Eisenberg bemängelt zudem, dass inkonsequent gegendert werde. So sei oft nur von Politiker*innen oder Bürger*innen die Rede, aber so gut wie nie von Straftäter*innen oder Steuerhinterzieher*innen. Das sei eine "haarsträubende Diskriminierung".

Wo wird gegendert?

Nach Studien der Freien Universität Berlin ist in der formalen Schriftsprache gendergerechte Sprache relativ weit auf dem Vormarsch. Es gebe eine klare Zusage von politischen Organisationen, aber auch von Verlagen oder Universitäten. In der Wirtschaft sei noch nicht viel Bewegung.

Brigitte Häring, eine große Befürworterin des Genderns, sagt: "Die Sprache darf durch das Gendern nicht kompliziert werden, sie muss verständlich bleiben. Hier sind Kreativität und Fantasie gefragt."

Stand: 14.05.2017, 06:00