Totaler Gedächtnisausfall und seine Ursachen

Zwei Hände und die Karten eines Spiels, auf denen "wer bin ich" steht.

Totaler Gedächtnisausfall und seine Ursachen

  • Gedächtnisverlust hat viele Ursachen
  • Totale Amnesie eher selten
  • Interview mit dem Kölner Neurologen Juraj Kukolja

Immer wieder werden Menschen gefunden, die sich an nichts erinnern können. Schlagzeilen machte der "Mann am Klavier", der vor Jahren in England auftauchte, jetzt versucht in Dortmund ein Mann, sein früheres Leben wieder zu finden. Tragische Schicksale mit medizinischem Hintergrund, den der Professor Juraj Kukolja, Neurologe an der Uniklinik Köln, erklärt.

WDR.de: Professor Kukolja, wie kann ein Mensch so plötzlich sein Gedächtnis verlieren?

Areale des menschlichen Gehirns

Das Gedächtnis ist komplex

Juraj Kukolja: Das kann bei einer Schädel-Hirn-Verletzung passieren, zum Beispiel nach einem Schlag auf den Kopf. Das führt dazu, dass er sich nicht mehr an die Ereignisse davor erinnern kann. Ähnlich ist es nach einem epileptischen Anfall. Aber das hält meist nur eine Zeitlang an und betrifft nur einen Teil des biographischen Gedächtnisses. So ein Komplettverlust wie bei dem Patienten aus Dortmund ist eher die Ausnahme und hat vermutlich andere Ursachen.

WDR.de: Damit wir das verstehen: Können Sie bitte vorher erklären, wie das Gedächtnis funktioniert?

Kukolja: Es gibt verschiedene Arten. Wir kennen das Arbeitsgedächtnis, das gerade dafür ausreicht, sich eine Telefonnummer zu merken - wenn Sie die eingetippt haben, ist sie wieder weg. Dann gibt es das episodische Gedächtnis, in dem Erlebnisse und Ereignisse abgespeichert sind, und das semantische Gedächtnis, in dem festgehalten ist, wie hoch der Eiffelturm ist. Solche Informationen kommen im Hippocampus an, das für die Bildung von Gedächtnisspuren zuständig ist. Das geschieht automatisch und unbewusst - sobald Sie etwas sehen, und sobald das Hirn das registriert hat, legt es eine solche Gedächtnisspur an. Sie wird dann über Stunden und Tage, auch im Schlaf, fest abgespeichert und wird dann Teil des Langzeit-Gedächtnisses.

WDR.de: Aber bei Patienten wie bei dem Mann aus Dortmund ist das weg.

Juraj Kukolja

Juraj Kukolja

Kukolja: Ich halte es für wahrscheinlich, dass die Nerven so funktionieren, wie sie funktionieren sollten, aber das Langzeitgedächtnis kann nicht abgerufen werden. Das ist weniger ein Problem der Hardware als der Software. Sie können sich also neue Dinge merken, aber sie können nicht sagen, wer sie sind und was sie vorher gemacht haben. Das ist bei Alzheimer-Patienten übrigens anders, die nur noch alte Erinnerungen abrufen können.

WDR.de: Warum können die alten Erinnerungen nicht mehr abgerufen werden?

Kukolja: Ich kenne den Dortmunder Fall nicht, aber ich vermute, dass es sich um eine psychogene Störung handelt. In der Psychiatrie ist das als "dissoziative Fugue" bekannt.

WDR.de: "Fugue" wie Flucht?

Kukolja: Ja, der Patient versucht, vor einer Situation zu fliehen, mit der er nicht zurechtkommt - Kriminalität oder sozialen oder finanziellen Problemen.

WDR.de: Was passiert da im Kopf? Ich habe gelesen, dass Stresshormone Schuld daran sind, die sozusagen die Schubladen mit den Erinnerungen bombenfest verkleben.

Kukolja: Das ist ein bisschen zu einfach. Der Ablauf der Erinnerung wird gehemmt, und das Stresshormon spielt bestimmt eine Rolle. Aber eigentlich kennen wir die im Zusammenhang mit dem umgekehrten Phänomen, bei dem belastende Ereignisse wieder und wieder abgerufen werden. Das sind die quälenden Erinnerungen, unter denen viele Kriegsveteranen leiden.

WDR.de: Spielt exzessiver Alkoholkonsum eine Rolle?

Kukolja: Das führt auch zum Gedächtnisverlust. Alkoholiker mit dem Korsakow-Syndrom haben oft auch eine Störung des autobiographischen Gedächtnisses und erzählen Dinge, die nicht wahr sein können. Aber das ist kein psychogener Gedächtnisverlust.

WDR.de: Wie stellen Sie denn fest, dass es sich wirklich um diese Form handelt? Der Gedächtnisverlust könnte ja auch vorgetäuscht sein, wenn der Patient vor etwas fliehen will.

Kukolja: Das kommt tatsächlich vor. Aber das lässt sich mit den Mitteln der neurophysiologischen Diagnostik feststellen. Wir untersuchen, was das neue Gedächtnis kann und was vom alten Gedächtnis vielleicht noch da ist. Außerdem untersuchen wir per MRT den Kopf, messen die Hirnströme, schauen, ob eine Epilepsie oder vielleicht eine Hirnhautentzündung vorliegt.

WDR.de: Und dann?

Kukolja: Er müsste dann für einige Zeit in psychiatrische Behandlung, um die alten Erinnerungen wieder zu beleben und Vergangenheitsbewältigung zu betreiben. Nur so bekommt er seine alte Identität wieder.

Das Interview führte Marion Kretz-Mangold

Stand: 10.08.2017, 17:34