Zum G20-Gipfel: Interview mit einem Protestforscher

1000 Gestalten, eine Performance als Protestaktion zum G20 Gipfel in Hamburg

Zum G20-Gipfel: Interview mit einem Protestforscher

  • Krawalle, Proteste und Rauchwolken beim G20-Gipfel im Hamburg
  • Interview mit Protestforscher Simon Teune von der TU Berlin
  • Wie es Demonstrierende mit ihrem Protest in die Medien schaffen
  • Social Media bringt mehr Quellenvielfalt in Proteste

WDR: Herr Teune, wie genau arbeitet ein Protestforscher eigentlich? Beobachten Sie Kundgebungen und Demonstrationen vor Ort?

Simon Teune: Es gibt sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Zum G20-Gipfel zum Beispiel befragen wir vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung Demonstrierende. Kollegen von mir beobachten, wie das Hin und Her zwischen Polizei und Protestierenden abläuft. Und wir sehen uns die Medienberichterstattung an, denn die meisten Menschen erfahren nur so etwas über die Proteste.

Protestforscher Simon Teune

Simon Teune ist politischer Soziologe an der Technischen Universität Berlin und Mitbegründer des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung, in dem sich etwa 100 Sozialwissenschaftler aus dem deutschsprachigen Raum zusammengeschlossen haben. 

WDR: Rauchwolken, Krawalle, Gewalt: Wie bewerten Sie die aktuellen Ausschreitungen in Hamburg?

Teune: Das ist bedauerlich, aber nicht verwunderlich. Ein Protest in Hamburg ist nicht möglich in geordneten Bahnen. Mit der aktuellen Polizeistrategie wird das Feindbild Polizei noch vergrößert.

WDR: Sie haben sich in ihrer Studie mit den Protesten in den klassischen Medien beschäftigt. Wie muss ich als Demonstrant eigentlich vorgehen, damit ich mit meinem Anliegen in die Medien komme? Welche Protestformen waren in dieser Hinsicht bislang besonders erfolgreich?

Teune: Die Frage nach den Medien muss man anders herum stellen: Wie wählen Medien aus, worüber berichten sie und unter welchen Bedingungen werden Proteste überhaupt wahrgenommen? In den vergangenen 30 Jahren haben sich viele Protestgruppen professionalisiert.

Sie machen den Medien mittlerweile maßgeschneiderte Angebote und ihre Presseteams sind immer erreichbar. Beim G20-Gipfel gibt es auch ein alternatives Medienzentrum, in dem Pressekonferenzen stattfinden. Vor allem schafft es aber professionelle Arbeitsbedingungen für Medienaktivisten, die aus der Perspektive der Protestierenden berichten.

WDR: Liefern diese Gruppen den Medien also auch aktiv Bilder für die Berichterstattung?

G20-Protestwelle

G20-Gipfel: Bildstarker Protest

Teune: Ja klar. Die Demonstrierenden versuchen den Protest bildstark zu gestalten. Fernsehen ist ein zentrales Medium, das die Demonstrierenden erreichen möchten. Mit durchdachten Auftritten kann man über die Bilder viel zum Ausdruck bringen und seine Botschaft platzieren.

WDR: Gibt es ein Geheimrezept, um von den Medien beachtet zu werden?

Teune: Das gibt es nicht, weil die Berichterstattung über Großdemonstration von vielen Faktoren abhängt: Wie ist die Nachrichtenlage? Welche anderen Ereignisse gibt es? Bewegt das Thema viele Leute?

WDR: Inwiefern werden die Proteste eigentlich durch das Internet und Social Media beeinflusst?

Teune: Vor allem durch Social Media hat die Quellenvielfalt zugenommen. Neutrale Beobachter starten Live-Streams oder twittern. Als User hat man die Möglichkeit, mehrere Kanäle zu vergleichen. Hinzu kommt, dass Demonstrierende ihre Positionen und ihre eigene Sicht so unmittelbar und ungefiltert darstellen können.

WDR: Wie steht es eigentlich um die Haltung von Protestforschern? Sympathisieren Sie gelegentlich auch mit den Demonstranten?

Teune: Fast alle sind politisch denkende Menschen. Das führt zu unterschiedlichen Positionierungen von der distanzierten Beobachtung bis zum Selbstverständnis als Aktivistin. Es gab in der Forschung sehr lange die Vorliebe, sich die Bewegungen anzuschauen, denen man politisch nahe steht.

Das waren früher vor allem die neuen sozialen Bewegungen, etwa die Friedens-, die Frauen- oder die Umweltbewegungen. In den 90er-Jahren gab es aber schon Überlegungen, inwiefern man auch die Netzwerke von Neonazis als soziale Bewegungen bezeichnen muss. Das ist mittlerweile Konsens, glaube ich.

 Das Interview führte Andreas Sträter.

Stand: 07.07.2017, 12:27