Granulat auf Kunstrasen unter Krebsverdacht

Kunstrasen

Granulat auf Kunstrasen unter Krebsverdacht

Von Susanne Schnabel

Viele niederländische Amateur-Vereine spielen zurzeit keinen Fußball auf Kunstrasen. Grund ist ein TV-Beitrag, in dem Wissenschafter vor möglicher Gesundheitsgefährdung warnen. Ein Thema auch bei uns in Deutschland.

Bereits vor zwölf Jahren berichtete die ARD-Sendung "Kontraste" darüber, dass Gummi-Granulate in der Füllschicht von Kunstrasen krebserregende Stoffe, sogenannte Polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), enthalten. Seitdem taucht das Thema immer wieder mal in den Medien auf und gerät dann genauso schnell wieder in Vergessenheit.

Niederländische Spieler ziehen jetzt erstmals Konsequenzen: Dutzende von Amateur-Fußballvereinen hatten am vergangenen Wochenende beschlossen, vorerst die Felder nicht zu benutzen. Die Behörden lassen derzeit viele Fußballfelder aus Kunstrasen auf mögliche Gesundheitsgefahren untersuchen. Anlass waren Warnungen von Wissenschaftlern in der niederländischen TV-Sendung "Zembla", dass das Kunststoffgranulat auf den Feldern möglicherweise krebserregende Stoffe enthalte. Die Experten hatten erklärt, dass die Folgen für die Gesundheit nur unzureichend untersucht worden seien.

"Konzentrationen zehn bis 100 mal zu hoch"

Martin van den Berg, Toxikologe der Universität Utrecht, hält die zehn Jahre alten niederländischen Untersuchungen, nach denen die Belastung durch PAK auf den Feldern unbedenklich sei, für unzuverlässig und überholt. "Wenn man sich die Konzentrationen heute anschaut, dann liegen die deutlich über der Norm: Zehn bis 100 mal zu hoch. Das ist ein großes Problem, denn dann darf man eigentlich nicht so einfach mit den Stoffen in Berührung kommen." Diese Stoffe kann der Mensch entweder über die Atemwege als Feinstaubpartikel oder über die Haut, zum Beispiel bei Verletzungen, aufnehmen. Das Granulat wird verwendet, um die Spieleigenschaften des Rasens zu verbessern.

Das deutsche Umweltbundesamt kennt das Problem und verweist auf eine EU-Verordnung, die Ende letzten Jahres in Kraft trat. Die EU legte damit die Grenzwerte für zugängliche Kunststoff- oder Gummiteile von Erzeugnissen fest: Produkte mit einem Gehalt von mehr als einem Milligramm PAK pro Kilo sind seitdem verboten.

Schweizer geben Entwarnung

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Gummigranulat in der Kritik

Es gibt bislang wenige verlässliche Studien zu dem Thema. Große Beachtung hat eine Studie des Schweizer Bundesamts für Umwelt von 2006 gefunden: Darin heißt es, "dass Kunstrasen mit Gummigranulat aus Altreifen kein spezielles Gesundheitsrisiko darstellen, das vom Feinstaub oder den PAK ausgehen würde." Die Menge der Stoffe, die ein Spieler während seiner Aktivität auf einem Kunstrasenplatz mit Gummigranulat aufnehmen würde, sei deutlich unter den Maximalwerten, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorgibt.

Granulat stinkt und färbt ab

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Manches Granulat wird eingefärbt

Das überzeugt Alfred Ulenberg nicht. Er ist Gutachter, Sportplatz-Experte und Landschaftsarchitekt aus den niederrheinischen Straelen und setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, dass das umstrittene Granulat von deutschen Plätzen verschwindet. Das sogenannte SBR-Granulat (Styrol-Butadien-Rubber) aus geschredderten Autoreifen hat eine große Oberfläche und sei auf dem Platz hoher UV-Strahlung ausgesetzt. "Die Schädigung durch Umwelteinflüsse, wie Abfärbung und Ausdünstung machen sich also eher bemerkbar als bei normalen Autoreifen. Auf Kunststoffrasenbelägen mit SBR-Granulat wird nicht nur die Verschmutzung von Toren, Bällen und Kleidung beklagt, sondern auch die bei hohen Tagestemperaturen auftretenden Gerüche", so Ulenberg. Neuerdings gebe es auch ummanteltes SBR-Granulat. "Die hauchdünne Ummantelung mit einer PU-Farbe ändert nichts daran, dass das Granulat nicht ausreichend witterungsbeständig ist; die Geruchsbelästigung und die Verfärbungen durch den Abrieb des Granulates treten nur etwas später auf". Er empfiehlt, völlig auf das Granulat zu verzichten.

Ergebnisse erst in einigen Wochen

"Bisher war das Granulat auf Kunstrasen bei uns kein Thema", sagt Guido Peltzer, Trainer beim TuS Wickrath, einer Mönchengladbacher Fußball-Jugendmannschaft. "Mir ist allerdings schon aufgefallen, dass bei einigen Vereinen, zum Beispiel im Raum Aachen, schwarzes Granulat verwendet wird. Das färbt ab auf Hände, Trikots und den Ball. Auf unserem Kunstrasen haben wir dieses Problem nicht. " Wie es bei den benachbarten Niederländern weitergeht, wird der Trainer interessiert verfolgen. Der niederländische Fußballverband KNVB erklärte, dass die Felder den gesetzlichen Vorschriften entsprechen. Der Verband will das Ergebnis der Untersuchung abwarten, ehe er über Maßnahmen entscheidet. Das Ergebnis soll in einigen Wochen vorliegen.

Stand: 11.10.2016, 15:30