Frauen an der Uniklinik: "Wir brauchen die Quote"

Frauen an der Uniklinik: "Wir brauchen die Quote"

Wie kommt man an die Spitze? Ulrike Schara, Professorin an der Uniklinik Essen, hat es geschafft - gegen einige Widerstände. Ihr Tipp: "Hartnäckig bleiben - und keine Luftschlösser bauen."

Ulrike Schara

Ulrike Schara

Ulrike Schara ist Professorin für Neuropädiatrie am Universitätsklinikum Essen und stellvertretende Direktorin der Kinderklinik. Auf einem Kongress zur "Geschlechter(un)gerechtigkeit in Hochschule und Hochschulmedizin" in Essen wird die Mutter einer Tochter am Mittwoch (08.03.2017) zum Thema "Spielregeln kennen und verändern" sprechen.

WDR.de: Frau Dr. Schara, Sie sind eine der wenigen Professorinnen an einer Uni-Klinik. Wie haben Sie es nach oben geschafft?

Ulrike Schara: Ich habe extrem viel gearbeitet und viele Abstriche gemacht. Und natürlich musste ich einen Tacken besser sein als die männlichen Kollegen, das ist immer noch so.

WDR.de: Und gegen die Strukturen ankämpfen?

Schara: In dem Moment habe ich das nicht so empfunden, aber im Rückblick muss ich sagen, dass einiges nicht optimal war. Da sind Dinge passiert, die nicht in Ordnung waren.

WDR.de.: Nämlich?

Schara: Dass es hieß, ich müsste mit meiner Habilitation warten, bis der der männliche Kollege sich habilitiert hat. Das war nicht gerecht. Andererseits habe ich als Frau eine Oberarztstelle bekommen, das war ein wichtiger Schritt.

WDR.de. Warum war das so wichtig?

Schara: Sie können nur aus einer Pole Position heraus Chef werden, das ist ein Sprungbrett, auf das man aber erst mal kommen muss.

WDR.de: Was haben Sie dafür getan - außer viel zu arbeiten und besser zu sein?

Schara: Ich habe mich auch immer selbst gekümmert, weil da keiner kommt und sagt: 'Sie sind fünf Jahre dabei, ich will Sie jetzt berücksichtigen.' Ich habe mir  immer genau überlegt, was ich wollte, und habe mich auch nicht davon abbringen lassen. Wenn ich das nicht bekommen habe, habe ich andere Lösungswege gesucht. Angst vor Konflikten darf man da nicht haben.

WDR.de. Eine gewisse Konfliktscheu scheint aber im Wissenschaftsbetrieb weitverbreitet zu sein. Das und strammes Hierarchiedenken, womit sich die Frauen dann im Weg stehen.

Schara: Es sind nicht immer die bösen Vorgesetzten. Man muss wirklich wissen, was man will. Ich sage zwar, dass es kein Entweder-Oder, also Kinder oder Karriere geben darf. Aber da muss man auch realistisch sein.

Wir brauchen eine gute Eigenreflexion, Luftschlösser darf man nicht bauen: Ich habe zwei Kinder, kann acht Stunden schlafen und dann entspannt arbeiten gehen - das geht nicht.

WDR.de. Aber wenn man beides will, Kinder und Karriere, hat man ein Problem. Das wird auch im "Gender-Report 2016" des NRW-Wissenschaftsministeriums als ein Grund dafür genannt, dass es so wenige Professorinnen gibt.

Schara: Das ist ein Riesenmanko, das stimmt. Wir haben das mit Kinderfrau und Haushälterin geregelt, aber wenn man gezwungen ist, alles allein zu organisieren, ist es schwierig. Eine Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeit – das wäre extrem wichtig. Wenn sich da nichts ändert, kommen die Männer fast logisch weiter.

WDR.de: Was halten Sie eigentlich von der These, es gebe viel zu viele Medizinerinnen?

Schara: Diese Idee von der "Feminisierung“ ist Quatsch. Ich bin nicht überzeugt von der Quote, aber wir brauchen sie. Sonst kriegen wir keinen Fuß in die Tür.

WDR.de: Ein emeritierter Professor hat neulich eine Quote für Männer im Medizin-Studium gefordert, weil sie im Vergleich zu den Frauen mit ihren guten Abi-Noten benachteiligt sein sollen.

Schara: Solche Ideen gibt es immer noch, das kommt gar nicht so selten vor - leider auch bei jungen Leuten.

Die Fragen stellte Marion Kretz-Mangold

Stand: 08.03.2017, 06:00