Die Brieftaube und der Pott

Brieftaube fliegt aus Taubenschlag in Essen

Die Brieftaube und der Pott

  • Menschen im Ruhrgebiet haben ein besonderes Verhältnis zu Tieren
  • Die Brieftaube wird Forschungsobjekt der Uni Essen
  • Auf der Suche nach einem neuen Mensch-Tier-Verhältnis

Die Brieftaube ist eines der Tiere, dem sich Wissenschaftler im Ruhrgebiet in den nächsten Jahren intensiv widmen. Ein Gespräch dazu mit Professor Friedrich Jaeger vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen.

WDR.de: Herr Jaeger, warum ist gerade die Brieftaube so wichtig für das Ruhrgebiet?

Mann mit Brieftauben.

Brieftauben: Ein Hobby der Bergarbeiter

Jaeger: Das ist eine alte Bergarbeitertradition. Das ging im frühen 19. Jahrhundert los, als der Brieftaubensport als Massenphänomen entstand. Das war jahrzehntelange eine wichtige Freizeitbeschäftigung, die das Leben der Leute bestimmt hat. Wenn die Tauben jedes Wochenende zum Heimatschlag zurückfliegen sollten, mussten sie eben sorgfältig trainiert und ernährt werden.

Außerdem war der Sport gerade im Ruhrgebiet ein wichtiger Faktor der kulturellen Identifikation. Viele Leute kamen damals mit ihren Tieren aus dem Osten, und der Sport verband sie. Die Vereine waren riesige Integrationsmaschinen.

WDR.de: Und das ist so wichtig, dass man sich wissenschaftlich damit beschäftigt?

Friedrich Jaeger

Friedrich Jaeger

Jaeger: Es geht um das Verhältnis von Mensch und Tier allgemein, das neu bestimmt werden soll. Das zeigt sich in der Wissenschaft mit neuen Fragestellungen, das zeigt sich auch in der Gesellschaft. Es gibt eine ganze politisch-soziale Bewegung um Tiere, mit Kritik an Tierversuchen und Massentierhaltung oder Veganismus als neuen Lebensform, um nur ein paar Aspekte zu nennen. Dazu die Zerstörung der Natur, der Verlust der Biodiversität – das alles kommt zusammen und macht das existierende Mensch-Tier-Verhältnis zum Skandal.

WDR.de: Welche Erkenntnisse wollen Sie mit dem Projekt gewinnen?

Jaeger: Wir versuchen, eine ganze Reihe von Tiercharakteren in den Blick zu nehmen. Arbeitstiere wie das Grubenpferd, Kuscheltiere, die emotional wichtig sind. Der mediale Aspekt spielt auch eine große Rolle, im Kino oder auf You-Tube ...

WDR.de: Stichwort Katzencontent...

Zwei Bergarbeiter stehen im Mai 1957 im Ruhrgebiet neben einem Grubenpferd, das nach langen, anstrengenden Jahren im Bergbau nun außer Dienst gestellt wird.

Ohne Grubenpferd keine Kohleförderung

Jaeger: Genau. Gerade dieser mediale Aspekt ist den Leuten unglaublich wichtig. Wir wollen auch schauen, welche Rolle die Tiere in urbanen Milieus, in den Wohnbezirken spielen. Das haben sich dramatische Entwicklungen vollzogen. Als ich kleiner Junge war, gab es noch auf jedem zweiten Dach Tauben. Heute können Sie durch ganze Viertel gehen, ohne einen Schlag zu sehen.

WDR.de: Was ist denn im Ruhrgebiet anders als anderswo? Hundeschauen und Pferdrennen, die auch untersucht werden, gibt es bei den Briten auch.

Jaeger: Ja, aber um nochmal auf die Brieftauben zurückzukommen: Das Brieftaubenwesen ist hier sehr multikulturell. Die ehemaligen Migranten aus der Türkei zum Beispiel haben ihre Kelebeks mitgebracht, eine besondere Taubenrasse. Damit haben sie sich nicht nur im deutschen Vereinswesen integriert, sie haben es mit den neuen Rassen auch bereichert, weil die deutschen Züchter das begeistert aufgegriffen haben. Das ist zwar kein Massenphänomen, aber ist schön zu sehen, wie das auf dieser Ebene funktioniert.

Das Interview führte Marion Kretz-Mangold

Stand: 13.09.2017, 06:00