Wie sich faule Schüler motivieren lassen

Schulklasse

Wie sich faule Schüler motivieren lassen

Von Andreas Sträter

  • Interview mit Gehirnforscher Manfred Spitzer
  • Neugierde und Motivation lassen sich nicht erzwingen
  • Gemeinsame Aktivitäten geben Anregungen
  • Keine Motivationsprobleme durch Turboabi

WDR: Nach sechseinhalb Wochen Sommerferien beginnt heute (30.08.2017) für tausende Schüler in NRW wieder die Schulzeit. Bestimmt ist nicht jeder Schüler motiviert, oder?

Manfred Spitzer: Motivation muss man sich vorstellen wie Hunger. Wer satt ist, hat keinen, und man kann ihm oder ihr auch keinen "machen". Man muss nur abwarten – dann kommt der Hunger von alleine. Nicht anders die Motivation: Uns Menschen wird es sehr schnell langweilig, denn wir sind Informationsjunkies. Und so werden wir neugierig, suchen nach Neuem – was auch immer.

WDR: Wie lassen sich faule Schüler motivieren?

Spitzer: Gar nicht! Hunger kommt von allein. Und die Neugierde auch. Warum mögen Kinder heute oft nicht essen? Weil sie schon von allerlei leeren Kalorien satt sind. Und warum sind die nicht motiviert? Weil ihr Bedürfnis nach Neuem schon durch alles Mögliche befriedigt wurde: Wer hat diesen oder jenen Sportwettkampf gewonnen? Wer ist Nummer eins in der Hitparade? Was läuft gerade wo und wie ab? Und vor allem: Wer ist gerade mit wem befreundet?

Manfred Spitzer

Professor Manfred Spitzer
... von der Universität Ulm ist ein renommierter Gehirnforscher und hat Medizin, Psychologie und Philosophie studiert. Er ist Leiter der psychiatrischen Universitätsklinik und gründete im Jahr 2004 das Transferzentrum für Neurowissenschaft und Lernen.

Früher gab es ganz andere Probleme – Wie überlebe ich den morgigen Tag? Woher nehme ich etwas zu Essen? Und das war so bedeutend, dass jede Nachricht, die weiter half, begierig aufgenommen wurde. Motivation: kein Problem!

WDR: Welche Rolle spielt das Schulsystem?

Schulklasse

Ist die Zeit in der Schule "sinnentleert"?

Spitzer: Lassen Sie mich das gleich hier sehr deutlich klarstellen: Wenn Sie mit "Schulsystem" die Art und Weise meinen, wie junge Menschen heute ihre Zeit ziemlich sinnentleert verbringen, vormittags wie nachmittags, dann bin ich dafür, dass sich etwas ändert.

Mehr rausgehen, mehr erleben, was wirklich wichtig ist. Wo kommt sauberes Wasser her und wie ist es sichergestellt? Und wie ist das mit dem Essen? In unserer modernen Welt geschieht ja alles "von allein" und "auf Knopfdruck", zumal wenn man bei Hotel Mama wohnt und die auch noch zu den Helikoptereltern gehört.

WDR: Fächer wie Physik, Chemie oder Latein sind kompliziert, können aber auch hochinteressant gestaltet werden. Welche Rolle spielen die Lehrer bei möglichen Motivationsproblemen?

Spitzer: Auch gute Lehrer können bei einem desinteressierten Jugendlichen, der seine Neuigkeiten in der Popkultur sucht und findet, nur wenig ausrichten. Ähnlich wie der beste Koch sich an einem Jugendlichen, der gerade zwei Burger und eine Pizza gegessen hat, wahrscheinlich vergeblich bemühen wird!

WDR: Selbst nach zwölf Jahren Schule wissen einige Abiturienten noch nicht, was sie anschließend machen sollen. Haben die Schüler keine Zeit mehr, Ziele zu entwickeln?

Kurzsichtig durch Smartphonenutzung

Freunde besser in der analogen Welt treffen

Spitzer: Zeit hätten Schüler schon, vertun sie aber in virtuellen Welten mit virtuellen Freunden, und vermeiden dabei, real zu erleben, was sie können und was nicht. Gerade weil wir unseren jungen Leuten jede wirkliche Arbeit und Entscheidung abnehmen, machen wir sie zu Menschen, die nicht wissen, was sie können und schon gar nicht, was sie wollen.

WDR: Welche Rolle spielt dabei das Turboabitur?

Spitzer: Keine! Junge Menschen verbringen sechs bis zehn Stunden täglich mit Medien, am Wochenende noch mehr. An der Zeit liegt es definitiv nicht. Die Probleme liegen tiefer: Wir ermöglichen ihnen gar nicht mehr, sich zu bewähren, etwas mit wirklichen Freunden in der wirklichen Welt zu tun.

WDR: Haben Sie eine Lösung, wie Schüler ihre persönlichen Lebensziele vielleicht schon während der Schulzeit definieren können?

Spitzer: Das können Sie zum Beispiel bei den Pfadfindern. In vielen Ländern der Welt sind diese noch immer glücklicherweise wichtiger Bestandteil der Jugend. Hierzulande spielen sie kaum noch eine Rolle. Fakt ist: Es gibt nach wissenschaftlichen Studien kaum etwas besseres für Jugendliche als gemeinsam Zeit in der Natur zu verbringen und dabei Widrigkeiten gemeinsam zu überwinden. Das macht Persönlichkeitsentwicklung, Daddeln nicht.

WDR: Das Schulsystem wird sich so schnell nicht ändern lassen. Welchen Rat würden Sie Schülern und Jugendlichen geben?

Paddeln auf dem Rhein gegen Plastikmüll

Eine Paddeltour gibt Anregungen

Spitzer: Nicht warten bis sich irgendein System ändert. Sondern selbst etwas tun: In einen Verein gehen und gemeinsam Sport machen – das macht Spaß. Gemeinsam musizieren, Theater spielen oder am Wochenende mit dem Kanu einen Fluss entlang paddeln. So lernt man nicht nur die Welt kennen, sondern vor allem auch sich selbst.

Gute Schulen geben vielfach Anregungen für gemeinschaftliches Tun. Das Wissen kommt dadurch automatisch. Denn wer viel Erfahrung hat, der hat auch viele Fragen, ist also motiviert, und möchte lernen.

Die Fragen stellte Andreas Sträter.

Stand: 30.08.2017, 06:00