Der neue Duden: Hygge, Honk und Hoodie

Illustration - Durch eine Lupe ist der Begriff Instagram für einen Onlinedienst am 04.08.2017 in Berlin im neuen Duden zu sehen

Der neue Duden: Hygge, Honk und Hoodie

  • Der neue Duden ist auf dem Markt.
  • Viele Begriffe aus den Sozialen Medien.
  • Interview mit der Leiterin der Duden-Redaktion.

WDR.de: Frau Kunkel-Razum, fangen wir mit dem Nächstliegenden an: Wie heißt Ihr persönliches Lieblingswort aus der neuen Auflage?

Kunkel-Razum: Ich habe sogar zwei. Zum einen finde ich als Berlinerin den "Späti" sehr schön, das prägt das Lebensgefühl der Stadt. Zum anderen gefällt mir "Hygge" und "hyggelig". Es ist toll, mal was aus dem Dänischen aufzunehmen.

WDR.de: Das sind zwei von 5.000 neuen Begriffen. Mussten das wirklich so viele sein?

Kunkel-Razum: Jeder Duden der vergangenen Jahre ist um 5.000 Wörter gewachsen, weil der Wortschatz sich stark entwickelt. Die Menschen wollen dann eben wissen, wie diese Worte geschrieben werden.

WDR.de: Wie finden Sie diese vielen Wörter? Das werden ja keine Zufallsprodukte sein.

Kathrin Kunkel-Razum

Kathrin Kunkel-Razum

Kunkel-Razum: Wir haben eine große elektronische Textsammlung mit vier Milliarden Wortformen, das Duden-Korpus. Wenn wir anfangen, einen neuen Rechtschreib-Duden zu erarbeiten, dann lassen wir die Sammlung mit computerlinguistischen Mitteln auswerten, zum Beispiel unter dem Aspekt: "Welche Wörter sind seit der letzten Auflage neu in das Korpus gekommen und in welcher Häufigkeit?" Das wird eine gigantische Excel-Tabelle von 10.000 oder 15.000 Wörtern. Die durchforsten wir händisch und schauen, welches die geeigneten Kandidaten sind.

WDR.de: Wenn Sie dann ein Paket mit Wörtern zusammen geschnürt haben - wie entscheiden Sie dann, welche tatsächlich aufgenommen werden?

Kunkel-Razum: In sehr vielen Sitzungen in großer Runde. Die Arbeit läuft ja über anderthalb Jahre. Aber die Redakteure sind alle schon lange dabei und kennen die Kriterien, die angelegt werden.

WDR.de: Nämlich?

Kunkel-Razum: Abgesehen von der Häufigkeit geht es vor allem darum, dass das Wort keine Eintagsfliege sein darf, sondern sich über einen längeren Zeitraum in diesem Korpus hält. Außerdem muss es relativ breit gestreut sein, also nicht nur in einer Zeitung, wo man vermuten kann, das ist das Lieblingswort eines Autors.

WDR.de: Das sind jetzt aber auffällig viele, die aus dem großen Technologie-Bereich stammen: Selfies, Tablets, Social Bots, Tinder. Ein Wort wie Tinder kennen die Jüngeren, aber die Großeltern verstehen das schon nicht mehr.

Ein dunkelhaariges Mädchen sitzt mit einer Zeitschrift auf einer Wiese und blickt in die Kamera.

"Backfisch" heißt heute "Teenager"

Kunkel-Razum: Ja, aber das haben wir umgekehrt mit alten Wörtern auch – wie mit der zweiten Bedeutung von "Backfisch", das funktioniert heute gar nicht mehr. Wir bilden im Duden den Wortschatz von drei Generationen ab, also meine, die meines Sohnes und die meiner Eltern. Wenn man in Jahren ausdrückt, dann sind das ungefähr 70 Jahre. Da gibt es natürlich Wörter aus einer Generation, die die andere nicht mehr kennt.

WDR.de:  Welche Wörter haben es denn nicht geschafft?

Kunkel-Razum: Das waren vor allem Namen von Fußballspielern, die wir ganz oft in den Häufigkeitslisten haben – einfach durch die Sportberichterstattung. Oder Ortsteilnamen, die in einer Regionalzeitung sehr oft auftauchen.

WDR.de: Trotzdem stehen im Duden jetzt 145.000 Wörter. Machen Sie ab und zu mal Inventur und räumen auf, oder lassen Sie alles drin?

Symbolfoto: Rechtschreibreform. Kleine Schultafel, Duden.

"Majonäse" hat sich nicht durchgesetzt

Kunkel-Razum: Wir können nicht alles drin lassen, sonst wäre er wirklich sehr angeschwollen. Aber diesmal haben wir tatsächlich fast nichts gestrichen - bis auf ein paar Schreibvarianten, die wieder für ungültig erklärt wurden, wie das Wort "Majonäse". Ein Wort haben wir tatsächlich rausgenommen: "Jahr-2000-fähig".

WDR.de: Die Angst vor dem Computer-Crash!

Kunkel-Razum: Genau, und die spielt überhaupt keine Rolle mehr.

WDR.de: Flüchtlingskrise, Fake News: Wenn man sich die Neuzugänge ansieht, dann wird ein sehr düsteres Bild der Gesellschaft gezeichnet. Gab es da nichts Positives?

Kunkel-Razum: Nein, was da in der Presse beispielhaft genannt wird, ist ja nur eine kleine Auswahl. Aber wir hatten schon ein paar schwierige Situationen in den vergangenen Jahren, das spiegelt sich auch in der Wortschatzentwicklung wider.

WDR.de: Haben Sie eine Idee, wie der Wortschatz sich entwickelt? Gibt es da einen großen Trend?

Tinder

Ob Tinder bleibt?

Kunkel-Razum: Ich denke, dass sich noch mehr im Bereich der sozialen Medien tun wird. Wir haben dieses Mal schon Wörter wie Snapchat oder Whatsapp aufgenommen. Das ist zwar ungewöhnlich, andererseits: Das sind Neuerungen, die so wichtig sind, dass sie unseren Wortschatz prägen. Und ich denke, dass in der Richtung noch eine Menge passiert. Da muss man sehen, ob Tinder in fünf Jahren noch aktuell ist oder ob es ganz andere Plattformen gibt. Das wirklich Interessante ist ja, dass nicht nur der Name reinkommt. Das deutsche Wortbildungssystem funktioniert auch so, dass es daraus ein Verb wie "tindern" machen kann. Das finde ich sehr spannend, das zeigt auch, dass man sich um die deutsche Sprache gar nicht so viel Sorgen machen muss. Das Wort kommt, wird genommen und in die deutsche Sprache integriert. Deswegen macht es uns in der Redaktion auch so einen riesigen Spaß, an so einem Rechtschreib-Duden zu arbeiten.

Das Interview führte Marion Kretz-Mangold.

Stand: 08.08.2017, 17:48