Warum eine Depression kein Tabu mehr sein darf

Susanne Fiege

Warum eine Depression kein Tabu mehr sein darf

Von Benjamin Esche

Am heutigen Weltgesundheitstag (07.04.2017) rückt die Weltgesundheitsorganisation das Tabu-Thema Depression in den Fokus. Susanne Fiege leidet an dieser Krankheit und geht offen mit ihr um, weil es ihr hilft.

Abgeschlagenheit, Schmerzen, Panik. Die Depression bei Susanne Fiege kam erst schleichend und dann mit enormer Wucht. "Irgendwann bin ich bei der Arbeit mit Heulkrämpfen zusammengebrochen", erzählt die Mitarbeiterin eines Jobcenters. Ihr Hausarzt stellte im Juni 2016 die Diagnose Depression. Die starken körperlichen Reaktionen kamen aus der Psyche. "Ich war nicht geschockt, sondern eher erleichtert", sagt die 36-Jährige aus Zülpich, die endlich den Grund für ihr Leiden kannte.

"Bewusst entschieden, offen zu sprechen"

Doch viele andere Betroffene leiden still weiter. "Wenn Menschen mit Depressionen Angst haben, auf Unverständnis zu stoßen oder stigmatisiert zu werden, dann geraten sie in Isolation und scheuen sich auch davor, sich professionelle Unterstützung zu holen", sagt Ulrich Hegerl von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Dabei kann die richtige Therapie gut helfen.

Susanne Fiege hatte Glück und bekam schnell einen Platz in einer psychosomatischen Klinik. Zehn Wochen sollte sie dort therapiert werden. Schnell war für sie klar, dass sie offensiv mit ihrer Depression umgehen will. "Ich habe mich bewusst dazu entschieden, mit meinen Freunden und Verwandten offen darüber zu sprechen", sagt sie. "Ich wollte mich nicht einigeln."

"Habe gespürt, wie mich das heilt"

Die Reaktion ihrer Mitmenschen hat sie positiv überrascht. "Sie haben mir zugehört und manche haben daraufhin auch ihr eigenes Gefühlsleben offenbart", erzählt Susanne Fiege. "Je mehr Menschen ich davon erzählt habe, umso mehr habe ich gespürt, wie mich das selbst auch heilt", schildert sie.

In der Therapie arbeitet Susanne Fiege auf, wie sie überhaupt in die Depression geraten konnte. Besonders der Job spielt dabei eine große Rolle. "Viele Situationen bei der Arbeit haben mich an meine Kindheit erinnert", erzählt die 36-Jährige. Ihre Eltern haben sich früher oft gestritten und als Kind musste sie zwischen ihnen vermitteln. Heute ist sie als Jobvermittlerin in einer ähnlichen Rolle. "Da muss ich die Wünsche der Kunden und die Anforderungen der Arbeitgeber unter einen Hut bringen", sagt sie. Das habe sie enorm unter Stress gesetzt.

Depression ist kein persönliches Versagen

Porträt eines depressiven alten Mannes auf einer Bank.

Depression ist eine Krankheit wie jede andere auch

Viele Betroffene glauben, dass ihre Depression auch mit einem persönlichen Versagen zu tun hat, sagt Ulrich Hegerl. "Depression ist aber eine Erkrankung wie Diabetes oder andere Erkrankungen auch", so der Vorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Auch Susanne Fiege hatte zu Beginn diese Schuldgefühle. "Verdammt, ich funktioniere nicht mehr", sagt sie. "Das kam mir in den Kopf."

Mit diesen Gedanken hat sie noch zu kämpfen. "Ich habe heute auch öfter noch Angst davor, dass ich im Job dann wieder nicht funktionieren kann", erklärt sie. Gerade dort ist das Tabu für viele Betroffene am größten. "Man fragt sich: Wie viel davon darf ich erzählen, um nicht abgestempelt zu werden?", sagt Susanne Fiege. In der Rehaklinik soll ihr auch beim Umgang damit geholfen werden.

Mehr Verständnis für Betroffene

Um einen offeneren Umgang mit Depressionen zu erreichen, müsse jeder besser über die Krankheit Bescheid wissen, sagt Psychiater Hegerl: "Dann stoßen die Erkrankten häufiger auf Verständnis." Für Susanne Fiege steht aber fest, dass sie auch beim Arbeitgeber offen mit ihrer Erkrankung umgehen will. Genau das möchte sie auch anderen Betroffenen vermitteln. "Je offener man über seine eigene Depression spricht, umso eher kommt von allen Ecken und Enden Unterstützung, die man sich vorher nicht hat erträumen können."

Stand: 07.04.2017, 06:00