Virtual Reality soll Demenzkranken helfen

Dr. Caspers legt einem Patienten eine Datenbrille an

Virtual Reality soll Demenzkranken helfen

Von Susanne Schnabel

  • VR-Brillen für Demenz-Patienten in Krefeld
  • Zeitreise in die Welt der 50er und 60er Jahre
  • Gemeinsames Projekt von Medizinern und Spieleentwicklern

"Das ist schon lange her. Weißt Du warum? Weil da ganz viele alte Volkswagen fahren", erzählt der Herr mit den weißen Haaren aufgeregt. Auf seinem Kopf trägt er eine digitale 3D-Brille, die ihn eine Straßenszene in den 50er Jahren seiner Heimatstadt Krefeld erleben lässt. Sein Kopf geht hin und her, er zeigt mal hier hin, mal dort hin und sagt: "Da war doch früher ein Kiosk!" Von Demenz ist in diesem Moment nichts zu merken.

Idee kam durch kranken Vater

Beate Sucrow legt eine Datenbrille an

Spieleentwicklerin Beate Sucrow

"Das ist mein Vater. Er ist vor drei Jahren an Demenz erkrankt. Wegen ihm sind wir überhaupt auf die Idee zu diesem Projekt gekommen", sagt Beate Sucrow, Spiele-Entwicklerin der Agentur Weltenweber aus Krefeld. Sie entwickelt weniger reine Spiele-Formate zur Unterhaltung, sondern arbeitet vielmehr an Projekten mit gesellschaftlichem Mehrwert wie zum Beispiel Bildung oder Therapien gegen Phobien.

"Durch meinen familiären Hintergrund war das Thema Demenz aktuell und so entstand die Idee, etwas zu erschaffen, um diesen Menschen eine Brücke zu bauen." Das Konzept kam bei den Medizinern des Helios-Cäcilien-Hospitals Hüls in Krefeld gut an. Seit Donnerstag (14.09.2017) kann die Brille eingesetzt werden.

Krefelder Bürger haben mitgeholfen

Datenbrille

Die Krefelder haben historische Fotos beigesteuert

500 Stunden Arbeit in den vergangenen sechs Monaten, viel Recherche und die Mithilfe der Krefelder Bürger - sie haben Fotos beigesteuert - waren nötig, um die virtuelle 360-Grad-Version der Kreuzung Rheinstraße/Ostwall entstehen zu lassen. An Demenz erkrankte Patienten können sich darin mithilfe einer Virtual-Reality-Brille umsehen und sich sogar in der vertrauten Umgebung bewegen.

Nicht nur für Demenzpatienten sinnvoll

Datenbrille

Eine Zeitreise in die 1950er Jahre

"Das ist eine wunderbare Ergänzung für unsere bisherige Arbeit", sagt Dr. Friedhelm Caspers, Chefarzt der Akutgeriatrie in Hüls. Seit Jahren arbeiten er und sein Team mit alten Fotoalben, Musik der Jugendzeit und historischen Filmen. "Sich mit vertrauten Dingen zu umgeben und in Erinnerungen zu schwelgen, gibt Sicherheit", sagt der Mediziner. "Das baut Brücken in die Gegenwart und Brücken zwischen den Beteiligten, regt zu Gesprächen an. Die Kommunikation ist auch ein wichtiger Teil der Therapie."

Virtual Reality weckt die Aufmerksamkeit

Dr. Friedhelm Caspers

Dr. Friedhelm Caspers

Bis jetzt haben erst wenige Patienten die Brille getestet, aber schon jetzt ist Caspers begeistert: Die Aufmerksamkeit werde geweckt und das Wohlbefinden gesteigert, die Patienten üben Orientierung im Raum und die Bewegung der Halswirbelsäule würde trainiert. "Es ist erstaunlich, wie beweglich die Patienten auf einmal werden, wenn sie einem alten Käfer hinterherschauen", so Caspers. Er kann sich vorstellen, das Projekt auszuweiten und die Brille auch bei Patienten mit anderen Krankheiten einzusetzen.

"Eher im frühen Stadium der Krankheit sinnvoll"

Tatsächlich sei diese Methode im Rahmen sogenannter Biografie-Arbeit durchaus sinnvoll, bestätigt Susanna Saxl von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. "Dabei wird versucht, positive Erinnerungen und Lebensfreude zu wecken. Das kann den Krankheitsverlauf verlangsamen", so Saxl. Der Einsatz dieser Technik sei allerdings eher im frühen Stadium der Krankheit sinnvoll.

Zwar gebe es auch die Gefahr, dass die Patienten durch den schnellen Wechsel zwischen Realität und Fiktion verwirrt würden. Man habe jedoch mit Computerspielen - beispielsweise mit virtuellem Kegeln an der Spielekonsole - bereits gute Erfahrungen gemacht, so Saxl.

Stand: 14.09.2017, 16:28