Hören ist harte Arbeit

Schülerin mit Hörprothese

Hören ist harte Arbeit

Hören ist für einen gesunden Menschen ganz selbstverständlich. Schwerhörige oder Taube können aber hoffen: Implantate können dabei helfen, wieder zu hören. Für die Betroffenen ist das harte Arbeit.

Neuroprothesen werden in Deutschland seit den 1980er-Jahren verwendet – für Menschen, die fast oder ganz ertaubt sind, aber deren Hör-Nerv noch funktioniert. In einer Operation bekommen sie ins Innenohr, in die so genannte "Hörschnecke" oder "Cochlea", Elektroden eingesetzt. Der Chirurg bohrt dazu ein kleines Loch in die Schädeldecke. Diese Elektroden können dann den Hör-Nerv mit elektrischen Impulsen anregen. So ersetzt das Implantat kaputte Sinneszellen. Wie der Hör-Nerv gereizt wird, bestimmt ein meist hinterm Ohr getragener Sprachprozessor. Der bekommt vom eingebauten Mikrofon die Geräusche aus der Umgebung geliefert und übersetzt sie in ein Signalmuster für die Elektroden im Innenohr. Das funktioniert mittlerweile erstaunlich gut – viel besser, als man in den Anfangszeiten zu hoffen wagte.

Implantate helfen auch Erwachsenen

Implantate helfen auch Erwachsenen

Der Chefarzt Roland Zeh kann das beurteilen. Er ist seit Kindheitstagen taub. Heute trägt er Implantate und arbeitet in der Median Kaiserberg-Klinik in Bad Nauheim mit Patienten, die ähnliche Hörprobleme haben wie er selbst. "Sehr viele schaffen es, dass in einer ruhigen Umgebung ohne Störgeräusche sie überhaupt keine Schwierigkeiten mehr haben", sagt Zeh, der gleichzeitig auch Präsident der Deutschen Cochlea-Implantat-Gesellschaft ist. Auch andere Aufgaben wie Fernseher, Kino, Radiodurchsagen oder Telefon meisterten viele.

Alles Einstellungssache

Wie gut und entspannt man tatsächlich hört, ist dabei eine Frage der Technik. Dazu müssen sich Arzt und Patient an die richtige Einstellung des Implantats herantasten. Der Audiologe schließt dazu einen Sprachprozessor an den Computer an und ruft das Einstellprogramm auf. 22 Kanäle bzw. 22 einzelne Elektroden - je nach Hersteller auch weniger. Für jeden Kanal wird nun festgelegt, wie stark die Elektrode den Hör-Nerv anregen soll – ab wann der Patient überhaupt etwas hört, und wann es unangenehm laut wird.

Die Hoerschnecke (lat. Cochlea) mit ableitendem Hoernerv (N. acusticus). Durch den Anschnitt deutlich zu erkennen ein Cochleaimplantat in der 2,5-fachen Windung der Schnecke

Grafik einer Hörprothese im Innenohr

Viele nehmen erstmals wieder hohe Stimmen wahr

Neidhard Dahlen hat sein Implantat erst seit ein paar Wochen. "Ein Nachbarskind, das spricht in so hoher Frequenz, das habe ich nie verstanden, jetzt verstehe ich es." Anders bei seiner Frau, mit der er 46 Jahre verheiratet ist: "Die verstehe ich derzeit noch nicht. Man muss sich in Geduld üben", so der Patient. Denn Dahlens Gehirn muss erst wieder lernen, dass diese Geräusche zur Sprache dazugehören.

Roland Zeh hatte nach 31 Jahren Taubheit sogar noch größere Probleme, sich an den Klang des Implantates zu gewöhnen. Ganze zwei Jahre habe es gedauert, bis es wirklich "rund" war, wie er sagt. "Ein sehr langer Prozess."

Schweiz erfasst Erfolge und Misserfolge

Nahaufnahme Cochlea-Implantate

Nahaufnahme Cochlea-Implantate

In der Schweiz wird über jedes Implantat akribisch Buch geführt – das dortige CI-Register umfasst mittlerweile rund 3.000 Patienten. Drei Viertel davon sind mit ihrem Implantat zufrieden. Bei etwa einem Viertel haben sich die Erwartungen nicht erfüllt. Das liegt zum Teil daran, dass sie tatsächlich nicht besser hören. Ein anderer Teil hat vielleicht nicht erwartet, wie viel Arbeit Hören sein kann.

In den ersten Jahren sollten alle Implantat-Träger regelmäßig trainieren. Sogar erfahrene CI-Träger können von einem Training in der Rehaklinik noch profitieren, sagt Zeh. Was man nicht vergessen darf, es gibt auch Zubehör, fürs Telefonieren, fürs Fernsehen, für Besprechungen, mit dem man schwierige Hörsituationen besser meistern kann. Auch da hat sich viel getan.

Autorin des Radiobeitrags ist Antja Sieb.

Stand: 14.03.2017, 14:44