Zeitgefühl: In uns ticken Millionen Uhren

Montage: Untergehende Sonne, Uhren

Zeitgefühl: In uns ticken Millionen Uhren

Von Andreas Sträter

In der Nacht auf Sonntag (27.03.2016) wurden die Uhren umgestellt. Obwohl es nur um eine Stunde weniger Schlaf geht, sind die Auswirkungen auf viele Menschen enorm. In unserem Körper tickt eine innere Uhr. Doch mit einer Uhr kommen wir gar nicht aus, sagt Chronobiologe Gregor Eichele.

Mit Beginn der Sommerzeit in der Nacht zu Ostersonntag (27.03.2016) muss jeder Mensch seine innere Uhr neu einstellen. Als zentraler Taktgeber hat unsere innere Uhr viele Aufgaben. Sie regelt unseren Organismus, sie steuert lebenswichtige Vorgänge und sie organisiert uns sowohl tagsüber als auch in der Nacht. Wir wollen wissen, was es mit der inneren Uhr auf sich hat und mit welchen Methoden Chronobiologen daran forschen.

Was passiert mit unserer inneren Uhr durch die Uhrumstellung?

Ein Zettel mit der Aufschrift «Sommerzeit» klebt auf einem Wecker.

Sommerzeit heißt: Uhren nach vorne stellen

Die Umstellung der Uhr auf Sommerzeit wirkt auf unseren Körper wie ein Mini-Jetlag. Unsere innere biologische Uhr läuft in einem bestimmen Takt und ist genetisch bestimmt. Wenn sich dieser Takt ändert, dann merken wir das. "Denn wir haben nicht nur eine innere Uhr, sondern gleich einen ganzen Uhrenladen in uns", erklärt der Chronobiologe Gregor Eichele, der die Abteilung Gene und Verhalten am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen leitet. "Jede unserer Zellen besitzt eine innere Uhr. Diese Uhr ist nichts anderes als eine Verwebung von Proteinen und Genen", sagt Eichele. Bei einem Jetlag oder bei der Umstellung der Uhren müssen die inneren Uhren in uns erst wieder in einen Takt gebracht werden. "Man sagt, unsere innere Uhr braucht etwa einen Tag, um eine Stunde Jetlag zu verarbeiten." Um sich also von einem Hawaii-Urlaub zu erholen, brauchen wir bei einer Zeitverschiebung von minus zehn Stunden in der Sommerzeit etwa zehn Tage. Erst dann ticken unsere inneren Uhren wieder wie gewohnt.

Tickt jeder Mensch anders?

Die Rhythmik der Menschen unterscheidet sich um ein paar Stunden. Die Ursache hierfür ist Cortisol. Das Wachmacher-Hormon aktiviert unseren Körper und wird grundsätzlich in den Morgenstunden zwischen sechs und acht Uhr ausgeschüttet. Auch das Testosteron ist in dieser Zeit am höchsten; bei Frauen allerdings in geringerer Menge. Testosteron steigert unseren Antrieb und wirkt ebenso wie Cortisol aktivierend. Das Schlafhormon Melatonin ist zu diesem Zeitpunkt auf dem Tiefpunkt, weil es vom Licht gestoppt wird.

Warum gibt es Eulen und Lerchen?

Eule und Lerche

Eule oder Lerche? Spätaufsteher oder Morgenmensch?

Es gibt so genannte Eulen und Lerchen, Abendmenschen und Frühaufsteher. Eulenmenschen schlafen länger und sind dafür abends fit und munter. Lerchen hingegen stehen früher auf, werden allerdings zumeist auch eher müde. Die meisten von uns liegen irgendwo dazwischen. Unser Biorhythmus ist auf Aktivität und Verdauung bei Licht und auf Ruhe bei Dunkelheit in der Nacht eingestellt.

Warum sind Senioren Lerchen?

"Ältere Menschen haben mehr Schwierigkeiten einen regelmäßigen Rhythmus in einer unregelmäßigen Welt zu finden", erläutert Eichele. Hinzu komme, dass die Leistungsfähigkeit des Nervensystems mit zunehmenden Alter abnehme, sagt der Chronobiologe. Das sei auch der Grund, warum Senioren zum Beispiel unter Schlafstörungen leiden und morgens früher aufwachen.

Was ist der "Montagsblues"?

Montags müssen wir an unserer inneren Uhr rütteln und sie wieder auf den Alltagsrhytmus umstellen. Vor allem Eulenmenschen, die am Wochenende länger schlafen, müssen zu Beginn der Woche wieder in den Frühaufstehermodus zurückkehren. Hinzu kommt eine psychologische Note: Je lieber wir zur Arbeit gehen, desto leichter fällt uns der Start in die Woche – und umgekehrt.

Mit welchen Methoden forschen Chronobiologen?

Chronobiologen untersuchen die biologischen Rhythmen, denen der Mensch unterliegt. Im Fokus steht dabei die innere Uhr als Taktgeber. Die Disziplin verbindet verschiedene Forschungsbereiche mit, zum Beispiel Genetik, Arbeitsmedizin oder Psychologie. Die Forscher versuchen unter anderem durch Versuche neue Erkenntnisse zu gewinnen. Bei Experimenten mit Mäusen beobachten sie etwa, was passiert, wenn sich unser Tag-Nacht-Rhythmus ändert. Bei diesen Tieren werden dafür die so genannten "Uhrengene" ausgeschaltet. Die Wissenschaftler können so Veränderungen im Verhalten oder Auswirkungen auf die Organe festhalten.

Nahaufnahme einer Hausmaus (Mus musculus domesticus).

Chronobiologen beobachten Mäusemutanten

Wird die innere Uhr abgestellt, kann es zu verschiedenen kognitiven Störungen kommen. In den 1970-er Jahren gab es umstrittene Versuche mit Menschen. Freiwillige verbrachten mehrere Wochen in einem unterirdischen Bunker – ohne äußere Taktgeber wie Sonnenlicht, Zeitung oder Radio. Trotzdem behielten die Probanden ihren Tag-Nacht-Rhythmus im Wesentlichen bei. Das Experiment zeigte, dass der Körper durch einen inneren Mechanismus gesteuert wird, der unabhängig vom Licht ist.

Stand: 27.03.2016, 08:17