Fachtagung in NRW über Genitalverstümmelungen

Eine Beschneiderin zeigt UNICEF ihr Messer

Fachtagung in NRW über Genitalverstümmelungen

Von Annika Franck

  • Frauen mit Genitalverstümmelung sind traumatisiert.
  • Sie brauchen eine besondere ärztliche Versorgung.
  • Experten der Ärztekammer Nordrhein haben am Samstag in Düsseldorf beraten.

WDR.de: Herr Dr. Zerm, Sie haben eine spezielle Sprechstunde für Frauen, die beschnitten, besser gesagt, deren Genitalien verstümmelt sind. Wie begegnen Sie diesen Frauen?

Dr. Christoph Zerm: Die Sprechstunde biete ich seit 2005 an. Und da kommen vor allem Frauen, die ein Gutachten brauchen, damit die Verstümmelung in ihrem Asylverfahren berücksichtigt wird. Daher kommen die meisten Frauen in Begleitung von Mitarbeiterinnen einer Organisation wie der Diakonie oder Terre des Femmes.

WDR.de: Wie schwierig ist es, das Vertrauen der Frauen zu gewinnen - schließlich sind Sie ein Mann?

Zerm: Einige hätten lieber eine Ärztin. Aber nach einem ausführlichen Vorgespräch sind meist die Vorbehalte abgebaut und 90 bis 95 Prozent der Frauen bereit, sich auch von mir untersuchen zu lassen.

WDR.de: Was für einen Eindruck haben Sie von den Frauen?

Porträt Dr. Christoph Zerm, Gynäkologe aus Herdecke

Gynäkologe Christoph Zerm

Zerm: Viele fliehen vor geschlechterbedingter Verfolgung, gerade, wenn sie aus Westafrika kommen und sind schwer traumatisiert. Sie sind nicht nur verstümmelt, sondern wurden teilweise vergewaltigt; oder ihre Väter wollten sie zwangsverheiraten. Oft sind sie schon als kleines Kind beschnitten worden, teilweise ist dann erstmal "nur" die Klitoris betroffen ist - da können ein paar Millimeter oder die gesamte Klitoris entfernt worden sein, das ist Typ I. Von Typ II sprechen wir, wenn auch die Schamlippen entfernt wurden - auch hier gibt es viele Varianten. Beim Typ III sind die äußeren Genitalien vollkommen entfernt, diese Frauen sind in der Regel bis auf wenige Millimeter zugenäht. Das Wasserlassen dauert jedes Mal 30 bis 40 Minuten und ist sehr schmerzhaft.

Überhaupt ist die Genitalverstümmelung mit furchtbaren Schmerzen verbunden, auch beim Geschlechtsverkehr. Aber das ist für viele der Frauen selbstverständlich.

WDR.de: Welche weiteren Folgen hat die Genitalverstümmelung?

Zerm: Viele der Frauen sind im gesamten Genitalbereich hochempfindlich, ihre Schmerzschwelle ist herabgesetzt. Daher haben sie Schmerzen beim Sitzen oder etwa beim Fahrradfahren. Forschungen konnten auch belegen, dass jegliche Art von Traumatisierung im Genitalbereich dazu führt, dass die Schmerzschwelle ein Leben lang herabgesetzt ist. Und die Traumatisierung dieser Frauen ist erheblich.

WDR.de: Wie kann man diesen Frauen helfen - auch medizinisch?

Zerm: Zunächst einmal brauchen sie Sicherheit, da ist natürlich der Aufenthaltsstatus ganz wichtig. Erst in einem zweiten Schritt denken einige über medizinische Maßnahmen nach: Sie können sich die Geschlechtsteile öffnen lassen, der Fachbegriff dafür ist Defibulation. Aber auch das ist für manche Frauen schwierig, denn sie sind mit dem Glauben aufgewachsen, dass sie dann keine richtige Frau mehr und nicht heiratsfähig sind - sondern eine Prostituierte.

Inzwischen gibt es auch gute Möglichkeiten in der plastischen Chirurgie, allerdings gibt es nur wenige Spezialkliniken, die das anbieten: Es gibt die Möglichkeit, die Klitoris wiederherzustellen - der unter der Haut verbliebene Stumpft wird dann hochgehoben. Auch die Schamlippen kann man rekonstruieren. Aber das ist schon ein mehrstündiger Eingriff. Man muss bei diesen Eingriffen einfach extrem sorfältig sein.

Die Fragen stellte Annika Franck.

Stand: 08.07.2017, 06:00