Ein neues Organ in unserem Bauch

Symbolbild: Schematische Darstellung des Magen- Darmbereichs beim Menschen

Ein neues Organ in unserem Bauch

Von Ruth Schulz

Irische Mediziner haben Gewebe, das man schon lange kennt, als Organ identifiziert. Das Mesenterium scheint bei vielen Stoffwechselvorgängen eine wichtige Rolle zu spielen. Die meisten hat man aber noch nicht verstanden.

Schon Leonardo da Vinci hat die Struktur gezeichnet , die unseren Darm elastisch am Bauchfell befestigt. Das so genannte Mesenterium. Dass dieses Gewebe nicht einfach nur etwas festhält, und so zum Beispiel verhindert, dass der Darm ins Becken rutscht, wenn wir stehen , sondern dass es ein eigenständiges Organ ist, das bestimmte Funktionen hat, weiß man noch nicht so lange. Irische Mediziner haben jetzt in der Wissenschaftszeitschrift The Lancet – Gastroenterology & Hepatologie veröffentlicht, was man darüber weiß und was noch nicht.

Unbekanntes Gekröse

Das Gewebe, das man bisher nicht so genau angeschaut hat heißt auf Deutsch "Gekröse". Köche bezeichnen so auch die Innereinen eines Kalbes. Im Ruhrgebiet haben Menschen ein Krösken miteinander – ein nicht so ganz klares Verhältnis – man krost dort auch rum – kramt im Ungefähren und weiß nicht was rauskommt.

So ging es Medizinern auch mit dieser Gewebestruktur. Jetzt will man das Mensenterium genauer erforschen und herausfinden, welche Rolle es für unsere Gesundheit spielt und welche Krankheiten dort vielleicht entstehen.

Was man schon weiß

Man kennt das Mesenterium-Gewebe schon lange, hat aber nicht gesehen, dass es eine zusammenhängende Struktur ist. Schließlich hat man die Faszien entfernt, die dünne Faserschicht,  die auch unsere Muskeln umgibt und zusammenhält. So hat man gesehen, dass das Mesenterium aus mehreren Schichten besteht, die miteinander zusammenhängen. Jetzt nimmt man an, dass dieser Halteapparat zum Beispiel daran mitwirkt, dass unsere Nahrung in einer guten Geschwindigkeit den Darm passieren kann.

Man weiß, dass bestimmte Knotenpunkte des Mesenteriums Bakterien des Darms erkennen können. Wahrscheinlich reguliert es also auch den Transport von Abwehrzellen zum Darm. Das hat man aber bisher erst bei Tieren erforscht und noch nicht genau verstanden. Das Mesenterium scheint jedenfalls an Entzündungsvorgängen beteiligt zu sein – oder kann sie vielleicht verhindern.

Es könnte außerdem bei der Heilung von Gewebe eine Rolle spielen. Zum Beispiel nach einer Operation oder einem Leistenbruch.

Das Mesenterium ein Krankheitsherd?

Weil das Gewebe aus vielen Schichten besteht und an vielen Punkten andockt könnte es bei einigen Krankheiten eine Rolle spielen oder ihre Ausbreitung beeinflussen, meinen die irischen Mediziner.

Darmverschlingungen zum Beispiel oder Darmstillstand könnten damit zu tun haben, dass das Gewebe nicht richtig aufgehängt ist. Zysten könnten entstehen, wenn es nicht richtig arbeitet. Das Gewebe könnte aber auch an der Ausbreitung von Darmtumoren beteiligt sein, denn auch Lymphknoten sind mit diesem Organ verbunden. Schon länger weiß man, dass die Überlebenschancen bei Darmkrebs besser sind, wenn das Mesenterium - oder Teile davon - bei einer Operation mit entfernt wird.

Auch Darmentzündungen wie Morbus Crohn könnten mit gestörten Abläufen in diesem Gewebe zu tun haben - vielleicht könnten sie sogar dort entstehen.

Schließlich will man auch erforschen, ob Diabetes, Fettleibigkeit, Artheriosklerose oder Stoffwechselstörungen von diesem neuen Organ – dem Mesenterium - ausgehen, oder ob sie damit zusammenwirken. Man weiß noch immer nicht, ob es eher zum Verdauungssystem gehört, zum Gefäßsystem, zum Immun- oder zum Hormonsystem – aber man weiß, dass das Mesenterium bei vielen Vorgängen im Körper eine zentrale Rolle spielt.

Stand: 05.01.2017, 15:19