So lebten die ersten Westfalen

Grabungstechnikerin Marina Hahne gräbt aus einem 7000 Jahre alten Grab eine Beil-Spitze aus Stein aus

So lebten die ersten Westfalen

Von Marion Kretz-Mangold

  • 120 Gräber aus der Jungsteinzeit bei Warburg (Kreis Höxter) freigelegt
  • Keine Knochen, aber Zähne und viele Grabbeigaben
  • Frühe Westfalen waren sesshaft

Sie blieben ein Leben lang auf ihrem Grund und Boden, liebten Schmuck und gaben ihren Toten Pfeile und Keramik mit ins Grab. So viel wissen die Archäologen inzwischen über die Menschen, die vor 7.000 Jahren am Rande der Warburger Börde lebten. Das Gräberfeld bei Hohenwepel, das einzige aus der frühen Jungsteinzeit in Westfalen, birgt aber immer noch Geheimnisse.

Fragen an die Toten

Eine Grabungstechnikerin gräbt aus einem 7000 Jahre alten Grab eine Beil-Spitze aus Stein aus

Ein Steinbeil als Grabbeigabe

Wovon ernährten sich die Menschen in der Jungsteinzeit? Wo haben sie die Feuersteinspitzen besorgt, die in den Gräbern lagen? Haben vielleicht Frauen eingeheiratet? Fragen, die die Experten mit jeder Grabungssaison besser beantworten können. Bei der letzten ging es vor allem darum, die genaue Ausdehnung des Gräberfeldes festzulegen: "Dabei zeigt das hier freigelegte 4.000 Quadratmeter große Gräberfeld, welche Bedeutung die Siedlung hatte", so der Archäologe des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Hans-Otto Pollmann, am Dienstag (26.09.2017). Mindestens 500 Individuen wurden dort in der Zeit zwischen 5.200 und 4.800 vor Christus beerdigt.

Die Knochen haben sich aufgelöst

Ausgrabungen aus der Jungsteinzeit in Hohenwempel

Nur noch Schatten in der Erde

120 Gräber haben die Wissenschaftler inzwischen freigelegt, weitaus mehr sind von der Bodenerosion zerstört worden. Auch von den Menschen sind kaum Spuren geblieben: Die Knochen haben sich im Laufe der Jahrtausende im Lössboden fast vollständig aufgelöst. Zurück blieb nur eine Art Mehl, das Schädel oder Langknochen allenfalls erahnen lässt. Deswegen können die Experten nicht sagen, ob es sich bei den Toten um Männer oder Frauen handelt, wie alt sie waren oder woran sie starben.

Immer im Lande geblieben

Nur die besonders widerstandsfähigen Zähne haben sich erhalten - und die sind aussagekräftig: Ihre Lage im Boden lässt Rückschlüsse darauf zu, in welche Richtung die Toten begraben wurden. Außerdem wurden einige Zähne im Labor analysiert. Die Spuren von Strontium, die für die jeweilige Gegend typisch sind und sich im Zahnschmelz abgelagert haben, zeigen: Die ersten Bauern und Viehzüchter haben nur hiesiges Wasser getrunken, waren also sesshaft. Nur zwei Individuen wichen davon ab - vielleicht waren es Frauen, die eingeheiratet haben.

Selbst Holzkohle wird gesichert

Auch die Grabbeigaben wurden analysiert. Schnell erkennbar war, dass sie zu Lebzeiten nicht benutzt wurden: "Sie sind also extra für die Toten gefertigt worden", erklärt Ausgrabungsleiterin Maria Hahne. Weitere Untersuchungen der Funde sollen noch im Labor folgen. Steingeräte werden bestimmt, Keramik unter dem Mikroskop auf die Ton-Mischung untersucht. Selbst Holzkohle, die in Grabfüllungen gefunden wurde, wird gesichert, weil Archäobotaniker mit ihrer Hilfe die Holzart benennen können.

Trieben sie Handel über die Dorfgrenzen hinweg?

Reste eines verzierten Siebgefäßes, Fundort Warburg-Hohenwepel, Datierung: 5.200-4.900 v.

Die Linienbandkeramik gab der Epoche ihren Namen

Die Archäologen interessieren sich auch dafür, ob es Handelsbeziehungen zu anderen Gruppen gab. Muscheln aus dem Schwarzmeer-Raum, wie sie in Gräbern im Rheinland zu finden waren, hatten die Menschen aus Hohenwepel nicht. Daraus schließen die Forscher, dass die ersten Siedler im Rheinland wohl offener für Handelsbeziehungen waren. Dinge, die ihnen wichtig waren, kannten die frühen Westfalen aber auch: In einem Grab fanden sich zwei Kugeln Hämatit, ein kräftig rotes Farbmineral - mit zwei Löchern zum Aufziehen auf eine Kette.

Das Ende einer Epoche

Rätselhaft ist für die Wissenschaftler noch, warum die Epoche der Linienbandkeramik zu Ende ging. "Es war damals ein paar Grad wärmer als heute, aber mit genügend Regen. Und doch wissen wir auch von langanhaltenden Dürrephasen über Jahrzehnte um 4.900 vor Christus", sagte Pollmann. Irgendwann seien die Siedlungen dann ausgedünnt - genau wie in Hohenwepel. Dort sind schließlich nur noch wenige Menschen begraben worden - und das Gräberfeld jahrtausendelang in Vergessenheit geraten.

Stand: 26.09.2017, 15:00