Werden immer mehr Menschen psychisch krank?

Werden immer mehr Menschen psychisch krank?

  • Fehlzeiten der Arbeitnehmer in NRW steigen stetig.
  • Sensibilität für psychische Erkrankungen hat zugenommen.
  • Bis Behandlungsbeginn vergehen drei Monate oder mehr.

Krankenkassen in NRW stellen seit Jahren fest, dass die Fehlzeiten von Erwerbstätigen wegen psychischer Erkrankungen stetig ansteigen. Andreas Pichler, Vizepräsident der Psychotherapeutenkammer NRW, erklärt, was dahinter steckt.

Herr Pichler, können Sie diesen Trend bestätigen?

Andreas Pichler, Vizepräsident der Psychotherapeutenkammer NRW

Andreas Pichler

Andreas Pichler: Die Zahlen sind stimmig, daran habe ich keinen Zweifel. Grundsätzlich kann ich das aus meiner Praxis und der meiner Kollegen so bestätigen. Die Menschen sind aber nicht häufiger krank als früher. Es wird nur mehr auf mögliche psychische Ursachen geachtet. Ärzte schicken Patienten verstärkt in die Psychotherapie. Viele kommen auch freiwillig. Die Sensibilität ist gestiegen. Sprüche wie 'Komm, beiß' die Zähne zusammen' oder 'Lehrjahre sind keine Herrenjahre' sind überholt.

Sind die gestiegenen Zahlen auch eine Folge der Änderung des Psychotherapeutengesetzes, nach der man einen Psychologen ohne Überweisung vom Arzt direkt aufsuchen kann?

Andreas Pichler: Die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen führt zu einer erhöhten Inanspruchnahme. Früher waren psychische Krankheiten teilweise nicht bekannt, aber auf Krankmeldungen auch nicht gerne gesehen. Die Änderung des Psychotherapeutengesetzes spielt da auch eine Rolle.

Gibt es Berufsgruppen, die stärker betroffen sind als andere?

Andreas Pichler: In meiner Praxis sehe ich keinen besonders betroffenen Beruf. Das geht querbeet.

Über welche Krankheitsbilder reden wir? Spielt Burnout eine große Rolle?

Andreas Pichler: Vor allem Depressionen und Angst. Burnout ist keine Diagnose. Mit diesem Begriff können wir im Praxisalltag nichts anfangen. Wir sehen Panikstörungen, mit denen Menschen nicht mehr Bus und Bahn fahren oder sich nicht in Menschenmengen aufhalten können. Ursachen sind dabei nach meiner Erfahrung etwa zu gleichen Teilen in der Arbeitswelt und im privaten Umfeld zu suchen.

Eine Grippe legt einen Erwerbstätigen für ein paar Tage flach. Wie sind die Ausfallzeiten bei psychischen Erkrankungen?

Andreas Pichler: Bei normalen Wartezeiten - das dauert leider im Schnitt drei Monate oder mehr bis Behandlungsbeginn - kann das bei einer mittelschweren Erkrankung ein dreiviertel Jahr dauern, bis man zurückkehrt. Aus klinischer Sicht ist es wichtig, die Patienten wieder in Arbeit zu bekommen. Ich empfehle da immer das Hamburger Modell der stufenweisen Wiedereingliederung. Aber die Arbeit ist nur ein Etappenziel. Danach geht die Behandlung weiter.

Sind dann die langen Wartezeiten ein großes Problem?

Andreas Pichler: Die Wartezeiten kommen leider in diesem Report zu Fehlzeiten nicht vor. Die Patienten müssen viel zu lange warten. Sie finden keine Behandlungsplätze, bleiben in dieser Zeit aber krank. Vor allem Männer kommen oft erst sehr spät mit einer langen Vorgeschichte. Ein später Behandlungsbeginn vergrößert und verschlimmert deren Leiden. Der Zustand ist außerdem wegen des Krankengeldes, das weiter gezahlt wird, sehr teuer. Das alles verlängert AU-Zeiten natürlich künstlich. Um früher starten zu können, brauchen wir mehr Behandler. Ich bin sicher, das rechnet sich sofort.

Ist Mobbing in der Arbeitswelt ein großes Problem? Oder sind es gestiegene Belastungen und Arbeitsverdichtung? Spielt die Angst um den Job eine Rolle?

Andreas Pichler: Mobbing taucht kaum mehr auf. In der Erwachsenenwelt spielt das keine große Rolle. Cyber-Mobbing oder Mobbing an Schulen, ist für Kinder und Jugendliche ein großes Problem. Die Angst um den Job kommt bei mir in der Praxis nicht so vor; die Leute wissen um ihren Kündigungsschutz während der AU-Zeit. Die wenigsten kommen mit konkreter Kündigungsangst, mehr mit Belastungen aus dem 'normalen' Arbeitsleben heraus. Das reicht offensichtlich schon aus.

Das Gespräch führte Christian Zelle

Stand: 14.09.2017, 19:21