Mehr Aufklärung über Brustkrebs-Früherkennung

Röntgenbild einer  Mammographie

Mammographie-Screening

Mehr Aufklärung über Brustkrebs-Früherkennung

Von Lisa von Prondzinski

Erstaunlich viele Frauen haben falsche Vorstellungen über die Brustkrebs-Früherkennung. Deshalb werden bald überarbeitete Einladungen verschickt. Die Diskussion um Kosten, Nutzen und Schaden durch das massenhafte Brust-Röntgen dürfte dadurch aber nicht beendet sein.

Sobald eine Frau 50 Jahre alt wird, bekommt sie eine Einladung zum Mammographie-Screening zugeschickt. In dem beigefügten Merkblatt steht, worum genau es bei dieser freiwilligen Röntgenuntersuchung der Brust geht. Fragen wie : "Was ist Brustkrebs?" und "Wie läuft die Untersuchung ab?" werden darin aufgegriffen. Durch diese Reihenuntersuchung soll Brustkrebs so früh wie mögliche erkannt werden. Die Hoffnung dahinter: Mehr Frauen eine schonendere Behandlung anbieten und mehr Leben retten zu können.

Mammographie Screening

Das Mammographie-Screening in Deutschland richtet sich an alle gesunden Frauen zwischen 50 und 69 Jahren. Ziel ist es, Brustkrebs früh zu erkennen. Das ist die mit Abstand häufigste Krebsart bei Frauen. Jedes Jahr sterben an Brustkrebs bundesweit rund 17.500 Frauen. Etwa jede achte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens an dem bösartigen Leiden – im Durchschnitt mit 63 Jahren.

Das Mammographie-Screening wurde im Jahr 2005 eingeführt - seit 2009 flächendeckend. Die Röntgenaufnahmen der Brust werden in spezialisierten und streng kontrollierten Röntgen-Praxen gemacht. Im Jahr 2012 wurden dort fast 2,8 Millionen der insgesamt knapp 4,9 Millionen eingeladenen Frauen gescreent. 56 Prozent der Anspruchsberechtigten nahmen das für sie kostenlose Angebot also wahr. Diese Früherkennung ist aufwändig: Schätzungen zufolge zahlen die Krankenkassen dafür jährlich rund 220 Millionen Euro.

Länder wie die USA, Großbritannien und Schweden haben Screening-Programme teilweise schon seit 20, 30 Jahren. Doch die Erfahrungen aus dem Ausland lassen sich nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen. Woanders gelten teilweise andere Kriterien. Zum Beispiel wird die Untersuchung alle drei Jahre angeboten und nicht wie in Deutschland alle zwei Jahre.

Mammographie kann Tumore sichtbar machen

Doch das Screening ist umstritten. Außerdem gibt es Nachholbedarf bei der Aufklärung. Viele Frauen überschätzen den Nutzen, kennen die Risiken nicht oder haben ganz falsche Vorstellungen von dieser Früherkennung. Das hat der Gesundheitsmonitor der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2014 gezeigt. Alarmierend dabei war: Etwa jede dritte Befragte nimmt an, die Mammographie schütze sie vor Brustkrebs - was falsch ist. Mit der Mammographie lassen sich Tumore höchstens entdecken.

Das soll künftig besser werden. Ab Mitte des nächsten Jahres werden überarbeitete Einladungsschreiben verschickt, das überarbeitete Merkblatt voraussichtlich schon Anfang des Jahres. Das hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) vor Kurzem beschlossen. Der G-BA entscheidet darüber, welche Leistungen die gesetzliche Krankenversicherung bezahlt. Vorschläge für die Überarbeitung des Materials lieferte das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln. In einem zweiten Schritt soll das IQWiG das Einladungsmaterial zu einer "echten Entscheidungshilfe" weiterentwickeln.

Gelesen und verstanden?

In dem überarbeiteten Einladungsmaterial steht unter anderem, dass die Frauen vor der Mammographie das Recht auf eine mündliche Aufklärung durch einen Arzt haben. Das war bisher nicht so und für manche mit ein Grund, das Früherkennungsangebot auszuschlagen. Insgesamt gehen fast die Hälfte aller Eingeladenen nicht hin. Allerdings bezweifeln Kritiker wie die Vorsitzende des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin, Ingrid Mühlhauser, ob die Überarbeitung etwas bringt: "Wer sich wirklich informieren wollte, konnte das auch bisher schon sehr gut tun. Das Problem ist vielmehr: Es wird nicht überprüft, ob die Frauen das tatsächlich gelesen und verstanden haben, um eine so genannte informierte Entscheidung treffen zu können."

Mülhauser hätte sich mehr gewünscht – eine neue öffentliche Diskussion, bei der es darum geht, ob das "Nutzen-Schaden-Kosten-Verhältnis des Screening überhaupt angemessen ist". Mühlhauser zufolge fügen Screening-Programme zu vielen Frauen Schaden zu, um einer zu helfen.

Mehr kleine Tumore gefunden

Das Dilemma ist: Was die groß angelegte Früherkennung genau bringt, weiß man nicht. Wissenschaftler sprechen von ein, zwei oder fünf von 1.000 Frauen, die durch das regelmäßige Screening gerettet werden. Sicher ist: Es werden mehr kleine Tumore als früher entdeckt. Etwa 37 Prozent sind kleiner als ein Zentimeter. "Das ist für jede betroffene Frau ein Gewinn. Denn es bedeutet, dass sie eine schonendere Therapie bekommen kann, dass sie sogar vielleicht auf eine Chemotherapie verzichten kann", erklärt Klaus Koch. Er leitet das Ressort Gesundheitsinformation beim IQWiG in Köln.

Gesunde Frauen werden zu Patientinnen

Auf der anderen Seiten werden tausende Frauen in Angst und Schrecken versetzt - durch Fehlbefunde. Die Hälfte dieser falsch-positiven Befunde stellt sich nach weiteren Untersuchungen als harmlos heraus. Was Kritiker aber noch mehr anprangern, sind die so genannten Überdiagnosen. Damit sind Tumore gemeint, die der Betroffenen zeitlebens keine Probleme gemacht hätten: weil sie nur sehr langsam wachsen, sich spontan zurückbilden oder weil die Frau vorher an etwas anderem stirbt. Doch weil sich nicht sicher vorhersagen lässt, wie sich ein Tumor entwickeln wird, werden alle Betroffenen so behandelt, als hätte sie einen gefährlichen Krebs. Das heißt Operation, Bestrahlung, womöglich Chemotherapie, inklusive möglicher Spätfolgen. So werden aus nicht wirklich gefährdeten Frauen Patientinnen. Ob das nötig gewesen wäre, wird man im Einzelfall womöglich nie erfahren.

Uniklinik Münster führt Studie durch

Insgesamt schätzen die meisten Experten den Nutzen des Mammographie-Screenings jedoch höher als den Schaden ein. In Deutschland aber ist es noch zu früh, um sagen zu können, ob und wie sich das Screening auf die Sterblichkeit durch Brustkrebs auswirkt. Die Uniklinik Münster führt dazu eine Studie im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz durch. Mit den Ergebnissen wird im Jahr 2019 gerechnet.

Stand: 02.01.2016, 06:00