Kunststoff-Recycling noch zu teuer

Müllverbrennungsanlage in Köln-Niehl.

Kunststoff-Recycling noch zu teuer

In Deutschland werden 90 Prozent der Abfälle wiederverwertet. Klingt beeindruckend. Die Details sind jedoch ernüchternd. Denn "Verwertung" heißt in vielen Fällen Verbrennen in der Müllverbrennungsanlage, so wie hier in Köln-Niehl.

Damit Kunststoffe wiederverwertet werden können, gibt es seit Jahren gelbe Tonnen. Und die Menschen sind verpflichtet, brav ihren Abfall zu trennen. Aber wird das, was in der gelben Tonne landet, tatsächlich auch recycelt? Die Praxis zeigt, das ist längst nicht überall der Fall. In Köln werden nach Angaben der städtischen Müllgesellschaft AVG beispielsweise 5,7 Millionen Tonnen Kunststoff gesammelt, 99 Prozent davon werden wiederverwertet. Der Teufel steckt aber im Detail, denn nur ungefähr 42 bis 43 Prozent des Kunststoffs werden recycelt, 57 Prozent werden "energetisch verwertet", also verbrannt. Das entspricht bundesweiten Zahlen. In Deutschland wird knapp über die Hälfte des gesammelten Kunststoffs verbrannt.

Unternehmen verteidigen Müllverbrennung

Eine Gelbe Tonne steht in Gelsenkirchen zwischen einer Grauen Tonne und einer Blauen

Sammeln für die Müllverbrennung?

Andreas Freund, Geschäftsführer der AVG Köln, sieht darin nicht automatisch einen Nachteil. "Wir erzeugen mit dem Abfall Energie, da leiste ich meinen Beitrag zum Ressourcenschutz", argumentiert er. Dadurch würden am Ende fossile Brennstoffe eingespart. 

Am Wuppertal Institut forscht Henning Wilts zu Strategien für mehr Nachhaltigkeit im Umgang mit Ressourcen. Das Verbrennen von Kunststoffmüll sollte es aus seiner Sicht nicht geben. "Tatsächlich ist es so, dass wir bei Kunststoffen schon 40 Prozent recyceln", sagt Wilts. Das seien aber im Wesentlichen PET-Flaschen. "Wenn man die rausnimmt, dann bleibt halt noch viel übrig an Kunststoffen, die dann zu einem sehr hohen Anteil energetisch verwertet werden." Henning Wilts fordert deshalb eine Abfallhierarchie, die sagt: Zuerst wird geguckt, was kann stofflich wiederverwertet werden. "Und nur wenn das keinen Sinn macht und nicht möglich ist, soll verbrannt werden."

PET-Recycling: Was passiert mit unseren Plastikflaschen?

Von Andreas Sträter

Fleece-Decken, Handschuhe oder Zelte haben eins gemeinsam: Sie können mal PET-Flaschen gewesen sein. Denn aus dem Material lässt sich noch einiges herstellen. In 13 Bildern zeigen wir, was mit den Flaschen nach der Rückgabe passiert.

PET

96 Prozent der PET-Flaschen werden zurück gebracht
Zwei Drittel der Wasserflaschen, die in Deutschland verkauft werden, sind so genannte PET-Flaschen. PET, das steht für Polyethylenterephthalat – und ist ein Kunststoff aus der Familie der Polyester. PET-Flaschen gibt es in den unterschiedlichsten Farben, Größen und Formen. Wer PET-Flaschen zurück in den Supermarkt bringt, bekommt pro Flasche 25 Cent Pfandgeld ausgezahlt. Weil dieser Pfandpreis vergleichsweise hoch ist, werden nach Angaben des zuständigen Industrieverbandes über 96 Prozent zurück in die Geschäfte gebracht.

96 Prozent der PET-Flaschen werden zurück gebracht
Zwei Drittel der Wasserflaschen, die in Deutschland verkauft werden, sind so genannte PET-Flaschen. PET, das steht für Polyethylenterephthalat – und ist ein Kunststoff aus der Familie der Polyester. PET-Flaschen gibt es in den unterschiedlichsten Farben, Größen und Formen. Wer PET-Flaschen zurück in den Supermarkt bringt, bekommt pro Flasche 25 Cent Pfandgeld ausgezahlt. Weil dieser Pfandpreis vergleichsweise hoch ist, werden nach Angaben des zuständigen Industrieverbandes über 96 Prozent zurück in die Geschäfte gebracht.

Getränkeautomat presst Flaschen zusammen
Hinter dem Getränkeflaschen-Automaten befindet sich ein so genannter Kompaktor. Diese Maschine zerdrückt die Flaschen und verpresst sie zu Ballen. "So verringert sich das Transportvolumen und die Flasche ist zerstört, so dass sie nicht doppelt zurück gegeben werden kann", erläutert Katharina Istel, Referentin für nachhaltigen Konsum beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu) in Berlin, dem WDR.

Flaschen-Ballen werden in eine Recyclinganlage gebracht
Die Flaschen werden in Ballen abtransportiert – und anschließend in einer Recyclinganlage nach Farbe sortiert und gewaschen, erklärt Isabell Schmidt, die beim Industrieverband Kunststoffverpackungen in Bad Homburg für die Themen Umwelt und nachhaltige Entwicklung zuständig ist.

Aus Flaschen werden Flakes
Nachdem die Flaschen getrennt und gesäubert sind, wird das Material zu kleinen Flakes verarbeitet. Diese Flakes müssen in einer Lauge erneut gereinigt werden, damit alle Etikettenreste entfernt werden. Erst dann hätten die Flakes wieder die Qualität, um sie weiter verabeiten zu können, so der Industrieverband.

Was mit den PET-Flaschen passiert
Das PET-Flaschensystem ist kein geschlossenes Kreislaufsystem. Werden die Verschlüsse eingerechnet, entstehen durch PET-Flaschen jährlich etwa 450.000 Tonnen Kunststoffabfälle, sagt Nabu-Referentin Katharina Istel. Nach Angaben des zuständigen Industrieverbands werden aus etwa 26 Prozent der Abfälle wieder neue Flaschen hergestellt. 23 Prozent würden zu Fasern und 22 Prozent zu Folien recycelt – ein weniger hochwertiges Material als bei neuen Wasserflaschen. Etwa 20 Prozent gehen ins Ausland, der Rest wird verbrannt. Der Reutlinger Material-Wissenschaftler Kai Nebel kritisiert das PET-System: "Viele PET-Produkte sind unnötig, wenn man sich etwas Gedanken über Nachhaltigkeit und Regionalität macht."

Aus alten Flaschen werden neue PET-Behälter
Aus etwa einem Viertel der alten PET-Flaschen werden neue Flaschen hergestellt. "Laut Herstelleraussagen wäre technisch auch ein Anteil von 80 Prozent Alt-PET zur Produktion einer neuen PET-Flasche möglich", sagt Katharina Istel von der Nabu dem WDR. Doch es fehlten Anreize, mehr altes Granulat wieder einzusetzen. Für die Herstellung einer neuen Flasche wird aus dem eingeschmolzenen Material eine stäbchenartige Form gefertigt. Hals und Gewinde dieser so genannten Preform besitzen bereits die spätere Flaschenform. Bei etwa 250 Grad werden diese Formen schließlich zu Flaschen geformt. Bei den Getränkeherstellern und Mineralbrunnen werden die Flaschen anschließend vollautomatisch gefüllt, etikettiert und verschlossen.

Befinden sich Weichmacher in PET-Flaschen?
Bei dem Kunststoffnamen PET denken Verbraucher oft an Stoffe, die als Weichmacher eingesetzt werden und negative Auswirkungen auf den Hormonhaushalt haben. Das Bundesamt für Risikobewertung gibt diesbezüglich allerdings Entwarnung. Schmeckt das Wasser aus den Flaschen süßlich, kann das an dem Stoff Acetaldehyd liegen, der bei der Herstellung und Lagerung von PET-Flaschen entsteht und schon in kleinen Dosierungen zu schmecken ist. Laut Bundesamt würden die EU-Grenzwerte hierbei nicht überschritten.

Aus Flaschen wird Fleece
Um aus alten PET-Flaschen Polyesterfäden herzustellen, müssen die Plastikflaschen-Flakes zunächst eingeschmolzen, eingefärbt und zu dünnen Fäden verarbeitet werden. Polyester ist ein vielfältig einsetzbarer Kunststoff. Für einen Fleecepullover werden etwa 16 Flaschen benötigt – ähnlich sieht es bei Wolldecken aus, die zu 100 Prozent aus Polyester bestehen. Textilien aus Polyesterfasern können sich leicht elektrisch aufladen, sind aber nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung unbedenklich. Weil Fleece-Produkte leicht entzündlich seien, bestünde allerdings eine hohe Brandgefahr, sagt Kai Nebel, Experte für textile Verfahrenstechnik und interaktive Materialen an der Reutlingen University. "Das ist gerade für Kinder gefährlich", ergänzt er.

War das Handschuhfutter mal eine PET-Flasche?
Das innere Futter dieser Handschuhe besteht ebenfalls zu 100 Prozent aus Polyester: "Ob es sich bei solchen Produkten um Recycling-PET handelt, ist auf dem Etikett nicht erkennbar", sagt Isabell Schmidt vom Industrieverband Kunststoffverpackungen. "Es sei denn, der Hersteller wirbt damit. Ansonsten unterscheidet sich das Polyester aus der Recycling-Waren nicht von anderem Polyester", ergänzt sie. Nach Angaben der Nabu steckten aber in vielen Textilien alte PET-Flaschen, weil das Material nach dem Recycling sehr hochwertig sei.

Polyester – eine beliebte Faser im Outdoor-Bereich
Polyester gilt in der Textilindustrie als sehr pflegeleicht. "Dabei handelt es sich um eine sehr hochwertige Faser – hochwertiger, als mancher Verbraucher vielleicht zunächst denkt", sagt Jörg Dahringer, der bei einer Firma für Polyesterfasern in Hattersheim in Hessen für die Produktentwicklung zuständig ist. Vor allem im Outdoor-Bereich werde Polyester verarbeitet. Schlafsäcke, Sonnensegel, Rucksäcke oder Zelte werden zum Beispiel aus der synthetischen Faser hergestellt. Als Vorteil erweise sich, dass das Material nur wenig Wasser aufnehme. Der Reutlinger Material-Wissenschaftler Kai Nebel fragt sich, ob diese Produkte wirklich nötig sind: "Eine PET-Funktionsjacke mag nützlich sein, wenn ich den Mount-Everest besteigen möchte, meine Kinder können aber ohne diese Funktions-Kleidung in den Kindergarten."

Recyceltes PET kann sich in unzähligen Produkten wiederfinden
Aus recyceltem PET können auch neue Produkte fürs Büro – zum Beispiel Ablagekörbe ode Sammelordner – hergestellt werden. "Polyester findet sich heutzutage in vielen Produkten", erklärt Produktentwickler Jörg Dahringer dem WDR. In Hygiene-Produkten wie in Feuchttüchern werde ebenso Polyester verarbeitet wie in Bettenfüllungen, Mehrwegtaschen oder in Kofferraum-Auskleidungen. Auch Sportunterwäsche werde in der Regel aus Polyester hergestellt, sagt Dahringer.

PET-Recycling: Ökobilanz fällt schlecht aus
Der Aufwand beim Recycling von PET-Flaschen sei riesig und verbrauche sehr viel Erdöl, erklärt Kai Nebel von der Reutlingen University. "Aber Recycling ist besser als PET-Müll ins Meer zu werfen", ergänzt der Experte für textile Verfahrenstechnik. Nebel empfiehlt Mineralwasser in Glasflaschen zu kaufen. Dabei sei es wichtig, darauf zu achten, dass das Wasser aus der Region kommt. "Denn je geringer die Transportentfernungen von der Abfüllanlage zum Händler, desto besser ist die Umweltbilanz", sagt Nachhaltigkeitsreferentin Katharina Istel. Wer Mehrweg-Flaschen kaufe, schone die Umwelt. Mehrwegflaschen aus Plastik können bis zu 25 mal wieder befüllt werden. Erst dann müssen auch sie recycelt werden.

Eine Belastung für Gewässer und Meere
Wenn Materialien aus recyceltem PET unkontrolliert in die Umwelt geraten, sei das sehr schädlich für das Ökosystem. "Eine PET-Flasche braucht 400 Jahre bis sie zu Mikroplastik wird – damit schädigen wir der Nachwelt", sagt Wissenschaftler Kai Nebel. Nabu-Referentin Katahrina Istel ergänzt, dass sich bei Polyestertextilien kleine Plastikpartikel in der Waschmaschine lösen können, die so ungefiltert in die Gewässer und Meere gelangen. "Diese Kritik gilt unabhängig davon, ob diese Textilien aus alten PET-Flaschen oder aus neuem Kunststoff hergestellt sind."

Der Markt bevorteilt die Müllverbrennung

zerdrückte Plastikflasche am Strand.

Plastik findet sich nahezu überall.

Die Europäische Union schreibt vor, dass Recycling immer Vorrang vor der Verbrennung haben sollte. In Deutschland nimmt die Müllverbrennung von Kunststoff aber sogar zu. Zwischen Müllverbrennern und Recycling-Betrieben tobt ein harter Wettkampf um den Plastik-Müll. Oft gewinnen die Müllverbrenner, auch deshalb, weil das Verbrennen weniger kostet als das Recyceln.

Das Problem ist das Sortieren des Plastikmülls. Um Kunststoff recyceln zu können, müssen die verschiedenen Kunststoff-Sorten erst voneinander getrennt werden. Einweg-Flaschen bestehen aus einem anderen Kunststoff als zum Beispiel Chipstüten. Joghurtbecher wiederum sind aus einem anderen Plastik als Zahnpasta-Tuben. Aber: Sortieranlagen sind teuer.

Hinzu kommt, die Preise für den Sekundär-Rohstoff aus Plastikmüll sind niedriger als der für Original-Rohstoff. Klar, welche Wahl die Kunststoff-Industrie unter diesen Umständen trifft. Und nur wenige Entsorger investieren in die teure Sortiertechnik. Die meisten entscheiden sich für das billigere Verbrennen. Dadurch kommt das Kunststoffrecycling in Deutschland kaum voran.

Vorstoß aus dem Bundesumweltministerium

Auch das geplante Wertstoffgesetz von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks aus dem Oktober 2015 scheint inzwischen gescheitert. Sie wollte damit eine Recyclingquote von mindestens 72 Prozent der Kunststoffabfälle aus privaten Haushalten durchsetzen. Dazu sollte aus der bisherigen gelben Tonne eine Art Gesamt-Wertstofftonne werden: Neben Verpackungen sollten da auch solche Kunststoffabfälle rein, die bisher noch nicht vom Recycling-System erfasst wurden. Zum Beispiel die Gummiente oder der Plastikeimer.

Die Kommunen, die die neuen Tonnen hätten einführen müssen, waren aber mit den Details nicht einverstanden. Andreas Freund von der AVG Köln hat das Wertstoffgesetz bereits abgeschrieben. "Vom Grunde her ist es daran gescheitert, dass sich die private und die öffentliche Seite nicht einigen konnten, wer letztendlich für die Sammlung zuständig ist."

Müllvermeidung - nur ein Tropfen auf dem heißen Stein

Plastiktüten

Plastiktüten - inzwischen nur noch gegen Geld

Der dritte Ansatz für weniger Plastikmüll: Ein massiver Verzicht auf Kunststoff in Industrie und Haushalten. Diesen Ansatz verfolgt zum Beispiel die EU mit einer neuen Verordnung. Danach dürfen Geschäfte Plastiktüten nicht mehr kostenlos abgeben.

In England, wo die Zwangsgebühr seit Oktober 2015 gilt, ging der Verbrauch um über 80 Prozent zurück. Klingt großartig. Doch auch das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, meint Henning Wilts vom Wuppertal Institut: "Bei mir macht sich so `ne gewisse Frustration breit bei dem, was man selber tun kann", sagt er. Er hofft darauf, dass ein Markt für Recycling-Kunststoff entsteht, damit Unternehmen Verpackungen sortenrein erfassen. "Sich darauf zu verlassen oder nur dem Bürger zu sagen, hier, mach du mal, ist, glaub´ ich, zu wenig."

Autorin des Radiobeitrags ist Eva Wolk.

Stand: 11.10.2016, 09:59