"Varoufakis hat sein Ziel erreicht"

Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis auf dem Weg zu einem Statement nach dem gewonnen Referendum am 5. Juli 2015

Verhaltensökonom zur Griechenlandkrise

"Varoufakis hat sein Ziel erreicht"

Sieg beim Referendum, doch Rücktritt als Finanzminister: Yanis Varoufakis verblüfft erneut. Er gilt als Fachmann für Spieltheorie. Welche Regeln gelten im Poker um Griechenlands Schuldentilgung? Nicht nur rationale, sagt Verhaltensökonom Matthias Sutter.

WDR.de: Griechenlands Regierung hat das Referendum gewonnen. Trotzdem tritt der Finanzminister zurück. Hat sich Varoufakis verzockt?

Matthias Sutter: Er hat erreicht, was er wollte: Dass sich das Volk gegen die – zum Abstimmungszeitpunkt nicht mehr ganz gültigen – EU-Pläne ausgesprochen hat. Laut Medienberichten kam die Idee für das Referendum ja von Varoufakis. Dieses wesentliche Ziel hat er also erreicht. Vielleicht war ihm das genug. Auf der anderen Seite hat er heute Morgen gesagt, dass es für weitere Verhandlungen mit den EU-Geldgebern hilfreich sei, wenn er nicht mehr am Tisch sitzen würde. Das zeigt, dass man zwar bestimmte Strategien verfolgen kann, die menschliche Chemie aber ein wichtiger Faktor ist.

WDR.de: Hält die Spieltheorie Erklärungen bereit, weshalb sich der Konflikt so verschärft hat?

Sutter: Nicht wirklich. Eine spieltheoretische Analyse ist nichts anderes als ein mathematisches Instrumentarium. Dabei muss zunächst definiert werden: Wer hat miteinander zu tun, wer sind die sogenannten Spieler. Das hat aber nichts mit Roulette oder Casino-Spieltischen zu tun, sondern schlicht und einfach mit der Frage: Welche Akteure sind hier tätig? Welche Optionen stehen ihnen offen? Und wir wirken sich Entscheidungen bestimmter Akteure auf alle Akteure aus? Eine spieltheoretische Analyse führt unter strengen Annahmen zu klaren Ergebnissen. Aber diese Annahmen sind ganz häufig in der Realität nicht erfüllt.

WDR.de: Was bedeutet das im Fall Griechenland?

Sutter: Es ist sehr schwer eine spieltheoretische Analyse zu machen, wenn man nicht genau weiß, was noch alles möglich ist. Wir wissen nicht, welche Trümpfe die drei Institutionen IWF, EZB und EU-Kommission noch zur Verfügung haben. Das Referendum war eine vollkommen neue Alternative, die von der griechischen Seite aus dem Hut gezaubert wurde.

Mit dieser Unübersichtlichkeit haben beide Seiten zu kämpfen. Deshalb ist die Vorstellung "Varoufakis ist ein Kenner der Spieltheorie, der alles durchrechnet und im Blick hat" falsch. Das klappt so in der Realität nicht. Denn es setzt voraus, dass wir uns alle super rational verhalten. Dem ist aber nicht so. Es geht neben der Vernunft noch um viele andere Dinge - wie "das Gesicht nicht zu verlieren", als Regierung "das Volk hinter sich zu wissen", als EU "auf die Einhaltung der Regeln zu pochen". Da geht es nicht nur um rationales Verhalten.

WDR.de: Nach welchen Regeln wird denn überhaupt gespielt?

Bundeskanzlerin Angela Merkel (2.v.r.), der französische Präsident Francois Hollande (l.) und der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras (r.)  sitzen am 26.06.2015 - zu Beginn des zweiten Tags des EU-Rates - in Brüssel, Belgien, zusammen

Verhandeln hart: Francois Hollande, Angela Merkel und Alexis Tsipras

Sutter: Es ist immer ein Machtkampf, wer die Regeln aufstellt. Wenn jemand Geld von anderen braucht, sind normalerweise die Geldgeber die Mächtigen, die sagen zu welchen Konditionen sie das Geld weggeben. Aber bei der griechischen Krise ist es für die EU-Institutionen natürlich auch eine Frage: "Können wir tatsächlich ein Mitgliedsland in die Zahlungsunfähigkeit schlittern lassen?" Das gibt den Griechen relativ viel Spielraum. Darum gab es auch die sehr guten Angebote kurz vor dem Referendum. Man hört ja, dass Merkel und Hollande noch relativ großzügige Angebote auf den Tisch gelegt hätten, die danach aber doch nicht gereicht haben.

WDR.de: Wer bestimmt letztlich die Regeln?

Sutter: Das tun beide Akteure: die EU-Institutionen und die griechische Regierung. Natürlich gibt es Richtlinien, nach denen Notfallkredite oder Milliardenhilfen vergeben werden können. Dieser Rahmen ist vorhanden. Aber wie die Verhandlungen über die Konditionen geführt werden, ist ein Prozess, der sich häufig erst am Tisch ergibt.

WDR.de: In Teilen der deutschen Öffentlichkeit werden die Griechen als Zocker wahrgenommen. Verhalten sich auch die drei Institutionen als Spieler?

Sutter: Ich mag das Wort Zocker überhaupt nicht. Richtig ist, dass alle beteiligten Parteien klare Interessen haben und mit sehr hohen Einsätzen spielen. In unserer Wahrnehmung ist in Griechenland offenbar noch Sparspielraum vorhanden. Der wichtigste Punkt aus meiner Sicht ist aber, dass jetzt eine Volkswirtschaft nicht weiter alimentiert wird mit Milliarden, sondern endlich etwas tut, um wettbewerbsfähiger zu werden. Deshalb trifft das Wort Zocker nicht den Kern, worum es eigentlich geht.

WDR.de: Nun werden die Karten neu gemischt. Hält die Spieltheorie Tipps für die Beilegung einer Schuldenkrise bereit?

Sutter: Was das ganze Drama zeigt, ist, dass man mehr miteinander sprechen und guten Willen haben sollte. Das klingt vielleicht naiv. Aber ich glaube tatsächlich, dass die Chemie zwischen den Akteuren stimmen muss. Und dass man sich mal an Abmachungen halten muss, auch wenn es weh tut. Andere Länder in Europa haben auch vorexerziert, dass es, wenn es weh tut, trotzdem machbar ist. Ich nenne nur Portugal, Irland und Spanien. Das sollte man auch von so einer hoch entwickelten Demokratie wie der griechischen einfordern können.

Das Interview führte Dominik Reinle.

Stand: 06.07.2015, 13:45