Schlank durch Gendiät?

Schlank durch Gendiät?

Von Verena Kauzleben

Abnehmen ohne Hungern und Jo-Jo-Effekt, das soll ganz einfach sein mit einer Gendiät. Dabei soll ein Gentest verraten, welches Essen einen dick macht und mit welcher Sportart man abnimmt. Doch das derzeitige Angebot hält einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand.

Die Gendiät findet immer mehr Anhänger. Über 1.000 Berater deutschlandweit bringen den Test an den optimierungswilligen Mann oder die optimierungswillige Frau. Will man sich testen lassen, genügt eine Speichelprobe für den Gentest. Die Kosten betragen ungefähr 200 Euro. Nach zwei Wochen erfährt man vom Berater, ob man eher Fett, Kohlenhydrate oder Proteine meiden sollte, um abzunehmen. Der Berater erstellt anschließend individuelle Ernährungs- und Sportempfehlungen. Und es kann losgehen mit der Diät nach Genotyp.

Gene steuern unser Körpergewicht nur in Maßen

Tatsächlich ist es so, dass Gene das Körpergewicht beeinflussen, wie zahlreiche Zwillingsstudien zeigen. Aber der Einfluss liegt je nach Studie nur bei 50 bis 70 Prozent. Der Rest wird von anderen Faktoren bestimmt wie Umwelteinflüssen, dem Essverhalten, den Darmbakterien und wie aktiv sich der Alltag gestaltet. Und auch Gene an sich sind alles andere als beständig: Sie verändern ihre Wirkweise je nach Umwelteinflüssen, wie die Epigenetik zeigt. Insgesamt gibt es so viele Variablen, dass zwei Menschen mit identischer Genausstattung vollkommen unterschiedlich dick oder dünn sein können.

Gene noch weitestgehend unbekannt

DNA-Strang

Ein weiteres Hindernis für das Konzept einer Gendiät: Wir kennen die Gene, die unser Gewicht beeinflussen, noch gar nicht alle. Eine aktuelle, in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studie zeigt den Stand der Forschung: 97 Gene stehen sicher im Zusammenhang mit dem Body-Mass-Index. Sie bestimmen aber nur rund 2,5 Prozent des Körpergewichtes. Es gibt also noch viel mehr steuernde Gene, die man noch nicht kennt. Und der Gentest des Gendiät-Anbieters untersucht gerade mal sieben dieser Gene.

Keine Studien zu Diäterfolg

Gäbe es aussagekräftige Studien, die belegten, dass sich dank genorientierter Ernährung abnehmen lässt, wären sie das schlagkräftigste Argument für die Gendiät. Aber einen solchen Beleg gibt es nicht. Das schreibt auch das Unternehmen auf seiner Internetseite in blassgrauer Schrift unter "rechtlichen Hinweisen". Aussagekräftig wäre eine solche Studie nur unter einer Vielzahl von Bedingungen: Es bräuchte immens viele Probanden, um mögliche winzige Effekte zu identifizieren. Die Probanden müssten sich mindestens ein Jahr lang strikt nach Vorgaben ernähren. Laut Forschern ist das schwierig, da sich Ernährung selten objektiv kontrollieren lässt. Wer weiß schon, was am Mittag im Kantinenessen genau enthalten ist - und eventuell wird auch nicht jedes Bonbon oder Mittagssnack zugegeben. Und die Studie müsste randomisiert, doppel-blind und natürlich plazebo-kontrolliert durchgeführt werden. Kurz gesagt: In naher Zukunft ist nicht mit einer wissenschaftlich fundierten Gendiät zu rechnen.

Erfolg durch herkömmliches Diätkonzept

Trotzdem häufen sich Berichte über Menschen, die sagen, sie hätten dank dieser Gendiät abgenommen. Verwunderlich ist das nicht. Denn das Unternehmen empfiehlt die Genetik nur als einen Baustein im Rahmen eines herkömmlichen Abnehmkonzeptes mit Sport und Ernährungsberatung. Inwiefern der Erfolg also auf den Gentest zurückzuführen ist, lässt sich nicht beurteilen.

Es bleibt bei den herkömmlichen Diätempfehlungen

So werden Ernährungswissenschaftler in den kommenden Jahren wohl leider keine Gendiäten empfehlen können. Es bleibt bei den altbekannten Empfehlungen von ausgewogener Ernährung, wenig industriell verarbeiteter Nahrung wie Fertiggerichten, Sport und langsamem Essen.

Stand: 03.01.2016, 11:00