Ballerspiele machen noch keinen Amokläufer

Doktorandenserie, Liedtke, Counter Strike

Junge Forscher in NRW

Ballerspiele machen noch keinen Amokläufer

Von Maria Braun

Killerspiele am Computer stehen in dem Ruf, ihre Spieler aggressiv und gewalttätig zu machen. Das wollte die Jurastudentin Arabella Liedtke aus Dortmund genauer wissen. Sie untersuchte, ob regelmäßige Zocker potenzielle Amokläufer sind.

Auf den ersten Blick passt bei Arabella Liedtke manches nicht zusammen: Weil sie unbedingt Anwältin werden wollte, hat sie als Model gearbeitet. Und weil sie nach dem Jura-Studium unbedingt ihren Doktor machen wollte, hat sie Stunden vor dem Computer verbracht und Baller-Spiele gezockt. Punkt eins lässt sich schnell erklären, denn die mittlerweile 32-Jährige hat sich ihr Jura-Studium in Münster durch Laufsteg-Jobs und Bikini-Shootings finanziert. Und die Sache mit den Baller-Spielen? Schon während des Studiums war Liedtke klar, dass sie promovieren will und sich mit schwerer Kriminalität, am liebsten mit Tötungsdelikten beschäftigen möchte. Mit einem Professor aus dem Fachbereich Kriminologie von der Uni Bochum fand sie schließlich das geeignete Thema: Sie wollte herausfinden, ob das regelmäßige Spielen von Counter-Strike Faktoren begünstigt, die zu Amokläufen an Schulen führen. Ihre Doktorarbeit hat sie gerade abgegeben.

Mal ist man Terrorist, mal Polizist

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Arabella Liedtke arbeitet als Strafverteidigerin

"Am Computer habe ich zwar immer gerne gespielt, aber eher Rollenspiele. Mit sogenannten Ego-Shootern, zu denen auch Counter-Strike gehört, kannte ich mich überhaupt nicht aus", sagt Liedtke, die mittlerweile als Strafverteidigerin in Dortmund arbeitet. In Counter-Strike geht es um Gefechte zwischen Terroristen und einer Antiterroreinheit. Jedes Team hat einen Auftrag, der durch das Erschießen des Gegners erfüllt werden kann. Als Spieler gehört man abwechselnd zum Team der Polizisten oder zu den Terroristen. 

Um ein Gefühl für das Spiel zu bekommen, setzte sich Liedtke während ihrer Doktorarbeit für mehrere Stunden täglich vor den Bildschirm und zockte: "Man braucht für Counter-Strike eine hohe Frustrationstoleranz, weil das Spiel so schwierig ist. Nach fünf bis sechs Stunden war ich immer total erschöpft und habe mich gefühlt wie ein Loser, weil ich nie jemanden getroffen habe", sagt sie.

Amoklauf im Chat angekündigt

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Die Karte des Amokläufers von Emsdetten zeigt die Aula seiner Schule

Für ihre Arbeit sprach Liedtke mit Profi-Zockern und Amateuren. Viele Profi-Zocker verdienen ihren Lebensunterhalt mit dem Spielen von Counter-Strike. Manche finden einen Sponsor, wie etwa einen Elektronikkonzern, der ihnen ein Grundgehalt zahlt. Aufbessern können sie ihr Gehalt durch Preisgelder, wenn sie bei Turnieren erfolgreich spielen. Die Anzahl der Amateure überwiegt natürlich. Einer von ihnen war für Liedtke ein besonders interessanter Gesprächspartner: Ein Schüler aus dem Sauerland, der einen Amoklauf an seiner Schule geplant hatte. Sie besuchte den jungen Mann in der Psychiatrie. "Er hatte sich mit Hilfe von Counter-Strike eine Karte erstellt, die seine Schule zeigte", erzählt Liedtke. Als er seinen Amoklauf in einem Chat ankündigte, wurde die Polizei auf ihn aufmerksam und machte eine Hausdurchsuchung. Erst spätere Taten, wie etwa der Versuch seine Freundin zu erstechen, führten dazu, dass der Schüler dauerhaft in die Psychiatrie musste.

Eine ähnliche Karte fanden Polizisten auch an der Schule in Emsdetten, wo Bastian B. 2006 Amok lief und schwer bewaffnet seine Realschule stürmte. Bastian B. hatte mit Hilfe von Counter-Strike Karten seiner Schule erstellt, die detailgetreu die Aula, das Treppenhaus oder einzelne Klassenzimmer zeigten. "Er war ein sehr fanatischer und regelmäßiger Spieler, wie sich später herausstellte. Aber obwohl er sehr viel gespielt hatte, traf er an seiner Schule niemanden tödlich." In Emsdetten wurden fünf Menschen durch Schüsse verletzt. Bastian B. tötete sich am Ende selbst mit einem Schuss in den Mund.

Mehr Strategie, weniger Ballern

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Liedtke hat die Karten des Amokläufers von Emsdetten in ihrer Doktorarbeit abgedruckt

Auch die Amokläufer in Winnenden (2009) und Erfurt (2002) waren regelmäßige Counter-Strike-Spieler, aber Liedtke kam am Ende ihrer Arbeit dennoch zu dem Schluss, dass es keinen Zusammenhang gibt. "Durch die Interviews mit langjährigen Spielern konnte ich feststellen, ob sie sich im Lauf der Zeit verändert hatten. Ich untersuchte, ob sich in ihrer Persönlichkeit Eigenschaften herausgebildet hatten, die zur Umsetzung einer solchen Tat beitragen können. In meinen Fragenkatalog habe ich Diagnosekriterien einbezogen, die auf psychische Krankheiten oder Störungen schließen lassen." Dabei griff Liedtke auf genormte Fragen nach der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) zurück. "Von Gesprächen mit Psychologen hätte ich keinen neuen Erkenntnisgewinn erwartet. Nur durch meine zahlreichen Interviews mit Spielern aus verschiedenen Gruppen, wie Profis, Halb-Profis und Amateuren, ließen sich verschiedene Auswirkungen unterschiedlichen Spielverhaltens ausmachen."

Für Liedtke sind Amokläufer demnach die Ausnahme von Tausenden, die das Spiel in ihrer Freizeit spielen. In ihren Interviews stellte sich außerdem heraus, dass die Spieler sich selbst nicht als agressiv einschätzten. Weder während des Spiels noch danach. "Auch die Lust mal in der Realität zu schießen, sei nach eigener Einschätzung nicht größer geworden, denn Counter-Strike ist eher ein Strategie- als ein Killerspiel." Nicht selten hätten Profi-Spieler berichtet, dass sie acht Stunden oder länger das Spiel spielten, ohne dass ein einziger Schuss falle. Auch Liedtke hatte während ihrer stundenlangen Zockerei ein ähnliches Gefühl: "Bei Counter-Strike geht es mehr um Taktik als ums Schießen."

Stand: 21.01.2015, 12:00