Weniger CO2 durch Suchmaschinen?

Dr. Tilman Santarius, Soziologe und Ökonom

Weniger CO2 durch Suchmaschinen?

  • Googeln ist schlecht für den Planeten
  • Musikdownloads sind nachhaltiger als CDs oder Vinyl
  • Wissenschaftler diskutierten in norditalienischem Bergdorf

Das kleine Dorf Toblach in den italienischen Alpen wurde am Freitag (29.09.2017) für drei Tage zur Denkfabrik. Wie können unser Leben, unser Konsum und unsere Mobilität nachhaltiger werden? Der Soziologe und Ökonom Dr. Tilman Santarius hat schon mehrfach an den Toblacher Gesprächen teilgenommen und beleuchtet in diesem Jahr, wie die Digitalisierung zu mehr Nachhaltigkeit verhelfen kann. 

WDR: Widerspricht Digitalisierung nicht dem Gedanken der Nachhaltigkeit, wenn man zum Beispiel an den Online-Handel denkt? Der fördert doch gerade den Konsum?

Online-Shopping

Online-Shopping liegt im Trend

Santarius: Ja, das ist richtig. Wir sehen, dass der Online-Handel jedes Jahr um satte 10 Prozent zunimmt. Das wäre ja noch nicht weiter dramatisch, wenn gleichzeitig der sogenannte Offline-Handel, also der stationäre Einzelhandel dann in entsprechendem Maße sinken würde oder sogar noch stärker sinken würde – dann würden wir uns vielleicht, was den Konsum betrifft, langfristig auf nachhaltige Niveaus senken. Aber das ist leider nicht der Fall, der Online-Handel steigt an und der stationäre Einzelhandel steigt auch an, wenn auch langsam. Insgesamt führt Digitalisierung also dazu, dass der Konsum angekurbelt wird und das ist natürlich aus ökologischer Sicht nicht zufriedenstellend.

WDR: Gucken wir uns doch mal ein positives Beispiel. Sind Musikdownloads ein gutes Beispiel für Nachhaltigkeit?

Santarius: Ja, das könnte ein gutes Beispiel sein, wenn man bislang sehr viel Musik bislang auf CDs oder Schallplatten gehört hat, die man sich selber im Geschäft erworben hat  - und möglicherweise noch mit dem Auto dorthin gefahren ist.  Es kommt immer drauf an, wie beschafft man sich die Musik und der Download von mp3 kann schon erheblich CO2 einsparen. Problem ist das Gerät, denn der mp3-Player selber muss ja erstmal hergestellt werden. Und der fällt dann doch mit weit über 100 Kilogramm CO2 für ein durchschnittliches Gerät erheblich ins Gewicht. Also man fängt in der Regel erst nach 500 oder 600 heruntergeladenen Songs überhaupt an, langsam ökologisch einzusparen.   

WDR: Ok, also doch nicht so nachhaltig, wo passen denn Digitalisierung und Nachhaltigkeit wirklich zusammen?

Santarius: Im Bereich der Mobilität. Wenn wir den öffentlichen Personennahverkehr radikal durchdigitalisieren, wenn es für Menschen in Städten möglich ist, "on the go" per Smartphone verschiedene Verkehrsträger miteinander zu verknüpfen und auch durchzubuchen, sodass man also zu Hause losfährt mit einem Leihfahrrad oder von mir aus mit der U-Bahn oder der S-Bahn, dann in ein anderes Verkehrsmittel einsteigt – am Ende noch ein Carsharing nimmt. Dann kann so ein digitales öffentliches Nahverkehrssystem den Autoverkehr in den Städten zurückdrängen, die Lebensqualität, die Luftqualität verbessern – ich denke, hier gibt es tolle neue Möglichkeiten mit der Digitalisierung neue, nachhaltigere Infrastrukturen aufzubauen.

WDR: Kommen wir mal zu einem Kern der Digitalisierung, den Suchmaschinen wie google. Ist googlen eigentlich nachhaltig?

Die Webseiten der Internet-Suchmaschinen Google, Yahoo, bing und Ask

Suchanfragen kosten Energie

Santarius: Einige Berechnungen sind davon ausgegangen, dass eine einzige Suchanfrage bei Google sogar bis zu 4 Wattstunden Strom kosten könnte. Das wäre natürlich eine Menge – das wäre so wie eine Stunde eine Energiesparlampe brennen lassen – nur für einmal klicken! Google selber sagt, es sind nur 0,4 Watt. Warum ist das überhaupt so viel? Weil ja schon beim Eintippen mehrere Server im Hintergrund damit beschäftigt sind, die Suchanfrage zu bearbeiten – das kostet alles Energie. Dadurch, dass es so einfach geworden ist, zu suchen, tippen viele Menschen den Suchbegriff direkt bei Google ein. Und werden dann auf die Wikipedia-Seite umgelenkt. Anstatt selber erstmal www.wikipedia.de einzugeben und dort gleich zu suchen. Das würde wesentlich weniger Energie kosten.

WDR: Nun gibt es ja Suchmaschinen, die versprechen den Regenwald retten zu können. Funktioniert das?

Santarius: Das macht zum Beispiel Ecosia – das finde ich auf jeden Fall ein gutes Konzept. Die sagen: Na gut, Suchmaschinen laufen nun mal übers Werbegeschäft. Wir nehmen wenigstens 80 Prozent der Werbeeinnahmen und geben sie in ökologische Projekte, zum Beispiel um Bäume zu pflanzen und damit CO2 der Atmosphäre zu entziehen. Das ist sicherlich gut.

Denn nicht zuletzt die Werbung im Internet führt ja dazu, dass der Konsum so drastisch ansteigt, dass das ganze Internet inzwischen zu einer riesigen Werbemaschinerie geworden ist, ist bedauerlich. Und insofern gibt es Suchmaschinen, die das ganze Spiel nicht mehr mitspielen. Nehmen Sie startpage, duck duck go oder ghostery, die dann keine Informationen mehr über Sie persönlich liefern, die man ausschlachten könnte, für Werbezwecke.

Stand: 13.10.2017, 17:17