Digitale Schule – Zukunft oder Realität?

Eine Schülerin verstaut einen Tablet-PC in einem Schulranzen

Digitale Schule – Zukunft oder Realität?

Von Katja Goebel

  • Vielen Schulen fehlt es an Geld, Geräten und Netzkapazitäten
  • Aktuelle Studie deckt Probleme auf
  • Fördergelder, Sponsoren und Hartnäckigkeit können helfen

Seit Jahren schon soll sich die digitale Bildung im Klassenzimmer verbessern. Eine "Digital-Offensive" forderte die Landesregierung unlängst und will bis 2017 sogar digitale Schulbücher entwickeln. Beim Deutschen Schulleiterkongress in Düsseldorf steht das Thema ab Donnerstag (03.03.2016) ebenfalls weit oben auf der Agenda. Das klingt, als stehe digitales Lernen längst auf dem Standard-Stundenplan. Doch wie steht es aktuell tatsächlich um angemessene Ausstattung, funktionierendes WLAN, passende Unterrichtsmaterialien und geschulte Lehrer an NRW-Schulen? Wer zahlt das alles? Und woran liegt es, dass einige Schulen in NRW sich "Medienschule" nennen und andere dem digitalen Zeitalter regelrecht hinterher hinken müssen? Der WDR hat bei einigen Schulen im Land nachgefragt.

Gesamtschule in Essen

"Wir sind da nicht so weit vorne", sagt Ulrike Pelikan, wenn man die Schulleiterin auf die digitale Ausstattung der Gesamtschule Essen-Holsterhausen anspricht. "Wir haben 30 Laptops, kommen damit aber nichts ans Netz." WLAN? Fehlanzeige. "Es fehlen Anschlüsse, Schnittstellen und Räume mit Brandschutztüren, die für Räume, in denen Laptops lagern, vorgeschrieben sind." Ausstattung und Netzwerkbetreuung lägen in den Händen verschiedener Ämter und da "mahlen die Mühlen langsam." Schließlich müssten die Geräte extern gewartet, der Jugendschutz gewährleistet sein und Sperren eingerichtet werden, damit die Schüler später nicht zu allen Seiten Zugang hätten. Es mangele aber auch an Anwendungen. "Man muss immer fragen, wo digitale Medien pädagogisch überhaupt Sinn machen." Digitale Boards (elektronische Tafeln) seien für viele der Kollegen - außer in der Mathematik - gar nicht interessant. "Und ich habe selbst auch lieber ein Buch in der Hand und bringe die Kinder selber an die Arbeit." Fazit: Funktionierendes WLAN wäre schön, stehe aber auf der Prioritätenliste nicht ganz oben.

Gymnasium in Oberhausen

Die finanzielle Lage der Stadt ist für das Bertha von Suttner Gymnasium in Oberhausen der größte Bremsklotz in Sachen "Digitale Schule". So fehle schlicht das Geld für die digitale Ausstattung seiner Schule, sagt Schulleiter Michael von Tettau. Auf den von der Stadtverwaltung lange angekündigten Medienentwicklungsplan hat die Schule Jahre gewartet. Die Computer der Schule sind veraltet, nicht jedes Klassenzimmer habe Anschlüsse für Beamer oder Internet. "Neue Entwicklungen ziehen an uns vorbei. Aber es geht nicht nur um die Geräte. Jemand muss sie auch warten. Dafür hat die Stadt gar kein Personal." Selbst wenn sich ein Sponsor fände, brächte das die Schule nicht weiter. Da habe das Schulamt immer das letzte Wort. "Sie können die Geräte nicht einfach eigenmächtig anschließen." Michael von Tettau wünscht sich mehr Unterstützung von der Politik und Wirtschaft. "Wer digitale Medien einsetzen will, muss auch Geld in die Hand nehmen."

Die Digital-Offensive kommt an den Schulen oft nicht an, wie auch eine aktuelle Studie des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) zeigt. Tablet-PCs sind gerade mal an 24 Prozent der Schulen verfügbar, wie die bundesweite Umfrage bei über 500 Lehrern ergab. Jeder zweite Lehrer würde demnach gerne öfter digitale Medien einbinden. Doch 43 Prozent der Befragten gaben an, dass entsprechende Geräte fehlen. Zudem gibt es die Sorge, dass die Technik versagt oder der Aufwand im Vergleich zum Nutzen zu hoch ist.

Schülerinnen mit Kopfhörern an Bildschirmen

Digitales Lernen: Schülerinnen am Berufskolleg Brilon

Berufskolleg in Brilon

Das es auch anders geht, zeigt ein Blick ins Sauerland. Das Berufskolleg in Brilon ist fast so etwas wie eine Vorzeigeschule, wenn es um digitale Medien geht. Der Schulträger habe für die Ausstattung einen Kredit zu günstigen Konditionen aufgenommen. "Doch um an entsprechende Fördertöpfe zu kommen, muss man sich kümmern", sagt der stellvertretende Schulleiter Michael Schift. "Wir mussten gute Begründungen liefern, überzeugende Konzepte vorlegen und dran bleiben." Auch die Uni Paderborn sei als Geldgeber im Boot, weil die Schule dort im Gegenzug an einem Projekt teilnehme. "Wir haben auf Schulkonferenzen und Elternabenden auch Eltern überzeugt, ihren Kindern, statt einen teuren Taschenrechner lieber gleich ein Tablet mit in den Unterricht zu geben, das vielfältiger eingesetzt werden kann." In den sogenannten Laptopklassen bringen die Briloner Schüler seit Jahren ihre eigenen Geräte mit. Der Vorteil: Sie sind immer top gewartet. Der Schulträger sorgt für die entsprechenden Räumlichkeiten, Strom und WLAN. Standard im Unterricht sind unter anderem die Internetrecherche, Tabellenkalkulation mit Excel, ein digitales Klassenbuch oder eine App für Vertretungspläne.

Gesamtschule in Xanten

Flächendeckendes WLAN, über 100 gut gewartete Leihgeräte und Informatik in den Klassen 5 und 6 - nur drei gute Gründe, warum sich die Gesamtschule Xanten-Sonsbeck längst "Medienschule" nennt. Schulleiterin Regina Schneider geht bewusst andere Wege, um das digitale Lernen im Klassenzimmer voran zutreiben. "Wir haben das als Schulentwicklung begriffen." Für die Ausstattung hat sie Sponsoren gefunden oder Schulpreisgelder investiert. Ab Klasse 7 dürfen die Schüler eigene Geräte mitbringen. Die vorhandenen Geräte werden von einigen ausgesuchten Schülern, die sich Medienscouts nennen, gewartet und ausgegeben. "Es gibt Schulen, die sind besser ausgestattet als wir, aber trotzdem klappt es nicht", erklärt Regina Schneider. Beispiel: eigene Tablets im Unterricht. "Da braucht man Vertrauen in die Schüler. Das haben viele Lehrer einfach nicht."

Stand: 03.03.2016, 06:00