Die größte Katastrophe der Raumfahrt

Die größte Katastrophe der Raumfahrt

Von Marion Kretz-Mangold

Es schien ein Flug wie jeder andere zu werden: Die Challenger startete am 28.01.1986 ins All; an Bord sieben Astronauten und Nutzlast. Nur eine Minute später explodierte das Space Shuttle - eine der größten Katastrophen der Raumfahrtgeschichte.

Die Challenger wird von einer Spezial-Boeing nach Florida gebracht

Huckepack: Eine Boeing der Nasa bringt den Challenger-Orbiter im Sommer 1982 zum Kennedy Space Center, wo das Shuttle montiert wird. Denn streng genommen besteht die Challenger aus mehreren Komponenten: aus dem Orbiter, einem externen Treibstofftank und zwei "Boostern", die ihn ins All katapultieren sollen. Die gesamte Konstruktion ist 12.000 Tonnen leichter als die Columbia, was Treibstoff und damit Geld sparen soll. Ob die Challenger dann noch extreme Hitze und Erschütterungen aushält, wird lange getestet. Beim zehnten Flug geht es trotzdem schief.

Huckepack: Eine Boeing der Nasa bringt den Challenger-Orbiter im Sommer 1982 zum Kennedy Space Center, wo das Shuttle montiert wird. Denn streng genommen besteht die Challenger aus mehreren Komponenten: aus dem Orbiter, einem externen Treibstofftank und zwei "Boostern", die ihn ins All katapultieren sollen. Die gesamte Konstruktion ist 12.000 Tonnen leichter als die Columbia, was Treibstoff und damit Geld sparen soll. Ob die Challenger dann noch extreme Hitze und Erschütterungen aushält, wird lange getestet. Beim zehnten Flug geht es trotzdem schief.

Im November 1982 wird die fertige Raumfähre zur Startrampe geschoben. Den poetischen Namen verdankt sie übrigens einem Schiff, das Ende des 19. Jahrhunderts auf den Meeren kreuzte. Offiziell heißt sie schlicht OV-99, ihre erste Mission STS-6. Am 4. April 1983 ist es soweit: Die Challenger hebt zum Jungfernflug ab.

Vor dem Start gibt es technische Probleme, dafür läuft die Mission aber wie geplant. Und sie bringt gleich zwei Premieren: den ersten Weltraumausstieg und den ersten Test des Satelliten TDRS-1, der die Kommunikation mit der Erde verbessern soll.

Die Challenger-Missionen sind immer wieder gut für aufsehenerregende Bilder - wie der Nachtstart im August 1983 ...

... oder der Ausflug von Bruce McCandless im April 1984, der dank des neuen Rucksacks mit Stickstoff-Antrieb möglich wird. Ein Jahr vorher war die erste Frau im All, gefolgt vom ersten Afroamerikaner.

Dabei sieht alles nach einem Routineflug aus. Die Aufgaben der Mission STS-51-L sind definiert - ein neuer Kommunikationssatellit soll ausgesetzt werden. Der Starttermin steht...

... die Mannschaft auch: eine Mischung aus erfahrenen Piloten und "Neulingen". Und, wieder eine Premiere, eine Zivilistin: Christa McAuliffe, eine Lehrerin aus New Hampshire (li.) Sie soll vom All aus Unterricht abhalten und damit Jugendliche für Naturwissenschaften begeistern - und für die Weltraumforschung auch. Offiziell wird sie als Nutzlastspezialistin geführt.

"Ich fand, dass Frauen tatsächlich ausgeschlossen waren von einem der spannendsten Berufsfelder, die es gibt", schreibt sie in ihrer Bewerbung für das "Teacher in Space"-Programm, das US-Präsident Ronald Reagen initiiert hat. "Ich war bei der Geburt des Raumfahrtzeitalters dabei, und ich möchte gerne mitmachen." McAuliffe wird aus Tausenden von Bewerbern ausgewählt und avanciert schnell zum Liebling der Medien.

Am 28.01.1986 gehen McAuliffe und ihre sechs Team-Kollegen an Bord - sechs Tage später als geplant. Erst spielt die Technik nicht mit, dann das Wetter. Auch ist es jetzt bitterkalt am Kennedy Space Center, gerade mal zwei Grad. Viel zu kalt, warnt ein Ingenieur. Der Reporter Harro Zimmer, der damals für den RIAS im Kontrollzentrum ist, berichtet, er habe Eismassen am Shuttle gesehen. Die Nasa entscheidet sich trotzdem für den Start - getrieben von Spar- und Erfolgsdruck, wie es später kritisch heißt.

"Und in dieser Sekunde hebt die Challenger ab, und meine Kollegen hier im Kontrollzentrum brechen in Jubel aus", berichtet Zimmer um 17.38 Uhr MEZ. "Ich glaube, man kann die Steine von den Herzen der Nasa-Verantwortlichen buchstäblich plumpsen hören."

Aber dann, 73 Sekunden nach der Zündung, sieht er, wie die Triebwerke weg fliegen "in einer gewaltigen Explosion, wir müssen mal eine Sekunde beobachten, was passiert ... es sieht sehr seltsam aus."

Was der Reporter nicht weiß, die Experten aber vielleicht ahnen: Die Kälte hat eine Gummidichtung am rechten "Booster" porös werden lassen, das glühend heiße Wasserstoff-Sauerstoff-Gemisch im Triebwerk tritt aus. Der Beginn einer Kettenreaktion, die sich nicht stoppen lässt - und in einer gigantischen Explosion mündet.

Die Nasa muss Ursachenforschung betreiben: Wie konnte es zu dieser verheerenden Explosion kommen? Eine Stunde nach dem Unfall wird eine riesige Suchaktion zur See gestartet, um möglichst viele Trümmer zu bergen. 96 Tonnen schafft sie schließlich aus Hunderten von Metern Tiefe, darunter dieses Stück des Kommunikationssatelliten.

Trümmer, Fotos und Entscheidungswege werden analysiert. Schließlich kommt die Untersuchungskommission, der auch Weltraum-Star Neil Armstrong (M.) angehört, zu dem Schluss, dass ein Konstruktionsfehler die Ursache war. Der war, so der 256 Seiten starke Untersuchungsbericht, schon lange bekannt, galt aber unter Experten nicht als gefährlich - bis heiße Gase, extreme Kälte und poröse Dichtung sie eines Schlechteren belehrten.

Die Kommission empfiehlt, den Ingenieuren mehr Mitspracherecht zu geben - schließlich hat ein Konstrukteur vor dem Start gewarnt. Ein Punkt in einer langen Liste mit Verbesserungsvorschlägen; ganz oben steht "change the faulty joint!", auf deutsch etwa: Tauscht die Dichtungen aus. Die Nasa baut um und baut neu, nimmt mehr als 300 Änderungen am Space-Shuttle vor. Zwei Jahre dauert das, solange ruht das Programm - finanziell und technisch ein schwerer Rückschlag. Erst 1988 startet die Discovery ins All - keine neue Raumfähre, aber im neuen Gewand.

Die Nasa setzt die Raumfähren jetzt vor allem für Transporte zu den Raumstationen MIR und ISS ein. Dann der nächste schwarze Tag: Die Columbia verglüht 2003 auf dem Rückweg zur Erde. Auch diesmal stirbt die Mannschaft - und wird jedes Jahr offiziell geehrt, wie alle Toten der US-Raumfahrt. Diese letzte Katastrophe bringt das Aus für das Space Shuttle-Programm, das schon lange als veraltet, teuer und zu riskant gilt. 2011 findet der letzte der insgesamt 135 Flüge statt. Kommerzielle Anbieter wollen aber nachrücken, und auch die Nasa hat den Traum vom billigen Arbeitspferd nicht aufgegeben. Sie arbeitet schon am Nachfolge-Programm - mit Kapseln, die am Fallschirm zurückschweben.

Stand: 28.01.2016, 06:00 Uhr