Busfahren bald ohne Haltestellen?

Ein Linienbus

Neues Pilotprojekt

Busfahren bald ohne Haltestellen?

Von Benjamin Esche

Weil viele Buslinien besonders in ländlichen Regionen zu teuer sind, tüfteln Verkehrswissenschaftler an neuen Nahverkehrskonzepten. Das könnte bald zum Wegfall von Haltestellen führen. Helfen sollen Smartphone-App und GPS-System.

Busfahren ohne feste Haltestellen? Bisher ist das undenkbar. Doch Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickeln dazu nun ein neues Buskonzept, das sich am Transportbedarf der jeweiligen Region orientiert. Die Idee: Fahrgäste sollen nicht mehr zur nächsten Haltestelle laufen, sondern mithilfe von Smartphone oder dem PC ihren Fahrtwunsch direkt an den Busbetreiber übermitteln. "Das funktioniert per App in Echtzeit", erklärt Matthias Klötzke vom Institut für Fahrzeugkonzepte des DLR. "Das System sagt dann, an welcher Straßenecke oder Ampel man wann zusteigen kann."

Das Ziel der DLR-Wissenschaftler ist die Entwicklung eines effizienten Nahverkehrssystems, welches sich an der Anzahl der Fahrgäste orientiert und somit den Verkehr entlastet. Hinzu kommt, dass sich vor allem in ländlichen Regionen der Betrieb vieler Buslinien oft nicht lohnt. Darum testet das DLR die neue Technik in einem Pilotprojekt in Schorndorf, einer 40.000-Einwohner-Stadt in Baden-Württemberg. Dort werde vor allem außerhalb der Hauptverkehrszeiten der öffentliche Nahverkehr als zu wenig flexibel empfunden, heißt es vom DLR. Gleichzeitig wünsche sich die Bevölkerung mehr Einfluss auf die Verkehrsplanung. "Gemeinsam mit den Bürgern wollen wir ein zukunftsweisendes und zugleich praktikables Mobilitätskonzept entwerfen und damit die Attraktivität des öffentlichen Personennahverkehrs weiter steigern", sagt Matthias Klötzke vom DLR.

Rufbusse 2.0

Das Konzept von derartigen Rufbussen ist allerdings nicht neu. "Solche Versuche hat es schon in den 1980er Jahren gegeben, damals natürlich telefonbasiert", sagt der Bonner Verkehrsexperte Heiner Monheim. Doch diese Rufbussysteme hätten sich nur vereinzelt durchgesetzt. Heute seien die Voraussetzungen durch Handys und Internet jedoch viel besser. Der Professor für Raumentwicklung und Landesplanung plädiert deswegen dafür, Rufbusse im ländlichen Raum einzuführen. "Dafür braucht man dann viele neue Klein- und Midibusse anstelle der meist viel zu großen Busungetüme, die dort heute unterwegs sind." Ein besonderer Vorteil: Die Rufbusbedienung könne auch noch im Spätverkehr, also beispielsweise nach 22 Uhr erfolgen und damit den Freizeitmarkt gut bedienen.

Smartphone mit geöffneter Bus-App

Per Smartphone schnell den Bus rufen - bald schon möglich?

Die Busse im Schorndorfer DLR-Projekt müssen für das neue Bedienkonzept der Verkehrsbetriebe nur geringfügig umgerüstet werden, erklärt DLR-Experte Klötzke: "Es wird eine GPS-Antenne auf dem Dach installiert und der Fahrer sollte mit einem Tablet ausgestattet werden." Die Leitstelle der Verkehrsbetriebe wird mit einer neuen Software arbeiten. Diese soll dabei helfen, die Kundenwünsche entgegenzunehmen, auszuwerten und schließlich Bus und Fahrgast möglichst ökonomisch und schnellstmöglich zueinander zu führen. Das sei wichtig, meint auch Verkehrsplaner Monheim. Allerdings dürfe man diese Systeme nicht ausschließlich auf das Internet zuschneiden: "Vor allem in der älteren Generation gibt es noch viele Menschen, die kein Internet haben und es bedienen können."

Flächendeckende Einführung möglich

Eine flächendeckende Einführung solcher Bussysteme hält Heiner Monheim für möglich. "Die Landkreise als Aufgabenträger des ländlichen Busverkehrs müssten aber ihr Angebot nicht nur auf den Schülerverkehr ausrichten, sondern auch die sonstige Mobilität im Einkaufs-, Freizeit- und Berufsverkehr bedienen." Außerdem bedarf es weiterer Förderprogramme der Bundesländer. Dabei sollten die Verkehrsbetriebe verstärkt auf Mini- und Midibusse setzen. "Diese Busse lassen sich auch als Elektrobusse fahren", so Monheim. Damit diese Systeme gut angenommen werden, müsse man sie offensiv bewerben. "Und natürlich sollten sie tariflich in den normalen öffentlichen Verkehr integriert sein." Dann werde es auch massenhafte Umsteiger vom Auto in Busse und Bahnen geben, glaubt der Verkehrsexperte. "Vor allem die vielen kurzen innerörtlichen Autofahrten kann man so leicht ersetzen."

Das Busfahrprojekt des DLR in Schorndorf ist erst mal auf drei Jahre angelegt und soll voraussichtlich 2018 konkret auf den Straßen erprobt werden. Das Land Baden-Württemberg unterstützt das Projekt mit 1,2 Millionen Euro Fördergeldern. Verkehrsexperte Monheim ist überzeugt: "Gäbe es ein bundesweites Busförderprogramm und könnten die Gemeinden und Kreise ihre Investitionen in solche Systeme durch eine Umlage finanzieren, dann wäre sehr bald im ganzen Land eine Renaissance von Bussen und Bahnen möglich." Deutschland würde dann endlich seine klima- und energiepolitischen Hausaufgaben in der Mobilität erledigen und raus aus dem Dauerstau kommen, der in der Region Stuttgart besonders schlimm ist.

Stand: 03.02.2016, 06:00