Lebensgefahr aus der Muckibude

Antidoping Agentur warnt

Lebensgefahr aus der Muckibude

Auf dem Weg zur Bodybuilderfigur sind verbotene Anabolika unter Kraftsportlern mittlerweile sehr verbreitet. Auch die Nationale Antidoping Agentur beschäftigt sich mit den Gefahren. Am Dienstag (16.06.2015) stellte sie die Jahresbilanz für 2014 vor. Der Kampf gegen Doping ist auch im Leistungssport nicht leicht.

Seine Oberarme seien dünner als die Unterarme gewesen, erinnert sich Manuel - der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte - noch mit Schaudern. 54 Kilo wog der junge Mann einmal, keine Spur einer "Statur von Mann" sei an ihm zu erkennen gewesen. Er begann, im Fitnesstudio zu trainieren. Doch der gewünschte Erfolg ließ auf sich warten: "Man hat immer noch nur Knochen gesehen". Manuel wurde ungeduldig - und begann Anabolika zu nehmen. Zunächst Tabletten, dann begann er, sich Testosteron zu spritzen.

Besonders unter Kraftsportlern und in der Bodybuilderszene seien leistungssteigernde, verbotene Substanzen sehr verbreitet, sagt Hans-Georg Predel, Professor am Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. Anabolika stünden dabei ganz oben auf der Liste, gefolgt von Diuretika - entwässernden Medikamenten, die das Gewicht senken - und Stimulantien. "Epo spielt bei Kraftsportlern kaum eine Rolle", so Predel, allein die Beschaffung des vor allem aus dem Radsport bekannten Dopingmittels sei viel zu schwierig.

Bilanz für 2014 - 14.000 Kontrollen, 86 Verstöße

Doping im Sport. Das ist indes auch im Leistungssport weiter ein Problem. Der Kampf gegen Doping ist nicht einfacher geworden. Aber die Finanzierung läuft besser als in der Vergangenheit. Außerdem hilft das Anti-Doping-Gesetz. Mit dem Gesetzt werde die Verfolgung der Hintermänner nachhaltig gestärkt, sagte Lars Mortsiefer, Vorstand der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) am Dienstag (16.06.2015) bei der Vorstellung der Jahresbilanz 2014.

Im vergangenen Jahr gab es fast 14.000 Kontrollen - 8.652 davon im Training. Zudem wurden 2014 in Deutschland insgesamt 5.257 Wettkampfkontrollen durchgeführt, davon 1.375 durch die NADA. Es gab 86 mögliche Verstöße gegen die Anti-Doping-Bestimmungen: 57 im Wettkampf, 25 im Training und vier sonstige mögliche Verstöße. 22 Athleten wurden sanktioniert. Es gab aber auch vier Freisprüche vom Verdacht, gedopt zu haben.

Langzeitfolgen: Von Akne bis Herzinfarkt

Was Profisportler und Hobbysportler gemeinsam haben: Sie nehmen Nebenwirkungen des Dopings in Kauf. Die Langzeitfolgen besonders der Anabolika seien "absolut nicht zu unterschätzen", warnt der Kölner Mediziner. Angefangen bei akneartigen Hautveränderungen über Leberschäden - bei der Einnahme von Pulvern und Tabletten -, schwere Herzkreislaufprobleme, Bluthochdruck bis hin zu einem erhöhten Herzinfarktrisiko. Anabolika hätten einen Umbauprozess des Herzens zur Folge, "der die Ursache für viele Todesfälle in der Branche ist". Völlig unterschätzt werde von den Betroffenen offenbar auch die Auswirkung solcher Mittel auf die Geschlechtsorgane: Bei Männern sei häufig eine Störung der Hodenfunktion zu beobachten, die zur Unfruchtbarkeit führen könne. Und schließlich hätten viele Konsumenten von Anabolika im Lauf der Zeit mit schweren psychischen Störungen zu kämpfen: Einem verstärktem Aggressionspotential oder erheblichen Schlafproblemen.

Dass die Wirkung von Anabolika auf den Körper mit der anderer Drogen vergleichbar ist, zeigten die Entzugserscheinungen, die auftreten, wenn Konsumenten die Mittel nach längerem Gebrauch plötzlich absetzen, berichtet Predel: "Häufig sind psychische Erscheinungen wie Depressionen oder Schlafstörungen." Die gute Nachricht: Bei stark belasteten Organen wie Leber oder Herz setze nach vollständigem Entzug der Mittel sofort eine Regeneration ein.

Gefährliche Pülverchen aus dem Drogeriemarkt

Aber auch Sportler, die auf die einschlägigen Anabolika verzichten, laufen Gefahr, verbotene, leistungssteigernde Substanzen unwissend zu sich zu nehmen: Hochkonzentrierte Vitamine oder Mineralstoffe, verpackt in Pulver, Gels oder Energieriegel, enthalten häufig für Sportler verbotene Substanzen wie Steroidhormone oder deren Vorläufer - viele davon erhältlich in Drogerie- oder Supermärkten. Die Herstellungskriterien für solche Nahrungsergänzungsmittel sind deutlich weniger streng als für Präparate mit Arzneimittelzulassung.

"Im Leistungssport ist das ein Riesenproblem", sagt der Mediziner, selbst geringste Konzentrationen solcher Substanzen, unbewusst über scheinbar harmlose Nahrungsergänzungsmittel eingenommen, führe bei Dopingkontrollen zum Aus. Mit der "Kölner Liste" bietet die Sporthochschule Köln daher eine Aufstellung der im Handel erhältlichen Nahrungsergänzungsmittel, die keine dopingrelevanten Substanzen enthalten.

Arzt hat Schweigepflicht

Rücken eines Bodybuilders

Viele scheuen den Besuch eines Arztes

Zweifel kommen vielen Kraftsportlern erst, wenn der Körper bereits massive Symptome zeigt. Den Gang zum Arzt scheuen dann dennoch viele Betroffene - aus Angst, als Konsumenten verbotener Substanzen strafrechtlich verfolgt zu werden. Sportmediziner Predel winkt ab: "Die ärztliche Schweigepflicht schützt den Betroffenen in jedem Fall davor." Im Zweifel rate er, den Arzt zu Beginn des Gesprächs noch einmal an seine Schweigepflicht zu erinnern.

Manuel, der mittlerweile auf ansehnliche Muskelpakete an seinen Oberarmen blickt, sagt, ihm sei die sportliche Figur wichtiger als die Gefahren, denen er seinen Körper durch das Doping aussetzt. Und seine Freundin sagt, sie müsse sich im Freibad endlich nicht mehr schämen mit ihm.

Stand: 16.06.2015, 06:00