Nackte Arme gegen Keime

Ärzte während einer Visite

Asklepios schafft Arztkittel ab

Nackte Arme gegen Keime

Von Matthis Dierkes

Als bundesweit erster großer Klinikbetreiber will Asklepios langärmlige Kittel abschaffen. Künftig sollen sowohl Ärzte als auch Pflegepersonal kurzärmlig arbeiten. Hintergrund ist die Sorge vor einer Ansteckung mit gefährlichen Keimen.

Der klassische Arztkittel gilt schon lange als Keimschleuder. Studien haben gezeigt, dass ein Großteil von ihnen mit potenziell krank machenden Krankenhauskeimen belastet ist - darunter auch mit solchen, die gegen Antibiotika resistent sind.

Ärzte desinfizieren zwar vor jedem neuen Patientenkontakt ihre Hände. Die Kittel wechseln die meisten aber nicht. Dabei berühren die Mediziner häufig mit ihren langen Ärmeln den Patienten. Die Folge: Keime können am Stoff haften bleiben und sich im Krankenhaus verteilen.

Kasack für Pfleger und Ärzte

Künftig sollen die etwa 4.000 Ärzte der Asklepios-Kliniken GmbH einen sogenannten Kasack tragen. Nach Angaben der Konzernleitung handelt es sich um ein weißes Hemd mit kurzen Ärmeln und Stehkragen. Seine nackten Unterarme kann der Arzt somit nach jeder Untersuchung gründlich reinigen. Pflegekräfte bekommen eine ähnliche Arbeitskleidung. Sie unterscheidet sich nur durch einen grau und grün abgesetzten V-Ausschnitt.

Der Umstieg von Kittel auf Hemd ist jedoch für manche Ärzte ein Affront. Gerade für ältere Mediziner sei das langärmlige weiße Kleidungsstück immer noch ein Statussymbol, auf das sie ungern verzichten wollten, so Asklepios-Geschäftsführer Kai Hankeln. Manch einer glaube sogar an einen Placeboeffekt. Demnach fühle sich der Patient besser und werde schneller gesund, wenn er von einem Arzt im Kittel behandelt werde.

Das Team der ZDF-Serie "Die Schwarzwaldklinik"

In der Schwarzwaldklinik noch selbstverständlich: Ärzte tragen lange, weiße Kittel.

Nervös durch weiße Kittel

In der Wissenschaft ist allerdings auch das Gegenteil bekannt: So gibt es zum Beispiel den sogenannten Weißkittel-Effekt. Dabei hat man festgestellt, dass manche Patienten einen höheren Blutdruck als sonst haben, wenn der Arzt ihn misst. Die Werte werden also durch die Anwesenheit des Mediziners verfälscht. Offenbar liegt das an der Autorität des Arztes, zu der für viele Patienten auch der klassische weiße Kittel gehört.

Krankenpflegerinnen in der Klinik

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt kurze Ärmel.

Experten wie Arne Simon vom Robert-Koch-Institut halten eine heilende Wirkung des weißen Kittels ohnehin für Unsinn. Für das Wohlbefinden des Patienten sei wichtiger, dass der Arzt gemeinsam mit dem Patienten ruhig, sachlich und verständlich über seine Situation spreche. 

Weitere Kliniken gegen den Kittel

Die Abschaffung des Arztkittels im Asklepios-Konzern könnte einen Trend auslösen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt seit längerem kurze Ärmel als Standard der Krankenhaustracht. In manchen Einrichtungen wie dem Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf müssen die Mediziner ihren Kittel an einen Haken hängen, bevor sie sich dem Patienten widmen. Außerhalb der Behandlungszimmer ist das "langärmlige Statussymbol" weiterhin erlaubt.

Stand: 01.02.2016, 14:00