Unfallrisiko: Online beim Autofahren

Unfallrisiko: Online beim Autofahren

Während der Fahrt Mails beantworten, mit Freunden twittern und immer wissen, was gerade in der Welt passiert – die neuen Autos mit Internetverbindung machen es möglich. Doch lenkt das beim Fahren nicht zu sehr ab?

Innenminister Ralf Jäger (SPD) beschrieb einen typischen Unfall, der die Polizei aufmerken lasse: "Es ist beste Sicht, kein Regen, kein Schnee, keine Kurven und dennoch fährt ein Autofahrer gegen einen Baum." War der Fahrer durch sein Handy am Steuer abgelenkt? Um diese Frage zu klären, beschlagnahmt die Polizei nun vermehrt nach derartigen Unfällen die Smartphones der Fahrer. 339 Geräte wurden 2015 sichergestellt. Das sagte der NRW-Innenminister bei der Vorstellung der Verkehrsunfallstatistik 2015 am Montag (15.02.2015) in Düsseldorf.

Kurzer Blick aufs Handy - 30 Meter Blindflug

Jäger veranschaulichte die Gefahr der Handynutzung am Steuer mit einer eindrücklichen Zahl: "Wer bei Tempo 50, also innerorts, nur zwei Sekunden auf sein Handy schaut, fährt 30 Meter im Blindflug." Genau diesen Hinweis gab der Minister auch schon vor einem Jahr, als er die Zahlen für 2014 vorstellte. Aber verbessert hat sich die Situation seitdem nicht, ganz im Gegenteil. Die Zahl der festgestellten Delikte hat im Vergleich zum Vorjahr um rund 14.000 zugenommen.

Großes Dunkelfeld bei Handynutzung am Steuer

Bei 182 Unfällen konnte die Polizei in NRW nachweisen, dass sie durch die Handynutzung verursacht wurden. In drei Fällen endete der Unfall sogar tödlich. "Das ist wie eine Seuche", bilanzierte der Minister. "Jeder weiß es, trotzdem machen es viel zu viele." Deshalb müsse die Gesetzgebung an diese neue Entwicklung angepasst werden, forderte Jäger. Es könne nicht sein, dass diejenigen, die ein Auto mit Start-Stopp-Automatik fahren, an der Ampel ihr Handy nutzen dürfen, während all jene ohne diese technische Neuerung in derselben Situation 60 Euro Strafe zahlen müssten. Eine entsprechende Gesetzesänderung müsste jedoch der Bund in Angriff nehmen.

Aktuelle Langzeitstudie zu Gefahren durch Nutzung elektronischer Geräte am Steuer

Mit Bezug auf eine jüngst in den USA veröffentlichte Langzeitstudie warnt auch Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt: "Abgelenkte Autofahrer sind eines der großen Unfallrisiken im Straßenverkehr". Die aktuelle Studie der Universität Virginia liefert erstmals genaue Einblicke in die Gefahren elektornischer Geräte am Steuer. Drei Jahre lang haben die Forscher das Fahrverhalten von 3500 Autofahrern aller Altersklassen analysiert. Eines der Ergebnisse: Wer am Lenkrad mit dem Smartphone hantiert, hat ein dreifach erhöhtes Risiko zu verunglücken. Schärfere Strafen, Kontrollen und Verbote können das Problem aber nach Ansicht des Bundesverkehrsministeriums allein nicht lösen. Ganz wichtig sei auch die Aufklärungsarbeit, zitiert die Süddeutsche Zeitung (24.2.2016).

Mehr tote Fußgänger und Motorradfahrer

Die Zahl der Verkehrstoten ist nahezu gleich geblieben: 521 Menschen starben 2015 in NRW im Straßenverkehr, das ist einer weniger als im Vorjahr und das zweitniedrigste Ergebnis seit Einführung der Unfallstatistik im Jahr 1953. Aber das ist kein Grund zur Freude, denn die Zahl der toten Fußgänger und Motorradfahrer hat zugenommen. Die Zahl der tödlich verunglückten Fußgänger stieg um sieben Prozent auf 123, davon waren 66 Senioren. Mit 83 Motorradfahrer starben 13 mehr als im Vorjahr. 56 von ihnen hatten den Unfall nach Angaben des Innenministeriums selbst verursacht. Jäger appellierte an die Biker, ein Fahr- und Sicherheitstraining zu absolvieren. Er selbst würde dies als Motorradfahrer jedes Frühjahr machen.

Rasen ist "Killer Nummer eins" im Straßenverkehr

Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger während einer Pressekonferenz zur Verkehrsunfallstatistik

Ralf Jäger präsentierte Unfallzahlen

Für alle Unfalltoten des Jahres 2015 gilt: "Es bleibt dabei, Killer Nummer eins im Straßenverkehr ist eine zu hohe Geschwindigkeit." Ralf Jäger wies darauf hin, dass allein 158 Menschen im Straßenverkehr starben, weil Menschen zu schnell Auto gefahren sind. Auch hier verdeutlichte der Minister mit Zahlen, wie folgenreich eine überhöhte Geschwindigkeit sein kann: Verursache ein Pkw mit 65 Kilometern pro Stunde einen Unfall, dann sterben acht von zehn Beteiligten. Fährt er hingegen nur 15 km/h langsamer, nämlich 50 km/h, dann überleben acht von zehn.

Alkoholfahrten stark rückläufig

Erfreulich sei, dass die Zahl von Alkohol- und Drogendelikten hinterm Steuer seit Jahren "sehr stark rückläufig" ist. So stark, dass das Ministerium noch nicht einmal Zahlen dazu zusammengestellt hat. Ralf Jäger erklärt diesen starken Rückgang damit, dass Trunkenheitsfahrten heute im Bewusstsein der Menschen alles andere als Kavaliersdelikte sind. Eine gesellschaftliche Entwicklung, die er sich auch für einen anderen Punkt wünscht: "Wir müssen lernen, dass es nicht sozial akzeptabel ist, durch Städte zu rasen." In den Gesamtkomplex des Rasens gehört auch das Drängeln. Die sogenannten Abstandsdelikte sind im Vergleich zum Vorjahr von 47.000 auf 56.000 Fälle gestiegen.

"Es geht hier um Leben und Tod."

Bei der Vorstellung der Zahlen wurde NRW-Innenminister Ralf Jäger nicht müde, immer wieder zu betonen, wie wichtig die Verkehrssicherheit sei: "Es geht hier um Leben und Tod." Darum werde man auch angesichts der Flüchtlingskrise und weiter gestiegener Aufgaben für die Polizei an den notwendigen Verkehrskontrollen festhalten. Und Jäger kündigte an, dass sich NRW am nächsten europaweiten Blitzmarathon im April 2016 beteiligen werde.

Stand: 15.02.2016, 19:24