Horror auf Rädern - Gefahrgut-Unfälle stellen Rettungskräfte vor Probleme

Gefahrgut-Unfall auf A44 bei Erwitte

Horror auf Rädern - Gefahrgut-Unfälle stellen Rettungskräfte vor Probleme

Von Holger Pauler

Beim Crash eines Lkw mit unbekannter Ladung ist die Absicherung und Beseitigung der Unfallstelle heikel. Die Fahrbahnen müssen oft für viele Stunden gesperrt werden.

Ende Juni wurde die A44 zwischen Geseke und Erwitte/Anröchte für 20 Stunden gesperrt. Ein Lkw mit Löse- und Reinigungsmitteln war umgekippt. Die Chemikalien flossen ins Erdreich, der Boden musste abgetragen werden. Da die Unfallstelle im Wasserschutzgebiet lag, durften die örtlichen Landwirte einen Tag lang kein Grundwasser entnehmen.

Eine direkte Bedrohung der Bevölkerung habe laut Wasserbehörde Soest nicht bestanden. Dennoch habe man auf Nummer sicher gehen wollen und „maximale Maßnahmen“ ergriffen, so Sprecher Norbert Vogel. Erschwert wurde das, weil die Angaben in den Begleitpapieren nicht mit der Ladung übereinstimmten.

Derartige Ereignisse sind keine Ausnahme. Im Jahr 2015 verzeichnete die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) auf Autobahnen 156 Unfälle mit Gefahrguttransportern. Die Lkw hatten entzündliche Stoffe, Flüssigkeiten und Gase, ätzende oder explosive Substanzen geladen. Allein 33 Ladungen waren ohne nähere Angaben.

Gefahrgut-Unfall auf A44 bei Erwitte

Der Gefahrgut-Unfall auf der A44 sorgte für eine lange Sperrung der Fahrbahn.

Allerdings ist seit einigen Jahren die Zahl der Unfälle leicht rückläufig. „Gefahrguttransporte sind im Umweltrecht am stärksten reglementiert“, sagt Andrea Heid, Bereichsleiterin Umweltschutz, Anlagensicherheit und Verkehr beim Verband der Chemischen Industrie (VCI). Der Verband setzt vor allem auf Prävention: „Jeder Aspekt der Transportkette wird betrachtet“, erklärt Heid. Es gebe Checklisten für die Praxis und entsprechende Anforderungsprofile für Dienstleister. Außerdem würden Fahrer und Mitarbeiter in den Betrieben regelmäßig geschult: Eine Kennzeichnungspflicht ist im Europäischen Übereinkommen für die internationale Beförderung gefährlicher Güter auf der Straße (ADR) geregelt. In der bundesdeutschen Gefahrgutverordnung (GGVSEB) sind zudem Substanzen gelistet, die nicht auf der Straße transportiert werden dürfen.

Und dies aus gutem Grund: Auf der Straße ist das Unfallrisiko besonders hoch. Ein Grund seien die vielen Baustellen, sagte ein Sprecher der Autobahnpolizei Dortmund, die auch für die A44 zuständig ist. Auf deutschen Autobahnen wird aktuell an ca. 470 Stellen gebaut. Die „Verkehrsprognose 2030“ des Bundesverkehrsministeriums (BMVI) rechnet damit, dass der Güterverkehr in den nächsten 15 Jahren um 38 % zunehmen werde.

Unfälle lassen sich nicht vollständig vermeiden. Beim VCI ist man auf den Ernstfall vorbereitet. Das dort angesiedelte Transport-Unfall-Informations- und Hilfeleistungssystem (TUIS) unterstützt seit 1982 bei Transportunfällen mit chemischen Produkten die öffentlichen Einsatzkräfte. Die aktuelle TUIS-Statistik zeigt, dass dies immer seltener in Anspruch genommen wird. Die Sicherheit der Transporte sei gestiegen, „außerdem sind die öffentlichen Gefahrenabwehrkräfte besser ausgerüstet“, meint Heid.

Dennoch gibt es immer wieder Probleme, wie nicht nur der Fall der A44 zeigt. Das Bundesamt für Güterverkehr (BAG) stellte im Jahr 2015 bei Routinekontrollen an rund 20 000 Gefahrguttransportern mehr als 5000 Verstöße fest. Bei 2250 Transporten waren Beförderungspapiere oder Kennzeichnungen fehlerhaft.

„Wenn die beförderten Güter nicht mit den Informationen im Beförderungspapier übereinstimmen, ist dies in der Regel ein schwerwiegender Verstoß, der zu einer Unterbrechung der Weiterfahrt bis zur Beseitigung des Mangels führen wird“, heißt es aus dem Verkehrsministerium. Im Fall des Transports, der auf der A44 verunglückt ist, kamen die Informationen leider zu spät.

Stand: 31.08.2017, 10:32

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